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Moritz Bleibtreu dreht in Weißenfels

Nachkriegsdeutschland Moritz Bleibtreu dreht in Weißenfels

Die gegenwärtig größte Filmproduktion in Europa wird derzeit in Mitteldeutschland gedreht. Bis Sonntag stehen Moritz Bleibtreu und Kollegen in Weißenfels vor der Kamera.

Moritz Bleibtreu in Weißenfels.

Quelle: dpa

Weißenfels. Die Straße gleicht noch immer einem Trümmerfeld. Rote Ziegelsteine, kantige Betonklotze, rostige Autowracks. Der Zweite Weltkrieg ist zwar vor einem Jahr beendet worden, doch die Wunden klaffen noch immer. Deutschland im Jahr 1946. Der Gemischtwarenladen versucht, so etwas wie Normalität zu verströmen, vorm Gemüsegeschäft, gleich nebenan, stapeln sich nahezu leere Holzkisten, deren Inhalt aus einer Hand voll Kartoffeln und Kohl besteht.

Dieses zerschlissene Deutschland bildet die Kulisse für eine der größten Filmproduktionen, die gegenwärtig in Europa gedreht werden: „Auf Wiedersehen Deutschland“, eine Zusammenarbeit mit deutscher, belgischer und Luxemburger Beteiligung – und gedreht wird ausnahmslos in Mitteldeutschland, in Gera, Saalfeld, Görlitz und noch bis Sonntag in Weißenfels. Hier, wo die letzte Klappe fallen wird, entstehen in dieser Woche die Anfangsszenen des Films. „Ein Glücksfall“, sagt Regisseur Sam Garbarski („Irina Palm“), „wir mussten gar nicht viel bauen. Die Steine, die Wände-- alles ist authentisch. Das findet man nur noch selten.“ Und Anatol Taubman („Band of Brothers“, „Operation Zucker“), der den Musiker unter den sieben jüdischen Auswanderwilligen in der Starbesetzung gibt, staunt: „In so einem Set habe ich noch nie gedreht.“ Deshalb werden in Weißenfels sämtliche Außendrehs für den Kinofilm aufgenommen. Neugierige Zuschauer sind hinter den Absperrungen nicht zu sehen.

Hauptdarsteller Antje Traue und Moritz Bleibtreu.

Quelle:

Es ist allerdings auch ein Lob, das durchaus seine Schattenseiten besitzt. Hier, in Sichtweite des Weißenfelser Bahnhofs, scheint tatsächlich die Zeit stehen geblieben zu sein, zumindest seit der Wende. Die staubig-grauen Straßenschluchten mit ihren bleichen Fenstern sind nicht nur authentisch, sondern dünsten auch einen morbiden Charme aus, um es noch wohlwollend auszudrücken. Doch Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu, der in Leipzig nächtigt, beeilt sich, die beinahe entindustrialisierte Region in den farbigsten Tönen zu loben: „Die Gegend ist großartig, viel Grün, die gelben Rapsfelder, das ist wunderbare Natur. Ich drehe zum dritten Mal hier, und jedes Mal genieße ich es.“

Moritz Bleibtreu spielt den Anführer einer Gruppe, die nur eines will: weg aus Deutschland. Das Weißenfelser Viertel um die Weinbergstraße bietet, ein wenig anachronistisch, die Kulisse für ein sogenanntes Displaced Persons Center in der amerikanischen Besatzungszone. Ein Transitlager, in dem ehemalige jüdische Häftlinge auf ihre Ausreise aus Deutschland warten und auf Herz und Nieren geprüft werden. Die literarische Vorlage bilden die Romane „Die Teilacher“ und „Machloikes“ von Michel Bergmann. „Für die Juden, die überlebt haben, war Humor die einzige Medizin, ganz existenziell – wenn sie nicht gelacht hätten, wären sie vermutlich alle tot“, sagt Regisseur Garbarski, der diesen jüdischen Humor, der „mehr philosophisch als lustig“ ist, nun auf die Leinwand bringen will. Deshalb sieht der Belgier in dem Film eine Komödie, mit dem Hang zur Tragik.

„Das wird richtig lustig, natürlich auch tragisch“

„Für das Auswandern braucht man Geld, doch das hat die Bande nicht. Also müssen sie sich etwas einfallen lassen – und drehen auch ein paar halbseidene Sachen“, gewährt Anatol Taubman einen Einblick in die Geschichte. Und Moritz Bleibtreu sagt lachend: „Na klar, da sind auch einige krumme Dinger dabei.“ Sein David Bermann ist nicht nur ein begnadeter Witzeerzähler, sondern sollte Hitler höchstpersönlich beibringen, wie man einen guten Witz erzählt. Genau dieses Talent droht ihm nach dem Krieg zum Verhängnis zu werden: Er wird der Kollaboration bezichtigt, eine überaus attraktive amerikanische Spezial-Agentin – gespielt von der jüngst mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrten Antje Traue – nimmt ihn mehrfach ins Verhör. „Das wird richtig lustig, natürlich auch tragisch“, verspricht Moritz Bleibtreu. Der Schauspieler hält den Film für „sehr wichtig, gerade in der heutigen Zeit, da viele Flüchtlinge zu uns kommen“.

Das sehen die Geldgeber offenbar genauso: 750 000 Euro gibt allein die Mitteldeutsche Medienförderung und übernimmt damit etwa ein Zehntel des Gesamtbudgets von gut 7,5 Millionen Euro. Daneben beteiligen sich unter anderem das ZDF, der Deutsche Filmförderfonds sowie Förderer aus Belgien und Luxemburg. „Es ist phantastisch, wie uns gerade die mitteldeutschen Bundesländer unterstützen, wie sie hinter dem Film stehen", lobt Moritz Bleibtreu. Und Regisseur Garbarski sagt: „Es geht nicht um erhobene Zeigefinger oder eine Geschichtsdokumentation, sondern um Geschichte, die auch unterhalten kann.“ In etwa einem Jahr sollen sich die Zuschauer im Kino selbst davon überzeugen können, dass das Geld gut angelegt ist. Dann wird das Weißenfelser Weinbergstraßen-Areal wohl noch immer in sich selbst ruhen. Und der historische Kinosaal, gleich an der Ecke, wird wohl weiter verfallen sein.

Andreas Debski

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