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Merkel bei Auftritt in Annaberg-Buchholz ausgepfiffen

Wahlkampf Merkel bei Auftritt in Annaberg-Buchholz ausgepfiffen

Eigentlich sollte es für Angela Merkel ein ganz normaler Wahlkampf-Auftritt werden. Doch Anhänger von AfD und Pegida empfingen die Kanzlerin am Donnerstag in Annaberg-Buchholz mit einem Pfeifkonzert.

Bei ihrem Auftritt in Annaberg-Buchholz wurde die Kanzlerin teils übelst beschimpft.

Quelle: dpa

Annaberg-Buchholz. High Noon im Erzgebirgskreis: Über den engen Gassen von Annaberg-Buchholz knallt die Sonne, schwer bewaffnete Polizisten patrouillieren durch die Stadt. Bis hoch zur St. Annenkirche stehen die Einsatzfahrzeuge dicht aufgereiht - es ist kein Tag wie jeder andere in der 20.000-Einwohner-Stadt.

Ein ganz in Schwarz gekleideter und schwer bewaffneter Mann von den Spezialkräften holt sich im „Café Gutgusch`l“ am Markt eine Tüte Eis. Dort sitzen unter dem Sonnenschirm auch Jeanette (31), Verkäuferin, und Luisa (23), Mitarbeiterin in einem Nagelstudio, die das Treiben neugierig verfolgen. Beide sind aus Schwarzenberg  herübergekommen, um zu shoppen. Der Besuch der Kanzlerin? „Wer waas, ob die ieberhaupt kimmt“, zweifelt Jeanette im schönsten Dialekt.  

Bei einem Wahlkampfauftritt in Annaberg-Buchholz ist Kanzlerin Angela Merkel beschimpft und ausgepfiffen worden.

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„Heite musste Dich mal benemme“, ist sich dagegen ein Mann in orangener Handwerkerkluft nebenan sicher und ulkt mit seinem grinsenden Kollegen. Vor dem Rathaus sitzen derweil ein paar Flüchtlinge und schauen mit einer Mischung aus Neugier und Ratlosigkeit zur noch leeren Bühne herüber. Eine Traditionsfleischerei  verkauft Bratwürste im Akkord.

Allmählich verdunkelt sich der Himmel, Wind kommt auf und eine kurze Husche zieht durch. Und mit ihr erscheint endlich auch die Kanzlerin. 17.03 Uhr marschiert die CDU-Bundesvorsitzende Angela Merkel auf den Markt, flankiert von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Bundesinnenminister Thomas de Maizíère (beide CDU). Die Kanzlerin lebt Kontraste. Am Mittwoch war Merkel noch in der schönen, neuen Werbewelt der Youtuber, heute besucht sie das traditionsbewusste Erzgebirge zum Bundestagswahlkampfauftakt der Sachsen-CDU. Es gibt freundlichen Beifall, aber aus den hinteren Reihen auch gellende Pfiffe. Dort wird unter anderem ein AfD-Transparent hochgehalten. Merkel lässt sich davon nicht beirren, wählt trotzdem den weg durch die Menge und lächelt im Petroleum-farbenen Blazer ins überwiegend aufnahmebereite Publikum, das Schilder mit dem Motto  „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gern leben“ zeigt. Dann sagt sie in die Richtung der Protestierer: „Manche wollen zuhören, andere können einfach nur schreien.“

Sachsens Regierungschef Tillich ist es dann, der zuerst daran erinnert, dass im Erzgebirgskreis 2005 noch über 20 Prozent Arbeitslosigkeit herrschten. Daraus sei mittlerweile mit 5,3 Prozent die niedrigste Quote im Freistaat geworden. Die Werte des Grundgesetzes seien nicht verhandelbar, sagt er in Richtung Gegendemonstranten und verteidigt auch Merkels Asylpolitik. „Das Miteinander macht uns stark, nicht das Gegeneinander.“

