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November 1938: In Sachsen brennen die Synagogen

November 1938: In Sachsen brennen die Synagogen

In ganz Deutschland brennen in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 die Synagogen. SA-Leute verwüsten jüdische Geschäfte, misshandeln und ermorden zahlreiche Menschen.

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Nach der Terrornacht: Die zerstörte Alte Synagoge in Chemnitz.

Quelle: LVZArchiv

Leipzig. Die Novemberpogrome sind der Beginn der offenen Gewalt gegen die Juden in Nazi-Deutschland.

Es ist der 7. November 1938 in Paris. In der Deutschen Botschaft schießt der Jude Herschel Grünspan auf den Diplomaten Ernst von Rath, der dabei schwer verletzt wird. Der 17-jährige Attentäter will die Ausweisung seiner Angehörigen aus Deutschland rächen, die wie Tausende andere polnischstämmige Juden einfach im Niemandsland der Grenze zu Polen ausgesetzt wurden.

Zwei Tage später ist in Deutschland - wie jedes Jahr seit 1933 - staatlicher Gedenktag. Gefeiert wird der Marsch auf die Feldherrenhalle in München. Als die Nachricht, dass von Rath an seinen Verletzungen gestorben ist, eintrifft, ruft Propagandaminister Joseph Goebbels aus: Die Synagogen sollen brennen.

Sachsens Gauleiter Martin Mutsch- mann stachelt sofort seine Kreisleitungen an. Die SA-Männer, die oft noch in der Kneipe sitzen, ziehen los. Bald darauf, es ist mittlerweile tief in der Nacht, brennen in Sachsen, wo es acht jüdische Gemeinden gibt, die großen Synagogen in Dresden, Leipzig, Chemnitz und Plauen.

In den kleineren Gemeinden in Zwickau und Zittau werden jüdische Friedhöfe geschändet. Und auch in Annaberg und Delitzsch werden jüdische Einrichtungen zerstört. Die markante Synagoge im heute zu Sachsen und damals zu Preußen gehörenden Görlitz übersteht dagegen die Pogromnacht weitgehend unbeschädigt, weil die Feuerwehr den Brand rechtzeitig löschte. Im Nebenhaus soll ein leitender NSDAP-Funktionär gewohnt haben, der offenbar um sein Hab und Gut fürchtete.

SA-Horden demolieren hunderte jüdische Geschäfte und Wohnungen. In Leipzig wird ein jüdischer Arzt so schwer misshandelt, dass er an seinen Verletzungen stirbt. Ein jüdischer Unternehmer aus Chemnitz wird in seiner Villa erschossen. Die Zahl der Toten in jener Nacht wird deutschlandweit auf etwa 400 geschätzt. In den folgenden Tagen sterben viele weitere Menschen an den Folgen der Misshandlungen.

Unzählige Schaulustige säumen in der Nacht die Straßen. Sie schauen zu. Schweigend. Mancherorts gehen die lebensgefährlichen individuellen Bedrohungen auch von einem "entfesselten, fanatisierten Mob" aus, der sich, wie die Dresdner Historikerin Irina Suttner schildert, "der von den Braunhemden groß angelegten Zerstörungsaktion nicht nur begeistert anschloss, sondern auch eigenen Neid und Hass auslebte."

So wurden in Bautzen jüdische Frauen und Männer am Morgen des 10. November 1938 gewaltsam aus ihren Wohnungen geholt, sieben Stunden lang durch die Stadt getrieben und von vielen beschimpft, bespuckt und zum Teil misshandelt. "Sie wurden anschließend auf dem Kornmarkt als ,Untermenschen' zur Schau gestellt und zu Turnübungen gezwungen", berichtet Hagen Schulz vom Museum Bautzen. Währenddessen wurden ihre Wohnungen, Geschäfte und das Gemeindearchiv verwüstet.

Außerdem setzt nach der Pogromnacht eine Welle von Verhaftungen ein. Etwa 600 sächsische Juden werden in die Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen eingeliefert.

"Das Jahr 1938 markiert das Ende jüdischen Lebens in Sachsen und Deutschland", blickt der Leipziger Historiker Steffen Held zurück. Hatten bis dahin viele noch gehofft, alles werde sich wieder normalisieren, gab es nun kein Zurück mehr, sagt Held. Tausende Juden fliehen. Wer bleibt, wird in die Ghettos im Osten und später in die Vernichtungslager deportiert.

Bis in die späten 1980er Jahre hinein drohte organisiertes jüdisches Leben in Sachsen komplett zu erlöschen. "Ein unwiederbringlicher Reichtum an jüdischer Tradition, Kunst, Intellektualität und Philantropie ist Juden und Nichtjuden in diesem Land gleichermaßen verloren gegangen", sagt der in Karl-Marx-Stadt geborene Historiker Olaf Glöckner. Die seit den 1990er-Jahren in Dresden, Leipzig und Chemnitz heranwachsende neue Generation von jüdischen Frauen und Männern habe es "möglicherweise in der Hand, den Traum von einer ,jüdischen Renaissance' im Freistaat doch noch zu verwirklichen."

 

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.11.2013
Winfried Mahr/Kay Stolle

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