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Nach Geiselhaft im Jemen: Mädchen aus Sachsen finden schwer in den Alltag zurück

Nach Geiselhaft im Jemen: Mädchen aus Sachsen finden schwer in den Alltag zurück

Elf Monate Geiselhaft im Jemen haben Spuren bei Anna und Lydia hinterlassen. Nach ihrer Befreiung Mitte Mai sind die vier und sechs Jahre alten Schwestern zwar wieder in Ostsachsen, doch keineswegs wirklich angekommen.

Bautzen. „Alltag gibt es nicht“, sagt ihr Onkel Reinhard Pötschke. Seit die Mädchen mit Vater, Mutter und dem jüngeren Bruder am 12. Juni 2009 nördlich von Jemens Hauptstadt Sanaa verschleppt wurden, herrscht Ausnahmezustand. Das Schicksal der 37-jährigen Eltern und des knapp zweijährigen Simon ist nach wie vor ungewiss.

Ein saudi-arabisches Sondereinsatzkommando hatte die Mädchen am 17. Mai im Grenzgebiet zum Jemen in Empfang genommen. Mit einer Bundeswehr-Maschine kehrten Anna und Lydia zwei Tage später nach Deutschland zurück. Seitdem leben sie bei Verwandten in der Oberlausitz. „So mysteriös die Entführung war, so mysteriös sind auch die Kinder wieder aufgetaucht“, sagt Pötschke, der als Sprecher der Familie den Medienrummel abfängt.

Die Kinder werden weitgehend von der Öffentlichkeit abgeschirmt. „Sie sollen in ein normales Leben zurückkehren“, wünscht sich der Pfarrer aus Radebeul.

„Ihre Heimat ist eigentlich der Jemen, dort haben sie die längste Zeit ihres Lebens verbracht“, sagt Pötschke. Die Eltern der Mädchen arbeiteten in einem staatlichen Krankenhaus in der nördlichen Provinz Saada. Die Krankenschwester und der studierte Maschinenbauer standen dort schon im Dienst der kleinen christlichen Hilfsorganisation „Worldwide Services“ aus den Niederlanden, als 2004 ihr erstes Kind zur Welt kam.

Später wurden auch Anna und Simon in Ostsachsen geboren. Jeweils wenige Wochen danach reisten Sabine und Johannes Hentschel mit den Kindern wieder zurück in den Jemen. Nur wenn die Familie auf Urlaub kam, wohnte sie in Meschwitz bei Bautzen. Die Angehörigen wollen, dass Anna und Lydia in der Obhut der Großfamilie heimisch werden und Vertrauen finden. Ihr noch immer verschollener Vater ist das jüngste von sieben Geschwistern.

An jenem verhängnisvollen 12. Juni 2009 brach das Paar mit den drei Kindern und Kollegen zu einem Ausflug auf. Auf dem Rückweg gerieten die Sachsen, zwei deutsche Pflegehelferinnen, eine südkoreanische Lehrerin und ein britischer Ingenieur in die Gewalt von Entführern. Die Südkoreanerin und die beiden Frauen aus Niedersachsen wurden kurz darauf erschossen aufgefunden. Die Umstände der Geiselnahme blieben im Dunklen.

Anna und Lydia leben wohl schon lange getrennt von Mutter und Vater. So sprechen sie kaum noch Deutsch, sagte Pötschke. Zudem gebe es keine Anzeichen, dass die Mädchen ihre Eltern vermissen. „Den Schmerz haben sie wohl schon vor Monaten verarbeiten müssen.“ Die Familie vermutet daher, dass die Kinder vor längerer Zeit von einem jemenitischen Stamm aufgenommen wurden. „Miteinander sprechen die Mädchen nach wie vor Arabisch, hin und wieder nennen sie sich gegenseitig Fatima und Sarah“, berichtete der Schwager des vermissten Vaters.

Die Verständigung mit ihren Angehörigen über alltägliche Dinge hinaus sei daher schwierig. „Um sich tiefer mitteilen zu können, müssen sie sich Arabisch ausdrücken.“ Hilfe bekomme die Familie glücklicherweise von Freunden und Bekannten, die diese Sprache beherrschen.

Die geretteten Mädchen wirken nach Angaben ihres Onkels weder verstört noch zeigen sie äußerlich Anzeichen für ein Trauma oder körperliche Entbehrungen. Sie spielten mit Puppen und malten gern, nur an Kondition fehle es, berichtet der Pfarrer. Vermutlich seien sie in der Geiselhaft wenig draußen gewesen. Über Bruder und Eltern sprechen die Verwandten nicht mit ihnen. „Es wird nicht nachgefragt.“

In die Freude über ihre Rückkehr mischt sich die Sorge um die noch Vermissten. Die Angehörigen rechnen mit dem Schlimmsten. Vermutungen, dass der kleine Simon tot sei, hätten sich bisher offiziell nicht bestätigt. „Wir haben Hoffnung, dass alle wiederkommen“, sagt Pötschke. Wenn sich an diesem Samstag die Entführung jährt, soll bei einem Gottesdienst in der St. Michaelis- Kirche in Bautzen Fürbitte für die Hentschels und den ebenfalls verschollenen Briten gehalten werden. „Die Mädchen werden nicht dabei sein, um sie zu schützen.“

Anett Böttger, dpa

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