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„Muslime sind ein Teil von Sachsen“

Islam-Debatte „Muslime sind ein Teil von Sachsen“

Müssen in Sachsen neue Moscheen gebaut werden? Soll der Islam-Unterricht an die Schulen kommen? Darüber diskutiert Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (57, SPD) im Doppelinterview mit dem Vertreter des Zentralrates der Muslime in Sachsen, Khaldun Al Saadi (26).

Verschleierte Frauen gehören in sächsischen Großstädten zum Straßenbild – das Wissen über den Islam ist allerdings mangelhaft.
 

Quelle: dpa

Dresden. Integrations- und Gleichstellungsministerin trifft Moslem-Vertreter: Im Doppelinterview nähern sich Petra Köpping (57, SPD) und Khaldun Al Saadi (26) an und sind sich letztlich einig, dass Vorurteile abgebaut werden müssen.

Am Montag beginnt der Ramadan. Herr Al Saadi, was bedeutet das islamische Fest für Sie?

Khaldun Al Saadi: Es ist die Zeit der Besinnung, der inneren Einkehr. Von der Stimmung ist das vielleicht mit Weihnachten bei Christen vergleichbar. Man widmet sich dem Zwiegespräch mit Gott, macht sich seiner Verantwortung in der Gesellschaft bewusst. Es geht nicht nur darum, auf Essen und Trinken zu verzichten. Der Höhepunkt ist jeweils das Nachtgebet, das bis zu einer dreiviertel Stunde dauern kann. Auch viele Gemeinden in Sachsen geben jede Nacht die Möglichkeit, für Frieden zu beten.

Sehen Sie die Möglichkeit, Ihren Glauben in Sachsen zu leben, beeinträchtigt?

Al Saadi: Es ist die Frage, was man darunter versteht. Wenn es darum geht, nur die fünf Säulen zu verrichten, dann gibt es keine Beeinträchtigung. Wenn es aber darum geht, religions-verfassungsrechtlich gleichgestellt zu sein, gibt es keine Gleichbehandlung mit den christlichen Kirchen und den jüdischen Gemeinden. Bislang haben wir keine Anerkennung als Religionsgemeinschaft. Das Problem geht aber über den rechtlichen Status hinaus: Die Frage ist, wie Gemeindeleben erblühen kann und welche Angebote Gemeinden für die Menschen unterbreiten sollte, zum Beispiel im Bereich der Wohlfahrt wie Seelsorge aber auch islamischen Religionsunterricht.

Petra Köpping: Wir sind da ganz am Anfang in Sachsen. Die Gespräche über mögliche Zusammenarbeiten haben gerade erst begonnen. Dabei ist das Thema in Sachsen eigentlich nicht neu: Schon zu DDR-Zeiten gab es gute Kontakte zu islamischen Ländern wie Algerien oder Libyen.

Die Vorbehalte gegenüber Muslimen in der Bevölkerung sind dennoch groß.

Köpping: Nur durch Kennenlernen und Umgang miteinander lassen sich diese Vorurteile abbauen. Die Stigmatisierungen als Terror- oder Unterdrückungs-Religion sind übertrieben einseitig. Wir sollten nicht das suchen, was uns trennt, sondern das, was uns verbindet. Was mich richtig ärgert, ist: Man redet heute nicht mehr miteinander. Und es wird sehr schnell beleidigt.

Al Saadi: Es ist traurig, dass immer wieder der Gegensatz zwischen Gut und Böse heraufbeschworen wird. Da wird der große Kulturkonflikt an die Wand gemalt, wo es häufig um Interessenkonflikte geht, die den Menschen Sorgen machen. Die Fragen dahinter lauten zum Beispiel: Weshalb ist Geld für Geflüchtete da – aber nicht für kaputte Spielplätze? Wieso scheint es so, als ob jetzt in Schulen investiert wird, wo so viele Asylbewerber kommen – wo doch schon seit Jahren am Bildungssystem gespart wurde? Und genau darüber müssen wir miteinander reden.

Der Islam mit seinen extremen Auswüchsen macht es vielen Menschen aber auch nicht gerade einfach.

Al Saadi: Ja, das Problem ist, dass das Bild vom Islam extremistisch geprägt ist – doch es ist keine monolithische Religion. Mehrheitlich gehören Muslime nicht Strömungen wie dem Salafismus an, sondern einem Islam der Mitte. Es gibt nicht den einen Islam.

