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Neues Online-Portal stellt Raser und Drängler an den Auto-Pranger – Datenschützer sind alarmiert

Neues Online-Portal stellt Raser und Drängler an den Auto-Pranger – Datenschützer sind alarmiert

Verkehrsrüpel aufgepasst: Im Internet kann man als Raser und Drängler jetzt schnell am Auto-Pranger stehen. Nicht jedem gefällt das neue Petz-Portal "Fahrerbewertung.

Leipzig. de".

Der Möchtegern-Vettel mit seinem albernen Protz-Spoiler hängt schon seit mehr als einer Minute hinten auf der Stoßstange. Lichthupe, Scheibenwischer-Gestik, hektisches Lenken Richtung Mittelleitplanke: Das ganze Programm. "Du Idiot" brüllt man dem Autobahn-Rüpel hinterher, wenn er endlich vorbeizieht. Doch hören kann er es nicht, stattdessen blickt man in ein freches Grinse-Gesicht und bekommt noch ein unfeines Finger-Zeichen geschenkt.

100.000 Auto-Bewertungen nach vier Wochen

Das war's. Bisher. Denn nun kann man derlei impertinente Pisten-Cowboys am heimischen Computer ganz in Ruhe ausbremsen. So ist jedenfalls die Idee des Bonner IT-Unternehmers Jörn Wolter. Seit Mitte März ist sein Internet-Portal "Fahrerbewertung.de" am Start. Zum Ärger von Datenschützern, die das Bloßstellen am "Auto-Pranger" kritisieren. Doch es wird rege genutzt, nach nicht mal vier Wochen sind bereits knapp 100.000 Auto-Bewertungen auf der Internet-Seite registriert.

Das Verfahren ist dabei denkbar einfach: Die Seite wird aufgerufen, ein KFZ-Kennzeichen eingegeben und anschließend in den Ampelfarben Rot-Gelb-Grün bewertet. Wer negativ (rot) abstimmt, kann zudem noch Zusatzinformationen angeben über die Art des Verkehrsverstoßes sowie Wagentyp und Farbe oder den Ort und Zeitpunkt des Ärgernisses. Gleiches geht auch bei den positiven Voten - dann kann man den Fahrer ins beste Licht rücken: "Fährt umsichtig, lässt Vortritt beim Einparken..." Genauso simpel lässt sich auch das eigene Fahrverhalten kontrollieren: Einfach sein Kennzeichen eingeben und die Bewertungen der anderen abrufen. So denn welche vorliegen.

Datenschützer melden Bedenken an

Die Idee kam Wolter, als sein Bruder von einem anderen Autofahrer auf der Autobahn gefährlich geschnitten wurde. "Nach dem ersten Ärger haben wir überlegt, was man machen kann, ohne gleich zur Polizei zu rennen". Die Aufregung der Datenschützer kann der Portal-Erfinder Wolter indes nicht verstehen. "Wir haben uns vorher rechtlichen Beistand geholt und in der Probephase noch einiges geändert." So habe man schnell Abstand genommen von der ursprüngliche Absicht, Freitextfelder anzubieten. "Das hätte zu wüsten Beleidigungen führen können, die für uns nicht mehr kontrollierbar sind." Aus dem gleichen Grund gibt es auch nicht wie angedacht die Möglichkeit, Fotos des Rasers oder Parkplatzräubers im Portal hochzuladen.

Trotzdem ist der zuständige Landesbeauftragte für den Datenschutz in Nordrhein-Westfalen alarmiert. "Das ist ganz sicher ein Grenzfall", sagt sein Sprecher Roul Tjaden. Seine Behörde hat nun die Portal-Betreiber, die Bonner Firma Bo-Mobile, um eine Stellungnahme gebeten. "Die Anonymität bleibt doch gewahrt, es ist ja nur das Kennzeichen was ersichtlich ist", erwidert dagegen Wolter. Bei Abfragen erhält der Fahrer zudem auch nur eine Gesamtnote, nicht aber die Zusatzinfos über sein Fahrverhalten oder den Ort des Deliktes. Und wer sich ungerecht behandelt fühlt, der könne ihn anschreiben. Portal-Betreiber Wolter hört auch nicht so gern das Wort "Auto-Pranger". Bewusst habe man diesen Begriff für die Seite vermieden, obwohl er "schön griffig" gewesen wäre. "Es geht uns nicht darum, jemanden bloßzustellen. Es soll vielmehr eine ernste Ermahnung sein, sein Fahrverhalten kritisch zu überprüfen, ohne dass es gleich zur Anzeige kommt."

