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„Mit dem Kopf in Deutschland“: Margot Honeckers Leben in Chile - Teil 2

„Mit dem Kopf in Deutschland“: Margot Honeckers Leben in Chile - Teil 2

Frank Schumann:

Aufstehen, frühstücken, spazieren gehen, Besorgungen machen. Ein Blick ins Internet, Mails lesen und beantworten, „Presseschau“. Sie liest deutsche Online-Zeitungen, von  taz bis FAZ, von junger Welt bis Neues Deutschland.

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Seit mehr als 20 Jahren lebt die Witwe von Erich Honecker im Exil in Chile - der Autor und Verleger Frank Schumann hat Margot Honecker interviewt.

Quelle: dpa

gungen machen. Ein Blick ins Internet, Mails lesen und beantworten, „Presseschau“. Sie liest deutsche Online-Zeitungen, von  taz bis FAZ, von junger Welt bis Neues Deutschland. An manchen Tagen verbringt sie vier bis fünf Stunden im Netz. Bei der innenpolitischen Diskussion in Deutschland ist sie absolut auf dem Laufenden. Sie wusste Sachen, die an mir einfach vorbeigerauscht sind.

Benutzt sie soziale Netzwerke wie Facebook?

Nein, sie ist der klassische User. Sie surft, sie liest, korrespondiert, schreibt gelegentlich Texte für diese oder jene Zeitschrift, aber sie sammelt keine Follower ein. Wen sie erreichen will, den erreicht sie auch so. Und umgekehrt.

Hat sie Sehnsucht nach der Heimat?

Sie lebt nach meinem Eindruck nur physisch in Chile, aber mit dem Kopf in Deutschland. Sie ist ja unverändert Deutsche und keine Chilenin, auch wenn sie inzwischen fast ein Viertel ihres Lebens in Santiago lebt. Sehnsucht in dem Sinne jedoch hat sie nicht. Als ich ihr erzählte, dass ihr Geburtshaus in der Torstraße in Halle abgerissen worden sei, hat sie das eigentlich nicht weiter berührt. Sie meinte nur, dass das ja auch kein Palast gewesen sei, sondern eher eine Mietskaserne. Da ist sie sehr unsentimental.

Gibt es etwas, das sie in Chile vermisst?

Den Wald und die Pilze, sagt sie. Sie sei immer gerne Pilze sammeln gegangen. Das fehle ihr hier.

Unterwegs in Chile: "Manchmal kommt die Oma durch"

Denkt Margot Honecker über eine Rückkehr nach Deutschland nach?

Nein, definitiv nicht. Das Kapitel ist abgeschlossen.

Wird sie in Chile auf der Straße erkannt?

Nein, in Santiago leben ja über sechs Millionen Menschen und sie ist dort keine Person des öffentlichen Interesses. Einmal wurde sie angesprochen, als wir im Neruda-Museum am Pazifik waren. Die Leiterin kannte Margot persönlich, da sie mit Enkel Roberto an der Kunstakademie in Havanna studiert hatte.

Ist Margot Honecker an chilenischer Kunst und Kultur interessiert?

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Das Haus des Nobelpreisträgers Pablo Neruda in Chile - einer der wenigen Orte, wo Margot Honecker auf der Reise mit Frank Schumann erkannt wird.

Quelle: Robert Nößler

Ja, sie ist sehr aufgeschlossen. Ihr Interesse, ihre gesunde Neugier und Wachheit fand ich sehr bemerkenswert. Als wir unterwegs waren, kam zuweilen aber auch die Oma durch. Auf der Uferpromenade von San Antonio und Valparaiso erlebte ich, wie sie auf Kinder zuging und mit ihnen schäkerte. Sie spricht ja inzwischen ganz gut Spanisch.

Was hat Sie am meisten an ihr überrascht?

Auch wenn es absurd klingt: ihre Haltung zur DDR. Natürlich verteidigt sie die DDR, was richtig ist. Wer sonst sollte es tun, wenn nicht die, die dort gelebt und gearbeitet haben? Aber sie sagt auch: Die DDR ist tot, dieses Kapitel ist abgeschlossen, die Zeit des Wundenleckens ist vorbei. Sie meint damit: Der Blick zurück hilft nicht weiter. Stattdessen sollen die positiven und negativen Erfahrungen aus der DDR für die Auseinandersetzungen mit der Gegenwart und für die Zukunft genutzt werden.