Köpping: Die Extremisten dürfen nicht für alle stehen. Das wäre genau so, als würde nach den Angriffen auf Flüchtlingsheime gesagt: Die Sachsen – und Deutschen – sind alles Nazis. Der Bevölkerungsanteil der Muslime liegt in Sachsen bei unter einem Prozent. Die bei uns lebenden Muslime sind selbstverständlich ein Teil von Sachsen.

Müssen sich Moscheen dafür mehr öffnen – wie beispielsweise christliche Kirchen?

Köpping: Ich denke schon. Es wäre außerdem auch leichter, wenn wir feste Ansprechpartner für die Religionsgemeinschaft hätten. Andererseits haben muslimische Gemeinden in der Flüchtlingsarbeit sehr viel geleistet. Die Überschrift über allem lautet für mich: Radikalismus entsteht dort, wo man ausgrenzt – deshalb müssen beide Seiten aufeinander zugehen. Integration muss auch von Deutschen geleistet werden, nicht nur von den Zuwanderern.

Al Saadi: Wenn wir visionär denken, natürlich, dann müssen sich Moschen weiter öffnen. Der Kern des Islam ist, barmherzig zu wirken. Das heißt, wir wollen zum Beispiel soziale Dienste für alle Menschen anbieten. Deshalb müssen wir die Strukturen der Gemeinden stärken. Und wir müssen dafür sorgen, dass die Minderheiten am extremen Rand nicht als Sprachrohr für den Islam dienen. 

Herr Al Saabi, Sie sprachen den Islamunterricht an – soll er als Religionsunterricht in die Schulen kommen?

Al Saadi: Im Zuge einer Gleichstellung im Sinne des Religionsverfassungsrechts ist das durchaus denkbar und auch erwünscht. Aber zunächst muss der Ethik-Unterricht den heutigen Entwicklungen angepasst werden. Es wird doch schon zum Problem, wenn Klassen Kirchen oder Synagogen besuchen, von Moscheen ganz zu schweigen. Es sollte darum gehen, viel mehr Allgemeinbildung zum Thema Religion zu vermitteln.

Köpping: Das stelle ich auch fest: Es gibt zum Islam sehr viele Fragen – doch die Antworten bleiben z.B. auch im Schulunterricht offen. Es geht nicht um Beeinflussung, sondern einfach um Bildung. Denn es gibt einen großen Nachholebedarf, nicht nur beim Thema Religion, auch bei der Demokratiebildung.

In Leipzig gibt es Widerstand gegen einen Mosche-Bau, auch in Dresden und Chemnitz sind Moschen als äußere Zeichen des Glaubens geplant. Können Sie die Bedenken vieler Menschen nachvollziehen?

Al Saadi: Man sollte Moscheen nicht darauf reduzieren, ein äußeres Zeichen des Glaubens zu sein. Denn es geht keineswegs allein um Repräsentanz. Sondern es geht darum, angemessen für seine Gemeindemitglieder soziale und religiöse Dienstleistungen anbieten zu können. Wenn man sich Moscheen in Sachsen momentan anschaut, sind das zum größten Teil Baracken oder Hinterzimmer – und das darf in einer liberalen Demokratie, die die Religionsfreiheit hochhält, nicht der Anspruch sein. Es geht um angemessene Bauten.

Köpping: Wenn Moslems in Dresden unter freiem Himmel oder in Zelten beten müssen, finde ich das unwürdig.

Petra Köpping (57).

Quelle:

Gehören dazu auch Minarette mit Muezzin-Rufen?

Al Saadi: Ich halte es für unangebracht, eine Moschee darauf zu reduzieren. Es geht nicht darum, einen Herrschaftsanspruch abzuleiten. Man sollte sich mit den Menschen unterhalten, auch über den Ruf eines Muezzin.

Köpping: Über genau diese Themen müssen wir reden. Wenn man aber nur übereinander spricht, entstehen Vorurteile und setzen sich fest. Ich höre oft, dass anders Aussehende, insbesondere Frauen mit Kopftuch, angepöbelt und sogar bespuckt werden. Das ist ein Resultat, wenn Ängste geschürt werden.

Parallelgesellschaften sind allerdings Realität, das gestehen selbst linke Politiker ein. Wie wollen Sie eine Abschottung verhindern?

Köpping: Im Osten können wir in dieser Beziehung vieles anders machen und Fehler, die in der alten Bundesrepublik begangen wurden, nicht wiederholen. Ich sehe aktuell die Entwicklung zu neuen Parallelgesellschaften höchst bedenklich. Wir müssen Mittel und Wege finden, ins Gespräch zu kommen. Abschottung und Ausgrenzung führt zu Radikalisierung – und das auf beiden Seiten.

