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Neues Kochbuch: Luther ebnete „Fraktion der Fleischfresser“ den Weg

Reformation Neues Kochbuch: Luther ebnete „Fraktion der Fleischfresser“ den Weg

Martin Luther reformierte nicht nur die Kirche, sondern auch die Küche. Vor Beginn der Reformation gehörten fast alle Europäer der römisch-katholischen Kirche an und waren den Fastengesetzen unterworfen. Heißt: kein Fleischkonsum an fast 150 Tagen im Jahr.

Der Wittenberger Reformator Martin Luther hat zwar auch gefastet, das Fasten als „gutes Werk“ aber abgelehnt (Porträt Lucas Cranach).

Quelle: Archiv

Wittenberg. Luther reformierte nicht nur die Kirche, sondern auch die Küche. Vor Beginn der Reformation gehörten fast alle Europäer der römisch-katholischen Kirche an und waren den Fastengesetzen unterworfen. Heißt: kein Fleischkonsum an fast 150 Tagen im Jahr. „Das Fastengebot wurde schon lange vor Beginn der Reformation nicht nur in Kursachsen, sondern auch in den anderen europäischen Ländern immer weiter gelockert“, schreibt Elke Strauchenbruch in ihrem Buch „Luthers Küchengeheimnisse“. Der Wittenberger Reformator Martin Luther (1483-1546) habe zwar auch gefastet, das Fasten aber als „gutes Werk“ abgelehnt: Der Mensch werde „nicht durch das Fasten angenehm bei Gott, sondern allein durch die Gnade, allein durch den Glauben“. Die Lockerung der Fastengebote jener Zeit komme einer Erschütterung der europäischen Esskultur gleich, schreibt die Autorin weiter und zitiert den italienischen Historiker Massimo Montanari: „Die Fraktion der Fleischesser begann nun, ihre Ernährungsweise beinahe wie das Symbol einer neuen Freiheit zu betrachten und zu propagieren.“

Nach heutigem Denken sei der Wechsel zwischen Fleisch- und fleischloser Kost physiologisch richtig, bekennt die Luther-Expertin. „Die Menschen kochten eine Hälfte des Jahres mit Speck und tierischen Fetten und aßen Fleisch, und sie kochten die andere Hälfte eher mediterran und vegetarisch, mit Öl, relativ viel Gemüse und Fisch.“ Allerdings traf das nur auf die zu, die es sich leisten konnten. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts mussten etwa 37 Prozent der Einnahmen eines einfachen Haushalts allein für das tägliche Brot aufgewendet werden, insgesamt rund zwei Drittel flossen in die Beschaffung von Lebensmitteln. Auch zu Luthers Zeiten war das Leben von Hunger bedroht. Kriege, Fehden, ebenso Seuchen und Unwetter führten zu Hungerszeiten. Dies, aber auch weil man moderne Konservierungsmöglichkeiten wie Einfrieren und Einwecken nicht kannte, machte bei der Speisezubereitung erfinderisch. Lebensmittel wurden durch Räuchern, Trocknen oder durch Einlegen in Salz und Öl haltbar gemacht. „Die gute Hausfrau verstand es, aus wenig viel zu machen: Breie, Brot, Pasteten, Suppen und dergleichen beherrschten die Tafel“, schreibt die Wittenbergerin, die in Leipzig Geisteswissenschaften studiert hat. Und natürlich Bier und Kofent (oder: Kovent), ein alkoholarmes Dünnbier. Es wurde zu den täglichen Mahlzeiten und auch den Kindern gereicht.

Luther arbeitete selbst bei Tisch an Texten, liebte das Gespräch, diskutierte beim Essen gern und viel. „Iss, was gar ist, trink, was klar ist, red, was wahr ist!“ lautet einer seiner überlieferten Tischsprüche. Viele stammen nicht aus seinem Munde, wurden ihm später zugeschrieben. So wie der bekannte Tischspruch: „Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmacket?“, den die Autorin gar nicht erst erwähnt.

Luther war nicht nur für seine derben Sprüche bekannt, sondern auch für seine Vorliebe für deftige Speisen. Zeichnete ihn Lucas Cranach 1524 noch als knochigen Mönch, erscheint er später auf zeitgenössischen Bildern sehr wohlgenährt. Dennoch sei der saufende und fressende Luther nur eine Legende, verteidigt ihn die Autorin, die lange Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lutherhaus gearbeitet hat, und holt sich Beistand beim Theologen Johannes Mathesius (1504-1565): „Ob er aber wohl einen ziemlichen Leib hatte, aß und trank er wenig und selten etwas Besonderes, ließ sich an gemeiner Speise genügen.“ Ein Speisenplan aus dem Hause Luther ist leider nicht überliefert, sodass sich das schwer belegen lässt.

Die Autorin tritt mehrfach den Gegenbeweis für ihre These an, schildert ausgiebig, dass der Kirchenmann das von seiner Frau, Katharina von Bora (1499-1552), gebraute Bier liebte und gern Feste veranstaltete. Bei den von der Lutherin vorbereiteten Feiern flossen nicht nur Unmengen Bier, sondern man erfreute sich an köstlichen Speisen etwa aus Geflügel, Hasen, Raben und Singvögeln. Ja, die kleinen singenden Geschöpfe wurden in jener Zeit in großen Teilen Europas zu Hauf verspeist. Bei Ausgrabungen an Luthers Elternhaus in Mansfeld fand man Knöchel von Singvögeln, was den Schluss zulässt, dass schon Klein-Martin deren Fleisch geschätzt haben muss.

Da Luther guten Kontakt zum Adel hatte und oft an den Tischen der Mächtigen saß, kannte er die ausgefeilte Kochkunst bei Hofe nur zu gut, wo reichlich Fasan, Wildschwein und Reh aufgetafelt wurden. Auch zu den Hochzeiten wurde gut gegessen. Luther soll Hochzeiten geliebt haben, schreibt die Historikerin Strauchenbruch. Er soll Philipp Melanchthon zur Ehe gedrängt haben. Zur Hochzeit des Reformators Johannes Bugenhagen schrieb Luther an den Theologen Georg Burkhardt Spalatin, dass dieser Kurfürst Friedrich bitten solle, Wildbret zur Hochzeit zu stiften, „denn einmal ist er es wert, und zum andern auch unseretwegen, die wir seine Gäste sein werden“.

Elke Strauchenbruch,

„Luthers Küchengeheimnisse“,

Evangelische Verlagsanstalt Leipzig,

168 Seiten,

14,80 Euro,

ISBN 978-3-374-04123-7

Von Andreas Dunte

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