Idee des Petz-Portals umstritten

Andere Länder hätten mit vergleichbaren Ideen gute Erfahrungen gemacht. So gebe es in England beispielsweise die Aktion "How's my driving?" (Wie ist mein Fahrstil). Bevorzugt Fahranfänger und Rentner würden sich diesen Sticker aufs Auto kleben und können sich von anderen Verkehrsteilnehmern bewerten lassen. Mit Erfolg, sagt Jörn Wolter, die Unfallquote in dieser Autofahrergruppe sei deutlich um bis zu 50 Prozent gesunken. Ein Ansporn auch für den Bonner Online-Verkehrshüter: "Wir können es uns nicht leisten, bei einer Verkehrsdichte von über 60 Millionen registrierten Fahrzeugen in Deutschland dem Treiben auf unseren Straßen tatenlos zuzusehen. Der Verkehrsraum ist begrenzt, infolge wird unser Alltag auf den Straßen immer öfter von Stress und Hektik bestimmt."

Günther Elsner kennt das Gedränge, vor allem im Süden der Republik. Alle drei bis vier Wochen ist der Bauarbeiter als Pendler zwischen dem nordsächsischen Bad Düben und seinen Baustellen in Oberösterreich unterwegs. "Da wird schon dicht aufgefahren und geschnitten, jeder will ja schnell zur Arbeit oder am Freitag wieder zurück in die Heimat", weiß Elstner. Doch obwohl auch er schon haarsträubende Situationen im Kampf Stoßstange gegen Stoßstange erlebt hat, ist er kein Freund des neuen Petz-Portals. "Da kann man so leicht Unfug betreiben. Weiß ich denn, ob mein Nachbar gerade nicht gut auf mich zu sprechen ist. Der kann mich dann ganz locker mit meinem Kennzeichen im Internet rund machen? Nee, das gefällt mir nicht." Susanne Henke dagegen ist für das Angebot. Die dreifache Mutter fährt zwar selten längere Strecken, dafür kennt sie mit ihrem Familien-Van den täglichen Kampf um die knappen Parkplätze vor Kita, Sparkasse und Supermarkt. "Wenn mir da mal wieder einer den Parkplatz frech wegschnappt, ist es doch gut, wenn ich im Internet meinem Ärger Luft machen kann."

Böse Schelte über den "Petz-Pranger" oder lobende Zustimmung für den "easy Frustabbau" - Jörn Wolter kennt das harte Pro und Contra in der öffentlichen Meinung zu seinem Portal. Dabei überrascht ihn selbst manchmal, was die Statistik der abgegeben Bewertungen so ausspuckt. Dass die meisten Rüpel im dicht befahrenen Südwesten zu finden sind und die Vorbilder eher im dünn besiedelten Nordosten, ist zwar noch erklärbar. Auch die Rangliste der Automarken entspricht dem Klischee: Porsche- und Mercedes-Fahrer sind die bösen Jungs, asiatische Marken finden dagegen sich immer bei einemruhigen und weisen Wagenlenker. Doch warum bei den Fahrzeugtypen Taxen die schwarzen Schafe sind, dagegen ausgerechnet Motorräder (!) positiv abschneiden, deckt sich kaum mit den Praxiserfahrungen aus dem Verkehrsalltag.

Geld will Jörn Wolter, der sonst Preisvergleichsportale entwickelt und betreibt, mit Fahrerbewertung.de nicht verdienen. "Es ist im Moment eher so, dass uns das enorme Interesse und die Nachfragen an dem Auto-Portal von unserer eigentlichen Arbeit abhält." Raser und Drängler eben. Und das nicht nur im Straßenverkehr.

Fahrerbewertung oder Auto-Pranger: Eine gute oder schlechte Idee? Diskutieren Sie mit auf www.facebook.com/lvzonline

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.04.2014

Olaf Majer

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