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Nach Unfalltod auf der Rennpiste: Jonas’ Herz rettet Zwölfjähriger das Leben

Getöteter Motorsportler wird Organspender Nach Unfalltod auf der Rennpiste: Jonas’ Herz rettet Zwölfjähriger das Leben

August 2015 – mehrere Motorräder überrollen bei einem Rennen im sachsen-anhaltischen Oschersleben den 15 Jahre alten Fahrer Jonas Hähle vom AMC Hohenstein-Ernstthal. Er stirbt bei dem Unfall. Danach bekommt eine Zwölfjährige sein Herz – und vier Patienten weitere Organe.

Starb im August 2015 bei einem Unfall auf der Rennstrecke Oschersleben: Jonas Hähle vom Automobil- und Motorrad-Club Sachsenring wurde nur 15 Jahre alt.

Quelle: Andreas Kretschel

Ursprung. Die letzten Meter sind immer die schwersten. Es geht leicht bergan, aber daran liegt es nicht. Nur noch ein paar Schritte sind es bis zum Grab. Dann bleiben Monique und Bertram Hähle stehen. Am frühen Abend, wenn allmählich die Dunkelheit über den Friedhof von Ursprung hereinzieht, zünden sie fünf Kerzen an. Am nächsten Tag wird sie Oma Irene, die Mutter von Bertram Hähle, wieder löschen. Man könnte ganz genau nachzählen, wie oft das Ehepaar Hähle seit dem 4. September 2015 an jenem Grab stand. Jeden Tag läuft es die paar Meter vom Wohnhaus hinüber zum Friedhof. Denn der tiefe Schmerz ist noch nicht der Trauer gewichen. Nur das tägliche Ritual zur Dämmerung, wenn die beiden die Kerzen anzünden, lindert das Leid etwas.

Monique und Bertram Hähle aus Ursprung, einem Ortsteil von Lugau im Erzgebirgskreis, stehen am Grab ihres Sohnes Jonas. An jenem 4. September im vergangenen Jahr senkte sich an dieser Stelle ein weißer Sarg in die Tiefe. Auf ihm lag ein Motorradhelm mit schwarzem Visier. Knapp zwei Wochen zuvor, am 22. August, war der 15-jährige Junge vom Automobil- und Motorrad-Club Sachsenring bei einem Rennen im ADAC-Junior-Cup ums Leben gekommen.

Mehrere Maschinen rollten unmittelbar nach dem Start in der Motorsport-Arena im sachsen-anhaltischen Oschersleben über Jonas Hähle hinweg. Er hatte plötzlich bremsen müssen, weil vor ihm die Maschine eines anderen Teilnehmers streikte – die hinter ihm kommenden Fahrer konnten nicht mehr ausweichen. Für Monique und Bertram Hähle sowie deren älteren Sohn Adrian begann eine Leidenszeit. Das Kinderzimmer von Jonas – bis jetzt ist alles noch so, wie er es im August 2015 verlassen hat. Über dem Stuhl am Schreibtisch eine graue Strickjacke mit Kapuze, auf dem Tisch ein Schlüsselbund. Was bleibt von einem Menschen nach dessen Tod?

Jonas Hähle hat einmal zu seinen Eltern gesagt, dass er im Todesfall seine Organe spenden würde. Als die Eltern in einer Magdeburger Klinik die Todesnachricht erhalten, geben sie die Organe ihres Sohnes frei. Ein paar Wochen nach dem Unglück von Oschersleben hält die Mutter einen Brief in ihren Händen. Ihr rollen Tränen über die Wangen. Absender des Schreibens: die Deutsche Stiftung Organtransplantation. Sie teilt der Familie mit, dass jetzt fünf Personen Organe ihres Jungen erhalten haben. So hat nun ein 52-jähriger Mann eine Niere aus dem Körper von Jonas Hähle. Einem 35-Jährigen transplantierten die Ärzte die Bauchspeicheldrüse und die andere Niere. Ein 60-jähriger Mann trägt die Leber von Jonas in seinem Körper und ein 64-Jähriger die Lungenflügel. Und auch ein anderes Organ von Jonas, der wichtigste Muskel im Körper, faustgroß, 300 Gramm schwer, schlägt weiter: das Herz. Es befindet sich in der Brust eines zwölfjährigen Mädchens.

Die Mutter von Jonas Hähle verspürt zuerst einen tiefen Schmerz, als sie den Brief liest, in dem Menschen aufgelistet sind, die eine neue Chance bekommen haben. „Warum konnte meinem Sohn kein Mensch mehr helfen? Warum hat Jonas keine Chance bekommen?“, fragt sich Monique Hähle. Doch die Verzweiflung verfliegt. Inzwischen sind die Transplantationen für sie und ihren Mann Bertram ein Beweis dafür, dass es wirklich ein Leben nach dem Tod gibt.  Für die Familie haben diese Worte eine neue Bedeutung. „Ja, wir sind stolz auf Jonas und froh, dass er in anderen Menschen weiterlebt. Wir wissen nicht, wie es ihnen geht, denn wir werden nicht erfahren, wer sie sind. Aber wir wünschen ihnen alles Gute“, sagt Vater Bertram.

Ist der Motorsport eine Sucht – trotz Risiko und Leid? Adrian Hähle war seit der Beerdigung nicht wieder am Grab seines Bruders. Er will ihn so in Erinnerung behalten, wie er ihn zum letzten Mal gesehen hat: angespannt und konzentriert am Start beim Rennen von Oschersleben. Bevor Sekunden später alles vorbei war. Auch Adrian ist Rennfahrer. Bald beginnt die neue Saison, der 17-Jährige startet bei der Internationalen Zweitakt-Meisterschaft in der 125er Hubraumklasse. Seine Maschine bringt es auf mehr als Tempo 200, Anfang Mai geht es auf dem Nürburgring los.

„Ich fahre auch für meinen Bruder“, sagt Adrian Hähle. Der Vater steht hinter ihm. Er glaubt weiter daran, dass Motorradfahren auf einer Rennstrecke sicherer ist als der gewöhnliche Verkehr auf einer Straße, auf der es manchmal rücksichtsloser zugeht als in einer Motorsport-Arena. Die Mutter von Jonas schaut starr, als es um die neue Saison geht. „Ich habe da ein gespaltenes Verhältnis“, sagt sie leise.

Erik Kwitter

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