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Medientreffpunkt: Ostdeutschland kommt im Fernsehen immer weniger vor

Medientreffpunkt: Ostdeutschland kommt im Fernsehen immer weniger vor

Unter dem sperrigen Titel „Mediale Vereinigungsbilanzen - Wo bleibst Du, Ostdeutschland?“ wurde am Mittwoch beim Medientreffpunkt Leipzig eine Studie der Universität vorgestellt, die die Rolle der neuen Bundesländer im nationalen Fernsehen untersucht.

Leipzig. Fazit der vom Mitteldeutschen Rundfunk und den mitteldeutschen Landesmedienanstalten beauftragten Untersuchung: In den überregionalen Programmen von ARD, ZDF, SAT.1 und RTL sind ostdeutsche Themen nach wie vor unsichtbar. Ganz anders natürlich beim Mitteldeutschen Rundfunk. Hier gibt es eine 13 Mal so häufige Erwähnung spezifisch ostdeutscher Themen wie auf den überregionalen Sendern.

„20 Jahre MDR sind ein guter Anlass, auf die Rolle der Medien zu schauen. Die Medien sind und bleiben Teil der Gesellschaft. Wir liefern 10,5 Prozent des ARD-Programms zu und sind darum froh, anhand der Studie aus externer Sicht zu erfahren, wie unser Auftrag, zur inneren Einheit beizutragen, umgesetzt wird“, sagte Karola Wille, juristische Direktorin und stellvertretende Intendantin des MDR.

Uwe Grüning, Präsident des Medienrates der Sächsischen Landesmedienanstalt, bezeichnete eingangs das Thema als „außerordentlich interessant“, auch vor dem Hintergrund, dass die junge Gesellschaft den Einigungsauftrag gar nicht mehr kenne und nichts damit anzufangen wisse. „Sie wächst wie selbstverständlich in einem gemeinsamen Deutschland auf.“

Werner Früh, Professor für Empirische Kommunikations- und Medienforschung an der Universität Leipzig, präsentierte die wesentlichen Kernpunkte der Studie unter zwei Gesichtspunkten. „Es gibt einmal die Missachtungsthese, die unterstellt, Ostdeutschland werde im Fernsehen unzureichend dargestellt. Und auf der anderen Seite die Diskriminierungsthese, die unterstellt, Ostdeutschland werde zu abschätzig bewertet“, so Werner Früh. Beides konnte am Ende bestätigt werden. Der Untersuchung zugrunde lagen 4535 Beiträge, die analysiert wurden.

Nordrhein-Westfalen liegt bei der Nennung von Bundesländern dabei an der Spitze, das Saarland am Ende. Im zweiten Drittel liegt Sachsen, im hinteren Drittel Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie Ostdeutschland allgemein. Weitere vordere Plätze belegen Berlin, Bayern und Hamburg. Warum diese Verteilung zustande kommt, darüber konnte Früh nur spekulieren. „Allein mit den Einwohnerzahlen kann es nicht erklärt werden, denn dann würde Berlin nicht ganz knapp hinter Nordrhein-Westfalen liegen“, meinte er.

Spezifische Ost-Themen, die mit der Einheit im Bezug stehen oder nach der Wiedervereinigung die Debatte prägen, finden im überregionalen TV-Programm von ARD, ZDF, SAT.1 und RTL „im Grunde keine Erwähnung“, wie Werner Früh erläuterte. Hier decke sich die aktuelle Studie mit den Ergebnissen einer ähnlichen Studie aus dem Jahr 1999. „Von 3226 Beiträgen kommen Ost-Themen nur 43 Mal vor. Am häufigsten Arbeitslosigkeit, Stasi-Vergangenheit oder die allgemeine soziale Situation“, sagte er.

Anders die Situation im MDR: Kunst und Kultur, Ost-Produkte, Wirtschaftsentwicklung oder die Ost-West-Integration stünden hier thematisch auf dem Programm. Elf Prozent der MDR-Beiträge würden sich um Ostdeutschland drehen, bei den überregionalen betrage diese Zahl nur 1,3 Prozent.

Überraschend die Ergebnisse der Diskriminierungsthese. Hier wurden 4500 Beiträge mit 7700 Akteuren dahingehend untersucht, ob sie wertende Äußerungen abgaben und wenn ja, mit welcher Tendenz. „Ostdeutsche geben seltener Wertungen ab als Westdeutsche. Und Ostdeutsche bewerten die eigenen Landsleute sehr negativ, wobei Westdeutsche die Ostdeutschen überwiegend positiv bewerten“, zitierte Werner Früh die Studie. Demnach seien Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft, Kompetenz, Bildung und Motivation Attribute, mit denen Ostdeutsche glänzen könnten. Allerdings seien Ostdeutsche auch aggressiv.

Die typischen Reizthemen vergangener Jahre würden kaum noch eine Rolle spielen. So seien Thesen wie „Der Osten ist undankbar“ oder „Der Westen hat uns die soziale Absicherung genommen“ in der Alltagsberichterstattung nahezu unsichtbar. In der anschließenden Podiumsdiskussion versuchte Wolfgang Kenntemich, Chefredakteur des MDR, dies so zu erklären: „Vielleicht findet das allmählich sein biologisches Ende, weil die nächsten Generationen in den Redaktionen solche Vorurteile von vornherein ausbügeln oder gar nicht mehr hegen.“ Er wünschte sich vor allem von den privaten Fernsehsendern, dass die ihre Zielgruppe nicht nur durch Skandalisierung und Emotionalisierung abgreifen, sondern sich wirklich mit der Zielgruppe befassen und den ehrlichen Diskurs zwischen Ost und West fördern.

Martin Heine, Direktor der Medienanstalt Sachsen-Anhalt dagegen meinte, die privaten Sender böten bereits jetzt genügend Stoff, bei dem sich die ostdeutsche Zielgruppe mit der eigenen Region identifizieren könne. „Nehmen Sie doch nur 'Deutschland sucht den Superstar'. Die Bewerberinnen aus Sachsen-Anhalt haben immer für Gesprächsstoff gesorgt“, schmunzelte er. Auch der „Bundesvision Song Contest“ von Pro Sieben sei so ein Beispiel. „Die ostdeutsche Band Silly kam auf den zweiten Platz – die bundesweite Wahrnehmung des Landes Sachsen-Anhalt war enorm“, meinte er.

Und Jochen Fasco, Direktor der Thüringischen Landesmedienanstalt fasst zusammen: „Wir lernen aus der Studie, dass Medien nach wie vor einen großen Anteil an der bundesdeutschen Einheit haben und sich dessen auch weiter bewusst sein müssen. In Summe aber sind es die Menschen selbst, die entscheiden, wie sie damit umgehen.“

Daniel Große

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