"Die Frau hat unwahrscheinlich dazugelernt"

In Rezensionen Ihres Buch wird Margot Honecker als „unbelehrbar“ oder „unverbesserlich“ betitelt…

…mir scheint, dass eher jene, die diese Stereotype seit über zwei Jahrzehnten auf Margot Honecker münzen, die Unverbesserlichen und Unbelehrbaren sind. Die Frau hat sich verändert, hat unwahrscheinlich dazugelernt, dazulernen müssen: Sie hat mit über sechzig Jahren in einem fremden Land, in einem anderen Kulturkreis neu beginnen müssen – daran sind schon wesentlich Jüngere gescheitert oder sogar zerbrochen. Dass sie beim Wechsel der Kontinente, beim Überqueren des Atlantiks nun auch noch ihre politischen Überzeugungen über Bord wirft, kann doch nicht ernsthaft erwartet werden.

Räumt sie Fehler ein?

Sie weiß, dass damals Fehler gemacht wurden. Wäre das nicht so, gäbe es die sozialistischen Staaten in Europa noch. Aber sie redet nicht darüber. Für sie sind nicht die Fehler das Wesentliche der untergegangenen Gesellschaft, sondern deren Fortschritte. Was hat diese Art des Zusammenlebens an tatsächlicher Emanzipation gebracht: beim Zugang zur Bildung, bei der Gleichberechtigung der Geschlechter, bei der medizinischen Versorgung, bei der Daseinssicherung, beim sparsamen Ungang mit Ressourcen und so weiter. 

So viel Asche, wie mancher wünscht, dass sie sich aufs Haupt schütten sollte, gibt es gar nicht, um hierzulande akzeptiert zu werden. Und änderte doch am Urteil über sie nichts. Da ist man unbelehrbar. Margot Honecker steht ohne Wenn und Aber zu ihrer Vergangenheit, was wohl eine Frage des Charakters ist. Andere, die sich früher ebenfalls Kommunisten nannten und ihr oder ihrem Manne zum Munde redeten, besaßen einen solchen Charakter offenkundig nicht.

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Margot Honecker bei der Beerdigung von Luis Corvalan im Juli 2010. Der ehemalige Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chiles war im Alter von 93 Jahren nach langer Krankheit gestorben.

Quelle: dpa

Wie schätzt sie die aktuelle Situation in ihrer Heimat ein?

Ihre Haltung zu Deutschland ist durchaus kritisch. Sie erkennt, dass der Kapitalismus in einer Krise steckt, aber von Häme und Schadenfreude ist sie frei. Sie nimmt das alles aufmerksam wahr, ohne es zu bejubeln oder zu beklatschen, denn sie weiß, wer die Zeche bezahlt. Proteste und Unmutsbekundungen weltweit begleitet sie mit Sympathie, weil sie diese auch als einen politischen Emanzipationsprozess sieht, etwa die Occupy-Bewegung gegen die Macht der Banken oder das globalisierungskritische Netzwerk Attac, oder die seit Monaten in Chile andauernden Proteste von Schülern und Studenten, die sich inzwischen zu einer gesamtgesellschaftlichen Demokratiebewegung auswuchsen – zunächst ging es gegen die hohen Schul- und Studiengebühren, schließlich gegen ein reaktionäres Schulgesetz und nunmehr gegen die aus der Pinochet-Zeit rührende Verfassung.

"DDR wird reduziert auf Mauer, Schießbefehl und Stasi"

Gibt es in Ihren persönlichen Ansichten Schnittmengen mit Margot Honecker?

Ja, sicher. Zum Beispiel bei der Frage nach einer gerechteren Gesellschaft, der unbeschränkte Zugang zur Bildung inklusive. Aber auch darin, dass die Auseinandersetzung mit der DDR unzulässig reduziert wird auf Mauer, Schießbefehl und Stasi. Und bezüglich der politischen Phrase von den zwei Diktaturen in Deutschland. Das ist eine Bagatellisierung des Hitlerreiches, das Millionen Menschen industriemäßig ermordete und fast ganz Europa mit Krieg überzog, und eine Dämonisierung der DDR.

Halten zu Gnaden: 1973 zogen gemeinsam und gleichberechtigt DDR und BRD in die UNO ein, weit über hundert Staaten hatten Botschaften in Ostberlin, und Politiker insbesondere aus der Bundesrepublik drängten sich auf Protokollbildern mit Honecker, wenn sie Landtags- oder Bundestagswahlen gewinnen wollten. Gegenteiliges zu verbreiten ist nicht nur Heuchelei, sondern eine Form von Indoktrination, die inakzeptabel ist. Im Übrigen: Hat jemals ein Bundespolitiker Reue bekundet – etwa weil er damals mit Honecker ganz gut konnte? Mir ist keiner bekannt. Und: Warum sollte er auch?  

