Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
NSU-Prozess: Bricht Beate Zschäpe ihr Schweigen?

Überraschende Wende NSU-Prozess: Bricht Beate Zschäpe ihr Schweigen?

Will sie tatsächlich aussagen, jetzt, nach mehr als 200 Verhandlungstagen? In einem vierseitigen, handgeschriebenen Brief deutet Beate Zschäpe das plötzlich an. Oder alles nur Taktik? Ein neuer Schriftwechsel gewährt jedenfalls ungewöhnliche Einblicke.

Beate Zschäpe will im NSU-Prozess aussagen.

Quelle: dpa

München. Es wäre eine spektakuläre Wende im NSU-Prozess: Sollte Beate Zschäpe vielleicht doch noch aussagen, nach mehr als zwei Jahren und 200 Verhandlungstagen eisernem Schweigen? Sollte sie sich doch noch äußern wollen zu dem, was ihr die Bundesanwaltschaft vorwirft: die Mittäterschaft unter anderem an zehn vorwiegend rassistisch motivierten Morden und zwei Sprengstoffanschlägen?

In einem handgeschriebenen Brief an das Münchner Oberlandesgericht (OLG) behauptet die mutmaßliche Neonazi-Terroristin nun tatsächlich, dass sie sich „durchaus mit dem Gedanken beschäftige, etwas auszusagen“. Was genau, lässt Zschäpe offen. Wie glaubwürdig also ist das Ganze? Tatsächlich war im Umfeld des NSU-Prozesses immer wieder spekuliert worden, dass die 40-Jährige nicht mit der Schweige-Strategie ihrer drei Verteidiger Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm zufrieden sei. Zuletzt bescheinigte auch ein Gerichtspsychiater, dass der Hauptangeklagten das beharrliche Schweigen immer schwerer falle.

Will sie also nun tatsächlich aussagen - und wenn ja, was? Zunächst: Ihren „Gedanken“ formuliert Zschäpe erst im „PS“ ihres vierseitigen Briefes, nicht im Hauptteil ihrer Argumentation. In dem Schreiben an das Gericht, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, musste sie noch einmal begründen, warum sie ihre Verteidigerin Sturm loswerden möchte. Deren Entpflichtung hatte sie vor kurzem beantragt. Mit einem entsprechenden Antrag gegen alle drei Anwälte war sie im vergangenen Jahr gescheitert.

Große Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihrer Aussage weckt vor allem Zschäpe selbst. Denn in ihrem Brief an das Gericht gibt sie ein an sie persönlich gerichtetes Schreiben ihrer Anwälte wieder. Und dieses Schreiben zeigt, dass sie sich bisher nicht einmal ihren drei Verteidigern anvertraut hat. Die haben sich nämlich über Zschäpes „anmaßendes und selbstüberschätzendes Verhalten“ beschwert, wenn sie die Leistung ihrer Anwälte bewerte. Das werde man nicht weiter akzeptieren. Und dann folgt dieser bemerkenswerte Satz: „Dieses Verhalten verbietet sich insbesondere vor dem Hintergrund, dass Sie uns aufgrund der nur fragmentarischen Weitergabe Ihres exklusiven Wissens nicht in die Lage versetzen, Sie optimal zu verteidigen.“

Es stellt sich also die Frage: Will Zschäpe, die bisher offensichtlich nicht einmal mit ihren Verteidigern offen spricht, nun tatsächlich vor Gericht aussagen? Und überhaupt: Welchen Sinn ergäbe das? Diese Frage lässt sich eigentlich gar nicht vernünftig beurteilen, wenn man nicht weiß, was Zschäpe weiß. Wusste sie tatsächlich - wie es ihr die Anklage vorwirft - von den Morden und Anschlägen ihrer Kumpanen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhart? Hat sie diese mitgetragen, unterstützt, ist sie also im juristischen Sinne Mittäterin? Oder tauchte Zschäpe zwar mit den beiden für viele Jahre unter - wusste aber nicht, welche Gräueltaten die Uwes später regelmäßig verübten?

Es steht nun vielmehr der Verdacht im Raum, dass es sich bei Zschäpes angeblicher Aussagebereitschaft um einen taktischen Schachzug handeln könnte. Eigentlich ist ihr Hauptansinnen ja, ihre Verteidigerin loszuwerden - mit allen Mitteln. Dass sie dabei alle drei Anwälte mit massiver Kritik überzieht, scheint da zweitrangig zu sein. Zschäpe argumentiert sogar, sie fühle sich von ihren Anwälten „erpresst“. Denn die drei hätten ihr mit dem Ende des Mandats gedroht, sollte sie ihre Strategie ändern und eine Aussage machen wollen. Die Verteidiger bestreiten das entschieden.

Ist also eher Zschäpe selbst die Quelle der Konflikte mit ihren drei Pflichtverteidigern? Prozessbeobachtern war in den vergangenen Wochen und Monaten schon häufig aufgefallen, dass die Anwälte oft gerade dann unvorbereitet wirkten, wenn sie nach ausgiebiger Tuschelei mit Zschäpe Fragen an Zeugen stellten. Da kam schon manchmal die Frage auf, ob die Anwälte vielleicht gegen ihre eigene Überzeugung auf Wünsche ihrer Mandantin eingegangen waren. Das aber dürfte dem Gericht egal sein, wenn es über Zschäpes Antrag entscheidet.

Christoph Trost und Christoph Lemmer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • 24 Stunden in der Region

    Firmen und Unternehmen in der Region Leipzig stellen sich vor. mehr

  • TAW - Technische Akademie Wuppertal
    TAW  - Technische Akademie Wuppertal

    Ein Werbespecial der LVZ für die Technische Akademie Wuppertal mit Infos zum breitgefächerten Angebot. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr