Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Nervenkitzel zwischen Baggerschaufeln und Skalpell - Archäologie in der Lausitz

Nervenkitzel zwischen Baggerschaufeln und Skalpell - Archäologie in der Lausitz

Immer weiter arbeiten sich die riesigen Bagger im Lausitzer Braunkohletagebau Reichwalde vor. Quasi in letzter Minute werden die Flächen zuvor von Archäologen untersucht.

Voriger Artikel
Kanzlerkandidat Steinbrück sieht Ostdeutsche nicht als Europa-Gegner
Nächster Artikel
BUND-Berechnungen: Stromkosten für Privathaushalte steigen deutlich

Archäologen legen ein geowissenschaftliches Profil im Altarm des Weißen Schöpses im Tagebauvorfeld von Reichwalde an.

Quelle: Landesamt für Archäologie Sachsen

Reichwalde. Gleich hinter der verfallenen Stallanlage in Altliebel kratzen sich filigrane Kellen und Skalpelle durch den feinen Lausitzer Sand. Kaum 500 Meter Luftlinie entfernt durchpflügen mehr als 5000 Tonnen schwere Bagger-Riesen den Tagebau, und jede Schaufel der mächtigen Schaufelräder hievt etwa fünf Kubikmeter Erdreich mit einem Schlag auf das graue Band der Förderbrücke.

"Archäologisch hoch spannend" ist laut Wolfgang Ender die Region am Flusslauf des Weißen Schöpses, die in den nächsten Monaten und Jahren von den Baggern des Energieriesen Vattenfall zerbröselt wird. Der Referatsleiter im sächsischen Landesamt für Archäologie verweist auf Fundstücke aus unterschiedlichen Epochen. Von der mehr als 10.000 Jahre zurückliegenden Altsteinzeit mit bemerkenswerten Feuerstein-Werkzeugen über etwa 6000 Jahre alte jungsteinzeitliche Gefäßscherben bis hin zu einem erst kürzlich entdeckten Gräberfeld aus der Bronzezeit (etwa 1000 v. Chr.) sowie reichhaltigen, farbenfrohen mittelalterlichen Funden von Muskauer Keramik (um 1600). "Wir haben bereits nachgewiesen, dass die Region über diesen großen Zeitraum immer wieder besiedelt war", sagt Ender. "Zum Beispiel haben wir Funde aus der Steinzeit, der Bronzezeit und dem Mittelalter, aber dazwischen große Lücken. War also die Region Hunderte, ja Tausende Jahre lang unbesiedelt? Und wenn das so ist, warum?"

Im Fokus der archäologischen Projekte steht der Nachweis der steinzeitlichen Besiedelung der Gegend südlich von Weißwasser. Mehrere sogenannte Feuerstein-Schlagplätze wurden ebenso rekonstruiert wie Steine, die als Kochsteine genutzt wurden. Da die mittelsteinzeitlichen Jäger noch keine Häuser bauten, bilden auf Feuerstätten hinweisende Rotfärbungen des Bodens und Holzkohle die wichtigsten archäologischen Hinweise.

Thomas Linsener ist als Grabungstechniker mit seinem Detektor dort unterwegs, wo die Bagger 2014 zupacken werden. Vor wenigen Wochen hat er ein bronzezeitliches Gräberfeld aus der Ära um 1000 v. Chr.. aufgespürt. "Mir standen vor Aufregung die Haare zu Berge", erzählt er. Seltene Tiere wie Adler, Wölfe und Schlangen sind die wenigen Begleiter der Archäologen im Bergbau-Sperrgebiet.

Gleich neben dem ehemaligen Gut Viereichen und dem nur noch auf alten Karten existierenden Ort Mochholz plagt sich der Kampfmittelbeseitigungsdienst mit Weltkriegs-Schrott. Knapp daneben hat Mittelalter-Experte Peter Schöneburg mit seinem Team auf der Suche nach dem in Viereichen vermuteten, aber noch nicht gefundenen Eisenhammer die Reste von etwa 400 Jahre alten Kellern mit zahlreichen Keramik-Funden freigelegt. Um 1600 wurde in dem Gebiet Eisenerz verhüttet und in sogenannten Eisenhämmern verarbeitet. Der Name des angrenzenden sorbischen Örtchens Hamorsc (Hammerstadt), das nicht der Kohle weichen muss, ist zusätzliches Indiz.

Nachdem die Erz-Vorkommen an der Oberfläche nicht mehr den nötigen Ertrag brachten, verließen die Menschen die Region wieder. Möglicherweise auch auf der Flucht vor den Plünderern und Brandschatzern des 30-jährigen Krieges (1618-1648). Auch eine Frage, die noch nicht eindeutig beantwortet ist. Wie so viele auf dem Gelände des Tagebaus Reichwalde.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.08.2013

Peter Stracke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Digital Abo

    "LVZ Digital Abo" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kön... mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr