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Nach dem Coming-out als Jugendwart in der Kirche unerwünscht

Erzgebirge Nach dem Coming-out als Jugendwart in der Kirche unerwünscht

Der Homosexuelle Jens Ullrich darf in Gemeinden des Erzgebirges nach seinem Coming-out nicht mehr mit Kindern arbeiten. Landesbischof Carsten Rentzing hat dem 54-Jährigen seine Unterstützung zugesagt.

Eine Kirche im Erzgebirge (Symbolfoto)

Quelle: dpa

Aue/Dresden. „Das ist doch unglaublich“, sagt Jens Ullrich, Diakon in Aue und Umgebung. Der 54-Jährige ist außer sich: „Da begründet ein Pfarrer das Arbeitsverbot mit Kindern und Jugendlichen damit, dass ich schwul und mit meinen Mann verpartnert bin. Das müssen Sie sich mal vorstellen. Er hat wortwörtlich gesagt, wenn einer eine Mehlstaub-Allergie habe, dann könne er auch nicht Bäcker werden. Dass ein Pfarrer solch einen Vergleich bringen darf.“

Ullrich hätte es sich leichter machen können, er hätte schweigen können. So wie er es über eine gefühlte Ewigkeit, wie er sagt, getan hat. Als er still vor sich dahin litt, als er unzählige Male zu Gott gebetet hat: „Mach, dass es nicht wahr ist, heile mich von dieser schmutzigen Krankheit.“ Ullrich ist zum Seelsorger gegangen, zum Handauflegen, zum Gruppengespräch. Bis er nicht mehr konnte, bis die Einsamkeit größer wurde als die Scham und Verzweiflung über die vermeintliche Krankheit. Dann bekannte er sich endlich dazu, machte auch die Lebenspartnerschaft mit seinem Mann öffentlich.

Auch in anderen Gemeinden darf er nicht mit Kindern arbeiten

Seit seinem Bekenntnis darf der Jugendwart in der Kirchgemeind St. Nicolai in Aue nicht mehr mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Auch in anderen Gemeinden im Erzgebirge ist er unerwünscht, bietet man ihm Arbeit nur als Kirchner und Friedhofsgärtner an, nicht aber als Jugendwart. Dieses Verbot besteht inzwischen seit zwei Jahren. Niemand redet mit ihm darüber, nur in Briefen erfährt er, warum Kirchgemeinden wie Aue, Lauter oder Hartenstein ihm nicht mehr die Jugendlichen anvertrauen wollen. Sie schreiben von ihren eigenen Gewissensgründen und „Sorge über seine Verpartnerung“, sehen ein „großes Problem hinsichtlich der Vorbildwirkung unter Kindern und Jugendlichen“ und halten „gelebte Homosexualität mit der Ausübung des Verkündigungsdienstes unvereinbar“.

„Mir war klar, dass eine Verpartnerung hier im Erzgebirge nicht einfach ist“, sagt Ullrich und auch: „Hier im Kirchenbezirk Aue haben sie doch 16 Jahre lang gesehen, dass ich den Jugendlichen gegenüber meinen Glauben vorgelebt habe, und viele wussten auch von meiner Verzweiflung, von meinen inneren Kämpfen. Und jetzt auf einmal bin ich Sünder.“

Gegen Willen der Kirchenvorstände geht es nicht

Dieter Bankmann ist erst seit einem Vierteljahr Superintendent in Aue. Anders als sein Vorgänger sitzt er den Konflikt nicht aus. Er will dem Religionspädagogen helfen. Bankmann kennt aber auch die Bibelstelle im 3. Buch Mose, auf die sich viele Kirchgemeinden im Erzgebirge bis heute wortwörtlich beziehen: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen, wie bei einer Frau. Es ist ein Greuel.“ Bankmann erklärt ruhig, leise, sich noch beim Sprechen jedes einzelne Wort überlegend: „Jeder hier bescheinigt Jens Ullrich gute Arbeit. Das ist überhaupt keine Frage. Nur habe ich schon den Eindruck, dass er für viele fast ein Aussätziger ist. Man hat den Kontakt mit ihm nicht gepflegt, Freundschaften sind dadurch abgebrochen, das ist wirklich furchtbar. Man hat den Gesprächsfaden wirklich nicht mehr gefunden.“ Deswegen darf der Jugendwart nicht mehr wie gewohnt arbeiten, statt mit Jugendlichen auf Rüstzeiten unterwegs zu sein oder mit ihnen Jugendgottesdienste vorzubereiten, sitzt er am Schreibtisch. Mit Tränen in den Augen sagt Ullrich: „Sie haben mich einfach kaltgestellt. Das tut weh.“

Auf die Frage, ob und wann Ullrich wieder als Jugendwart in allen 30 Gemeinden des Kirchenbezirkes Aue arbeiten dürfe, antwortet sein Vorgesetzter: „In allen Gemeinden wird er das nicht mehr machen können. Wir können das nicht gegen den Willen der Kirchenvorstände durchsetzen.“

Landesbischof sagt Unterstützung zu

Ullrich selbst bezweifelt es inzwischen, dass er im Erzgebirge als Jugendwart eine Zukunft habe. Unabhängig davon aber gibt er zu bedenken: „Selbst wenn ich gehen würde, das Problem bleibt, nämlich der Umgang mit Christen, die anders denken, fühlen, anders geartet sind.“ Er erzählt von den Briefen, die er in den letzten Monaten bekommen habe. Zuspruch und Bestätigung für ihn, aber auch erschütternde Hilferufe – von jungen Menschen, die das Erzgebirge verlassen haben, weil sie die Ausgrenzung in ihren Kirchgemeinden als schwuler Mann, als lesbische Frau nicht mehr ertragen haben.

Auch deshalb hofft er weiterhin, dass er bald wieder vor Jugendlichen predigen oder mit ihnen auf Rüstzeiten fahren darf.

Landesbischof Carsten Rentzing hat den Jugendwart inzwischen persönlich angerufen und ihm Unterstützung zugesagt. Schriftlich lässt er über seine Pressestelle u.a. mitteilen: „Homosexuelle Menschen würden einen wichtigen und hoch geachteten Dienst für unsere Kirche leisten.“ Aber eben auch: „Gleichwohl wurde in der langen Diskussion um gleichgeschlechtliche Partnerschaften im Pfarrhaus auch deutlich, dass in Bezug auf die Frage des Umgangs mit Homosexualität innerhalb der sächsischen Landeskirche unterschiedliche theologische Haltungen existieren, die sich jeweils auf biblische Aussagen gründen.“

Von Adina Rieckmann

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