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Neuer Film will Schicksal von NKWD-Opfern beleuchten

Neuer Film will Schicksal von NKWD-Opfern beleuchten

Der 19. August 1948 war für Gerdi Weid „der schönste Tag in meinem Leben, denn wir hatten endlich wieder eine Mutter.“ Drei Jahre lang hatten die damals Zehnjährige und ihre drei Geschwister nichts von ihrer Mutter gehört.

Neubrandenburg/Ahlen. Die Frau war 1945 in Vorpommern vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet und ins 70 Kilometer entfernte „Speziallager Nr. 9“ nach Fünfeichen bei Neubrandenburg gebracht worden. Das Schicksal von Gerdi Weid, die heute in Ahlen (Nordrhein-Westfalen) wohnt, drei anderen Frauen, ihrer Kinder und vier Männern hat die Arbeitsgemeinschaft (AG) Fünfeichen in einem neuen Film über NKWD-Opfer verarbeitet, der am Samstag in Neubrandenburg erstmals gezeigt wurde.

Der Film, in dem erstmals Frauen zu Wort kommen, die in so einem Lager Kinder geboren haben, soll die großen Wissenslücken über die zehn „Speziallager“ im Nachkriegsdeutschland schließen, die noch immer existieren, sagt Rita Lüdtke, die Vorsitzende der AG Fünfeichen. „Wir haben nicht mehr viel Zeit, das aufzuholen, was zu DDR-Zeiten versäumt wurde.“ Bis 1990 mussten die NKWD-Opfer in der DDR über ihr Schicksal schweigen.

Fünfeichen war von 1939 bis 1945 ein Kriegsgefangenenlager der Nationalsozialisten. 1945 richtete der sowjetische Geheimdienst dort eines der größten Internierungslager für politische Häftlinge ein - wie in Bautzen (Sachsen), Buchenwald (Thüringen) und Sachsenhausen (Brandenburg). Von etwa 15 000 Insassen, die laut AG Fünfeichen nach 1945 ohne gerichtliches Verfahren und größtenteils unschuldig eingesperrt wurden, starben rund 4900 im Lager. Mehrere tausend Menschen wurden in andere Lager oder nach Sibirien verschleppt. Die jüngsten der 160 heute noch lebenden Ex-Häftlinge sind heute 80 Jahre alt, der Älteste ist 98.

„Gerade deshalb war dieser Film so wichtig“, erklärt Lüdtke. Zugleich hoffen die Mitglieder der AG Fünfeichen, die als größte Opfervereinigung eines Speziallagers gilt, dass auch endlich die bundesweite Wanderausstellung über alle „Speziallager“ eröffnet werde. Sie sei von der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur in der Gedenkstätte „Roter Ochse“ seit längerem in Halle geplant, ihre Eröffnung aber erneut verschoben worden.

Ein Baustein dazu könnte der neue Film mit dem Titel „Nicht vergessen, aber vergeben“ sein. Besonders berührend wirkt dabei das Schicksal von Herta Rüger. Die heute 87-Jährige wurde im Alter von 22 Jahren in Ahlbeck auf Usedom verhaftet. „Warum, weiß ich bis heute nicht“, erklärt sie.

Im frühen Stadium schwanger kommt Rüger in das von Hunger und Krankheit geprägte Lager Fünfeichen und bringt Anfang 1946 einen Sohn zur Welt: Joachim. Der russische Kommandeur verfügt jedoch, dass ihr das Kind weggenommen wird. Sie wird es erst zur Entlassung zwei Jahre später wiederbekommen. Der kleine „Jockel“, wie er später genannt wird, wird von Gerdi Weids verhafteter Mutter betreut. „Die Trennung in den frühen Kindheitsjahren hat das ganze Leben von Herta Rüger geprägt“, erklärt Lüdtke.

Als der Sohn zwei Jahre alt ist, wird das Lager Fünfeichen 1948 aufgelöst und Rüger erhält ihr Kind zurück. Seine ganze Kindheit und Jugend noch hält Joachim Kontakt zu beiden Frauen - seiner echten und seiner Pflegemutter. „Vielleicht hat die Betreuung des Jungen der Mutter von Gerdi Weid auch geholfen, die Zeit ohne ihre vier Kinder im Lager zu überstehen“, sagt Marianne Bindig, die Schwester des Jungen. Sie fährt ihre Mutter, Herta Rüger, immer zu den Treffen der AG Fünfeichen. Ihr Bruder Joachim , sagt Bindig, habe ein normales Leben gelebt, sei aber leider im Alter von 54 Jahren  gestorben. Den Anzug, den Joachim als Zweijähriger zur Entlassung in Fünfeichen trug, übergibt sie der AG Fünfeichen. Er soll in einem Museum Platz finden.

dpa

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