Dann tritt die Kanzlerin ans Mikrofon. Sie verspricht Steuererleichterungen für kleine und mittlere Einkommen, ohne neue Schulden zu machen. „Gerechtigkeit heißt auch Gerechtigkeit zwischen den Generationen“, so Merkel. Anknüpfend an Tillich erinnert sie daran, dass im Erzgebirge viel geschafft worden sei, aber auch noch viele Probleme zu lösen wären. Als ein Beispiel nennt sie die Kriminalität in der Grenzregion zur Tschechischen Republik und fordert: „Null Toleranz zu jeder Art von Kriminalität.“ Mittlerweile gäbe es Abkommen über Gegenmaßnahmen gemeinsam mit dem Nachbarstaat, die für ihre Umsetzung aber Zeit brauchten.

Den Bogen spannt sie von der Bildungs- über die Europa- bis hin zur Flüchtlingspolitik. „Wir haben gezeigt, dass wir bereit sind, Menschen in Not zu helfen“, unterstreicht Merkel. Auch der Erzgebirgskreis habe seinen Beitrag zur Aufnahme von Flüchtlingen geleistet. Gleichzeitig macht sie klar: „Ein Jahr wie 2015 soll und darf sich nicht wiederholen.“ Und an die Flüchtlinge auf dem Platz appelliert sie: „Lernen Sie die deutsche Sprache. Nur so bekommen Sie Zugang zu Deutschland.“

Kanzlerin geht auf Demonstranten ein

Für die Kanzlerin ist Vielfalt ein Markenzeichen von Deutschland. So dankt sie auch in Annaberg-Buchholz den vielen Freiwilligen im Ehrenamt, in Feuerwehren, in Sport-, Heimat- und Bergvereinen. 17.43 Uhr ist Merkel fertig und erhält langen Applaus, aber auch nach wie vor gellende Pfiffe. CDU-Bundestagskandidat Alexander Krauß überreicht ihr einen Nussknacker, der wie Martin Luther aussieht. Die  Nationalhymne ertönt. 18 Uhr ist alles vorbei. Merkel muss weiter nach Apolda - auch in Thüringen feiert ihre Partei Wahlkampfauftakt. Anfang September will sie noch einmal nach Sachsen kommen und in Torgau auftreten.

Die Menge zerstreut sich allmählich. Viele von den Zuhörern sind heute aus den Dörfern in die Stadt gekommen, um die Kanzlerin zu sehen. Sie gehen zufrieden. Und wie hat es Jeanette und Luisa gefallen? „Geil, rischtisch geil“, sagt Luisa. „Zwei Blusen und ein Shirt  für de Hälfte im Sommerschlussverkauf.“ Und Jeanette fügt in Richtung Merkel nachdenklich hinzu: „Ideal is halt kaaner. Iech wüsste aber a net, wie man`s besser machen sull.“

Merkel wurde von Polizei geschützt. Schon zu Beginn ging die Kanzlerin auf wütenden Demonstranten ein: „Manche können nur schreien, manche wollen etwas bewegen, andere rufen nur“, sagte sie. Später verteidigte die Kanzlerin die Flüchtlingspolitik ihrer Regierung: „Wir haben gezeigt, dass wir bereit sind, Menschen zu helfen, die in Not sind. Das war ein gutes Stück Deutschland in einer humanitären Notlage.“ Eine Jahr wie 2015 solle und dürfe sich aber nicht wiederholen.

Zum Wahlkampfauftakt der Sachsen-CDU waren auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in die Erzgebirgsstadt gekommen. Für Merkel war es der erste von zwei Wahlkampfauftritten in Sachsen. Anfang September wird sie nach Angaben des CDU-Landesverbandes noch im nordsächsischen Torgau sprechen.

Roland Herold

Annaberg-Buchholz 50.578587 13.007584
Annaberg-Buchholz
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