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Nach der Flut in Döbeln: Biber contra Hochwasserschutz

Nach der Flut in Döbeln: Biber contra Hochwasserschutz

Viele Döbelner sind nach der Hochwasserkatastrophe sauer auf die Naturschützer: An den Folgen der Flut für die Stadt sollen sie zumindest eine Teilschuld ­tragen.

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Die Schutzmauern in Döbeln funktionieren nur in Kombination mit Rückhaltebecken. Und die sind umstritten.

Quelle: Wolfgang Sens

Döbeln. Deiche konnten angeblich nicht fertiggestellt werden, weil Biberfamilien es sich an der Mulde bequem gemacht hätten. Doch wie könnte ökologischer Hochwasserschutz in Sachsen aussehen? Oder: Wie utopisch ist er?

In Döbeln heizt sich die Stimmung auf: 40 Millionen Euro liegen hier für den Hochwasserschutz bereit. Abgerufen ist davon bisher aber nur ein kleiner Teil: Von der geplanten 6,5 Kilometer langen Hochwasserschutzmauer stehen gerade einmal 135 Meter; ihre Höhe bietet nur in Kombination mit Rückhaltebecken in Mulda und Oberbobritzsch Schutz vor extremem Hochwasser. Und gerade dort, in Oberbobritzsch, stellen sich Naturschützer gegen den Bau des Beckens. "Eine kleine Schar von übermotivierten Umweltschützern darf nicht gegen die Natur arbeiten", wettert der Döbelner Stadtrat Wolfgang Müller (Freie Wählervereinigung) in einem Brandbrief. Zuerst sei die Erhaltung des Lebensraumes in der Stadt wichtig, erst dann die ökologischen Aspekte des Hochwasserschutzes. "Noch zwei Mal überlebt unsere Stadt eine solche Flut nicht!" Doch steht der Umweltschutz dem Hochwasserschutz tatsächlich im Wege?

Nein, findet Landtagsabgeordnete Gisela Kallenbach (Grüne). Ökologischer Hochwasserschutz könne in Sachsen geleistet werden - wenn man von einer rein technischen Philosophie abrücke. Stattdessen solle ein umweltfreundliches Gesamtkonzept verfolgt werden: "Der ökologische Hochwasserschutz funktioniert nur, wenn man den Fluss als Ganzes betrachtet - von der Quelle bis zur Mündung - und hier eine Reihe an Einzelmaßnahmen durchführt." Das seien vor allem: ein striktes Bebauungsverbot an Flussauen, die das Wasser wie ein Schwamm aufsaugen, die Vergrößerung der Waldanteile, Deichrückverlegungen und die Schaffung von Retentionsflächen, also geplanten Überschwemmungsgebieten. Wo diese eingerichtet werden können, darüber soll demnächst eine von den Grünen in Auftrag gegebene Studie Aufschluss geben. Utopisch sei natürlicher und zugleich sicherer Hochwasserschutz also keineswegs.

In Döbeln ist man sich da nicht so sicher. "Das ist eine philosophische Diskussion", findet der Projektleiter Thomas Zechendorf von der Landestalsperrenverwaltung. Für Überschwemmungen müssten schließlich Flächen her, und die werden hauptsächlich agrarwirtschaftlich genutzt. Außerdem sei die Umgebung zu bergig; überschwemmbare Gebiete wie im Flachland gäbe es im Umkreis einfach nicht. Schlussfolgerung: Es gibt keine ökologischere Alternative als das Rückhaltebecken in Oberbobritzsch. Dieses soll nach Angaben der Landestalsperrenverwaltung übrigens nicht aus Beton bestehen, sondern sich in die Umwelt einfügen. Alles Öko also?

"Generell können auch Rückhaltebecken für die Natur wertvoll sein", erklärt Mathias Scholz vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. "Solange das Wasser regelmäßig und langsam ein- und ausfließen kann und nicht steht und vor sich her dümpelt." Die beste Lösung für einen sicheren und ökologischen Hochwasserschutz sieht der Landschaftsplaner aber in der Deichverlegung, also: mehr Platz für die Flüsse. Diese sei zwar anspruchsvoller umzusetzen, als neue Dämme zu bauen, jedoch lohne sich die umweltfreundlichere Variante auf lange Sicht auch finanziell. Denn naturnahe Flächen können sich von alleine gut erholen; in der Auenlandschaft ist Hochwasser ein natürlicher Bestandteil des Ökosystems. Seit mehr als 20 Jahren gibt es für die Deichrückverlegung umfassende Konzepte, deren Umsetzung regional aber sehr unterschiedlich ist. Ökologischer Hochwasserschutz funktioniere eben nicht von heute auf gleich, dafür sei er aber nachhaltiger, findet Mathias Scholz. Allerdings mahnt er an: "Die Diskussion um Naturschutz und Hochwasserschutz heizt sich gerade ganz schön auf und muss runtergefahren werden. Stattdessen sollten gemeinsame Handlungsfelder gestärkt werden."

In Döbeln hat Stadtrat Wolfgang Müller genug und will nun mobilisieren: "Ich bin auch für naturfreundlichen Hochwasserschutz, aber nicht, wenn es weitere 20 Jahre braucht, bis etwas passiert!" Das Becken in Oberbobritzsch ist derzeit erst im Planungsstadium. In welcher Form der Bau genehmigt wird und inwieweit der Naturschutz mitsprechen kann, steht also noch in den Sternen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.06.2013

Lisa Berins

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