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Per Puzzle auf Wahrheitssuche: 15 Jahre Stasi-Akten-Rekonstruktion

Per Puzzle auf Wahrheitssuche: 15 Jahre Stasi-Akten-Rekonstruktion

Ein ordentliches Büro sieht anders aus. Statt sauber gestapelter Akten finden sich auf Ernst Schrödingers Schreibtisch Hunderte ungeordneter leicht vergilbter Aktenschnipsel, manche handgeschrieben, andere mit einer älteren Schreibmaschine getippt.

Zirndorf/Berlin. Die Hand des Behördenmitarbeiters greift mal hier, mal dort hin - bis er zwei zueinander passende Papierschnipseln findet und sie feinsäuberlich zusammenklebt. Schrödingers Puzzle- Arbeit hat sich mal wieder gelohnt: Die gerade rekonstruierte Stasi-Akte enthält den handgeschriebenen Bericht eines Stasi-Spitzels während eines Besuchs beim damaligen Klassenfeind Bundesrepublik.

15 Jahre Rekonstruktion von Stasi-Akten - das war auch für die Präsidentin der Stasiunterlagen-Behörde, Marianne Birthler, am Freitag Anlass, sich wieder einmal über die Arbeit der Projektgruppe zu informieren. In einem Seitentrakt der Außenstelle des Bundesflüchtlingsamts im fränkischen Zirndorf sind allerdings nur noch sechs der einst mehr als 40 Bundesamtsmitarbeiter mit der Sisyphos-Arbeit betraut. Trotzdem arbeite dieses kleine Team inzwischen effektiver als noch vor nein paar Jahren. „Früher haben die Kollegen monatlich rund 3000 Blatt zusammengefügt, heute sind es 5000“, berichtete Projektgruppenleiter Andreas Petter.

Denn inzwischen sichten Mitarbeiter der Birthler-Behörde in Berlin die mit Aktenschnipseln gefüllten braunen Abfallsäcke vor. In Zirndorf landen nur noch Säcke mit leicht rekonstruierbaren Akten. Stasi-Berichte, Aktenvermerke und Dienstanweisungen, die in bis zu 70 Teilen zerrissen wurden, sollen dagegen künftig von einem speziellen Computersystem rekonstruiert werden. „Ich freue mich, dass das entsprechende Projekt jetzt schneller vorangeht, damit noch viele ihre Akten einsehen können“, berichtete Behörden-Chefin Birthler. Auch ihre eigene Akte vermutet sie in einem der 16.000 Müllsäcke, die in Ostdeutschland deponiert sind - wenn sie nicht bereits vernichtet sei.

Nachdem Mitarbeiter des Fraunhofer Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Berlin für die virtuelle Rekonstruktion erst einen speziellen Scanner entwickeln mussten, hält sich auch Behördenchefin Birthler mit zeitlichen Prognosen zurück. Sobald die Technik einsatzbereit ist, soll sie jedenfalls testweise den Inhalt von 400 Aktensäcken maschinell bearbeiten. Aber selbst wenn die Technik funktioniert, ist für Birthler klar: „Wir werden auch weiterhin nicht auf die manuelle Rekonstruktion verzichten können. Manche Aktenschnipsel eigneten sich einfach nicht für eine maschinelle Bearbeitung“, betonte sie.

Dass manche Akten nicht besonders akribisch zerkleinert wurden, hängt nach Einschätzung von Projektgruppenmitarbeitern mit dem Zeitdruck zusammen, unter dem Stasi-Offiziere in den letzten Tagen der DDR die Spuren ihrer Spitzeltätigkeit verwischen wollten. Weil die Reißwölfe angesichts der riesigen Aktenberge bald schon heiß liefen, zerrissen Mitarbeiter des früheren Ministeriums für Staatssicherheit die Dokumente mit bloßen Händen - oftmals gerade einmal.

Was man als Mitglied im sogenannten Reko-Projekt mitbringen muss, bringt Schrödinger mit wenigen Worten auf den Punkt: „Viel Geduld und Durchhaltevermögen“. Er selbst habe sich nach Ende seiner Bundeswehrzeit freiwillig für die Aufgabe gemeldet - und sei inzwischen seit zehn Jahren dabei, berichtet er. Wechsel im Team seien eher selten. Sein Kollege Thomas Nitschke, der gerade über einem Berg von Aktenschnipsel der Stasi-Abteilung 20/4 brütet, die für die Bespitzelung der Kirchen in der DDR zuständig war, hat zwar längst professionelle Distanz zu den Spitzeldokumenten entwickelt. „Ich finde die Arbeit aber immer wieder interessant. Das ist Geschichte und einfach spannend.“

Klaus Tscharnke, dpa

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