Al Saadi: Ich stelle den Begriff der Parallelgesellschaften in Frage. Es gibt immer Berührungspunkte. Ob es die Omi ist, die beim Türken nebenan kauft, oder Kinder gemeinsam in der Klasse sind, oder ob man zum Ramadan auch mal zum Fastenbrechen abends in die nächste Moschee geht. Wir müssen generell schauen, dass Gruppen, auch innerhalb von Deutschen, keine ideologischen Parallelgesellschaften bilden. Heute ist es häufig so, dass in diesen Gruppen eine vorfertigte Meinung besteht – und andere Meinungen nicht mehr zugelassen werden. Demokratisch ist das nicht.

Zur Demokratie gehört die Gleichstellung von Frau und Mann. Nach außen stehen häufig verschleierte Frauen als Bild des Islam. Muss sich der Islam an dieser Stelle öffnen?

Al Saadi: Es gibt nicht das eine Frauenbild im Islam. Natürlich existieren auch chauvinistische Theologen und Ansichten. Die Frage ist aber, was die Mitte denkt – dass Frauen eine gleichberechtigte Rolle einnehmen können. Natürlich müssen wir in den Gemeinden darüber sprechen, wenn Frauen benachteiligt werden. Dazu gehört auch, dass es keine getrennten Gebetsräume für Frauen und Männer in Moscheen geben sollte. Und natürlich sind auch Muslime nicht vor Sexismus gefeit. Doch ich wehre mich dagegen, von einer allgemeinen Frauenverachtung zu sprechen, denn die gibt es nicht. 

Köpping: Für mich bedeutet das, dass wir von Anfang an, schon in den Erstaufnahmeeinrichtungen, die Rolle der Frau in Deutschland thematisieren. Ganz klar ist: Wer in Deutschland leben will, muss auch unser Frauenbild akzeptieren. Da bin ich ohne jede Toleranz. Deshalb bin ich auch dafür, das Sexualstrafrecht weiter zu verschärfen.

Das ist der Bogen zu sexuellen Übergriffen in Köln, aber auch in Leipzig und Dresden. Sehen Sie junge muslimische Männer zu Unrecht an den Pranger gestellt?

Köpping: Verallgemeinerungen sind immer ungerecht und falsch. Es gibt Gruppen, die das betrifft, und gegen die hart vorgegangen werden muss – aber wir dürfen nicht von einer Gruppe auf alle Flüchtlinge oder Muslime schließen. Die meisten Vergehen von Asylbewerbern betreffen in Sachsen immer noch das Schwarzfahren, nicht sexuelle Übergriffe. Klar ist: Jede Straftat ist eine zuviel – und genau das gilt auch für Deutsche. Asylbewerber sind keine besseren oder schlechteren Menschen als wir, sondern unter ihnen gibt es natürlich ebenso Kriminelle wie unter uns.

Wenn wir schon bei Straftaten sind – in diesem Zusammenhang wird häufig die Scharia angeführt, die Moslems als Rechtsordnung gilt.

Al Saadi: Mittlerweile haben viele mehrheitlich muslimische Länder Länder säkularisierte Verfassungen. Die Scharia meint aber nicht in erster Linie ein Strafsystem, sondern beinhaltet Normen und Werte von Muslimen, die sich an Werten wie Barmherzigkeit und Gerechtigkeit messen lassen müssen. Dabei geht es unter anderem um den Schutz von Leben, Familie und Eigentum. In Deutschland steht außer Frage, dass die hiesigen Gesetze gelten und sich jedes religiöse Recht dem angemessen einzuordnen hat. Das heißt: Das Grundgesetz steht als verbindendes Element über den Religionen.

Die AfD hat zuletzt ein Treffen mit dem Zentralrat der Muslime verlassen. Sehen Sie sich brüskiert?

Al Saadi: Nein, denn im Grunde zählt, dass der Zentralrat seiner demokratischen Pflicht nachgekommen ist und ein Dialogangebot unterbreitet hat, das letztlich von der AfD ausgeschlagen wurde. Generell müssen wir sehen, dass sich die Politik mehr an den Bedürfnissen der Menschen ausrichtet. Diejenigen, die die AfD wählen, wollen nicht über den Islam gebildet werden, sondern haben andere Bedürfnisse und vielleicht auch Defizite. Die Politik muss sich fragen, ob sie diese Menschen noch erreicht – und was sie ändern muss. Wer, wie die AfD, selbst im Parlament nicht viel mehr als Wahlkampf betreibt, hat ein sehr eigenes, ein eher verzerrtes  Verständnis von Demokratie.

Von Andreas Debski

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