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Naturschützer fordern Umdenken beim Flutschutz

Naturschützer fordern Umdenken beim Flutschutz

Mit scharfer Kritik haben Naturschützer auf die Konsequenzen des Freistaats aus der Juni-Flut reagiert. Sie fordern mehr natürlichen Hochwasserschutz, höhere Deiche allein könnten das Problem nicht lösen.

"Naturschützer vertreten keine Einzelinteressen und können auch keine Vorhaben verhindern", erklärte Karl Mannsfeld von der Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz vor Journalisten in Dresden. Nach der Flut im Juni waren immer wieder Stimmen laut geworden, Umweltschützer hätten mit Einsprüchen Schutzprojekte gestoppt. "Derartige Entgleisungen und das Schüren von Volkszorn sind völlig unangebracht", sagte Mannsfeld. Deshalb sei es umso "bedauerlicher, dass sich auch Mitglieder der Landesregierung in diesem Sinne geäußert" hätten. Pikant: Mannsfeld war nicht nur jahrelang Umweltpolitiker bei der CDU im Landtag, sondern als Kultusminister zeitweise selbst in der Regierung.

"Leben, Gesundheit und materielle Existenz der Menschen müssen wichtiger sein als Einzelinteressen", hatte Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) nach der Flut erklärt und eine Initiative zur Beschleunigung von Genehmigungsverfahren angekündigt.

Für die Umweltschützer ist der Flutschutz in Sachsen derzeit zu einseitig auf technische Lösungen ausgerichtet. Mit immer höheren Deichen werde das Schadenspotential "unkalkulierbar". Flüsse würden beschleunigt, Hochwasser flussabwärts verstärkt. Dort hätten es die Anwohner im Wortsinn "auszubaden". Es gehe um eine Synthese aus technischen und natürlichen Lösungen. Die Flüsse bräuchten mehr Raum. Nach der Flut 2002 hat der Freistaat nach Mannsfelds Angaben 49 Deichrückbaumaßnahmen geplant, 7500 Hektar wären als Überflutungsflächen gewonnen worden. 2012 habe das Land nur noch 34 Projekte für etwa 5000 Hektar weiter verfolgen wollen. Bis zur Juni-Flut 2013 seien lediglich zwei Maßnahmen für 114 Hektar umgesetzt worden.

Mannsfeld und den Mitstreiter von Umweltverbänden wie BUND, Nabu, Grüner Liga und anderen ist klar, dass in besiedelten Gebieten technischer Hochwasserschutz zur Kulturlandschaft gehört, teilweise seit Jahrhunderten. Deichanlagen seien aber teuer im Bau und später in der Unterhaltung. Natürlicher Hochwasserschutz verursache kaum Folgekosten. Mehr Überflutungsflächen würden den Hochwasserscheitel und das Schadensrisiko für Siedlungen und Industrie verringern. Aus Mannsfelds Sicht macht es sich das Land zu einfach, wenn es behauptet, die Vorschläge würden bei Jahrhundertfluten nicht helfen.

Sachsen brauche ein Fluss- und Auenprogramm. Wissenschaftlich sollte untersucht werden, wo Flüssen mehr Raum gegeben werden kann. Daraus ließe sich eine Strategie für langfristige Lösungen entwickeln. Das Problem muss an der Wurzel gepackt werden, meinen die Umweltschützer. Sie fordern die Renaturierung von Quellgebieten auch kleinerer Flüsse, mehr Wald als Wasserspeicher und bessere Entschädigungen für Eigentümer, die ihr Land als Überflutungsfläche abgeben. Auch der konsequente Umgang mit Bebauungsverboten gehöre dazu.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.10.2013

Ingolf Pleil

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