In ihrem Gespräch mit Margot ging es auch um Erich Honecker. Wie war das Verhältnis der beiden in den letzten Jahren?

Das Tagebuch lässt erahnen, dass die Beziehung sehr innig war. Sie waren sehr aufeinander fixiert. Er hat ihr ja seine Aufzeichnungen im Gefängnis Moabit gewidmet, nennt sie darin „meine Kleine“ oder „Meine Liebe“. Anderslautende Aussagen, die vor Erscheinen des Tagebuchs vom BND in den Spiegel lanciert wurden, sollten diese Botschaft vielleicht konterkarieren. Auf alle Fälle war die Meldung für die Verbreitung des Buches sehr hilfreich. Dafür bin ich den Urhebern sehr dankbar.      

Innige Beziehung: "Neben Margots Bett steht ein Bild von Erich"

In Chile verbrachten die Honeckers nur noch knapp eineinhalb Jahre zusammen, bevor Erich Honecker im Mai 1994 an Krebs starb. Wie waren diese letzten Monate?

 

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Erich Honecker im Juli 1983.

Quelle: dpa

Es war ihnen nur wenig gemeinsame Zeit beschieden. Sie waren im Garten, machten ihre Abendspaziergänge, empfingen Gäste oder besuchten chilenische Freunde aus dem Exil in der DDR. Allerdings war das Leben überschattet von seiner fortschreitenden tödlichen Krankheit, die ihn schließlich dauerhaft ans Bett fesselte. Einmal, als ich mit Margot in der kleinen Küche war, wo sie Salat und Würstchen machte, erzählte sie mir, wie sie nachts um drei die Nahrung für Erich zubereitet hätte. Sie habe gefroren wie ein Schneider: Das Haus ist nicht isoliert, in der Nacht, natürlich besonders im Winter, sinkt die Temperatur weit unter 10 Grad. Winter in Chile ist zudem wie viermal November in Leipzig, trüb und nass. Da werden andere depressiv.

Hat sie ein Bild von Erich in ihrer Wohnung?

Ja, natürlich. Im Schlafzimmer neben dem Bett steht ein sehr schönes Porträtfoto von ihm auf der Kommode, daneben ein Foto von ihrem Vater Gotthard Feist und mehrere Bilder ihrer Tochter und Enkel.

Ihre Bücher verkaufen sich blendend. Wer sind Ihre Leser?

Vor allem politisch und historisch interessierte, aufgeschlossene Menschen, die sich mit dem denunziatorischen Einheitsbrei, der über die DDR verbreitet wird, nicht zufrieden geben. Zunehmend junge Leute, vor allem aus dem akademischen Bereich, keinesfalls aber nur Menschen aus den neuen Bundesländern. Ich glaube, die meisten Bücher werden in den westlichen Bundesländern verkauft. Denn die Erhebungen für die Bestsellerlisten von Spiegel, Focus, Stern etc., wo wir uns seit einiger Zeit auf vorderen Plätzen befinden, werden wohl eher dort als im Osten gemacht. Objektiv gibt es nun mal mehr Buchhandlungen jenseits des Harzes. Und dorthin fließt wohl auch derzeit die vierte Auflage.

Und auf einen weiteren Aspekt möchte ich aufmerksam machen: auf das unvoreingenommene Interesse im Ausland. Ich gab Interviews für Zeitungen und Fernsehsender aus Holland, Schweiz, Österreich, Skandinavien und Italien, mehrere Agenturen aus dem Ausland – darunter aus den USA – fragten bereits wegen Lizenzen an.   

Wird Margot Honecker an den Einnahmen beteiligt?

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Familienidylle im Exil: Margot Honecker und ihr Enkel Roberto (rechts) mit Buchautor Frank Schumann vor dem Wohnhaus der Honeckers in Santiago de Chile.

Quelle: Frank Schumann

Über Geld haben wir nie geredet, es gibt nicht einmal einen Verlagsvertrag. Sie betrachtet das als politische Arbeit, und dafür nimmt sie kein Honorar.

Gibt es ein Wiedersehen?

Das hat sie mich auch gefragt. Man soll niemals nie sagen, habe ich geantwortet. Wahrscheinlich werde ich irgendwann noch mal rüber machen.

Interview: Robert Nößler

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