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Peter Richter: "Der Ruf Sachsens ist fundamental im Arsch"

Peter Richter im Interview Peter Richter: "Der Ruf Sachsens ist fundamental im Arsch"

Der Schriftsteller Peter Richter (42) ist in Dresden geboren und arbeitet als Kulturkorrespondent für die Süddeutsche Zeitung in New York. Im Interview äußert er sich zu Heidenau und den Folgen.

Quelle: André Kempner

Leipzig/New York. Heidenau hat es bis in die US-Medien geschafft. Wie nehmen Sie in New York die ausländerfeindlichen Vorgänge rund um Dresden und die Berichterstattung wahr?

Das ist schon ein Horror ganz spezieller Art, wenn einem so vertraute Ortsnamen plötzlich in der New York Times begegnen, und zwar in dem Rahmen, in dem sonst vom Irak oder Syrien berichtet wird, als Krisengebiete. Horror ist es auch deswegen, weil ich manchmal fast das Gefühl habe, diese Geister selbst herbeibeschworen zu haben, als ich hier in meinem Brooklyner Zimmerchen über die ausländerfeindlichen Vorgänge um 1990 schrieb. Kurz nachdem ich fertig war, ging es mit Pegida los. Heidenau ist da, so als Wiedergänger von Hoyerswerda '91, fast schon gar keine Überraschung mehr. Immerhin berichtet die New York Times in ihrem notorischen Bemühen um Ausgeglichenheit auch über die, die in Heidenau versuchen, den Flüchtlingen beizustehen. In deutschen Kommentaren, die ich im Internet lese, fällt mir eher der Drang auf, sich der eigenen Empörung zu vergewissern.

Sachsen gilt als Ost-Musterland auch in den USA. Wie gefährlich sind da Neonazi-Schlagzeilen und rassistische Entgleisungen für den guten Ruf?

Guter Ruf? Ich blicke lange genug von außerhalb drauf, und ich habe immer laut genug auf meine Herkunft hingewiesen, um recht sicher sagen zu können: Sachsen ist schon auch ein beeindruckend unbeliebtes Bundesland, was unter anderem an der sagenhaften Selbstverliebtheit liegt. Ist es nicht beeindruckend, wie vielen Leuten die polemische Forderung nach einem Saexit (Austritt Sachsens aus der Bundesrepublik, Anmerkung der Red.) tief aus dem Herzen zu sprechen scheint? Dauernd kann man Westdeutsche hören, die geradezu beruhigt feststellen, dass Fremdenfeindlichkeit doch schon ein sehr spezifisch ostdeutsches, sächsisches, dresdnerisches Phänomen sei. Natürlich ist das im Prinzip selber rassistisch, stumpfsinnig und selbstgerecht. Aber es lässt keinen Zweifel: Der Ruf des Landes ist so fundamental im sogenannten Arsch wie er tiefer gar nicht drin sein könnte.

Lässt sich da momentan überhaupt was ändern?

Das dürfte sich allein durch Ungerechtfinden und Selbstbeweihräucherung nicht so schnell ändern lassen. Was hier in den USA davon ankommt, ist ein bedenkliches Bild von den Zuständen in Deutschland generell. Das heißt nicht, dass sie hier alle die deutsche Politik gegenüber Flüchtlingen zu restriktiv finden, manche eher im Gegenteil, die Amerikaner haben ja selbst ihre issues mit der Immigration. Aber wenn Neonazis in Deutschland die Straße übernehmen, dann sorgt das hier natürlich nicht für die Art von Aufmerksamkeit, die das Dresdner Fremdenverkehrsamt sich vermutlich wünscht.

Erste Dresdener Wissenschaftseinrichtungen klagen schon über die Absagen von internationalen Spitzenforschern. Der Tourismus in Dresden meldet ebenfalls Einbußen, Zufall oder Konsequenz aus den Rassismus-Aktionen der letzten Wochen?

Ein Wunder ist es jedenfalls nicht. Aber es ist zum Verzweifeln. Sämtliche Leute, die ich in Dresden kenne, waren von Anfang an massiv gegen die sogenannte Pegida. Viele von denen sind dagegen auf die Straße gegangen, engagieren sich gegen Neonazis, für Flüchtlinge... Aber die anderen sind lauter. Die bestimmen das Bild, nicht zuletzt dank der von ihnen sogenannten Lügenpresse. 20.000 Leute hatte Pegida zu ihren besten Zeiten mobilisieren können. Selbst wenn man davon die vielen aus dem Umland und all die Zugereisten von sonstwo mal als Dresdner rechnet, hätten die es nicht mal auf 5 Prozent der Wahlberechtigten in der Stadt gebracht. Tragisch ist, dass die anderen 95 Prozent sich von diesen paar Frustrierten so übertönen lassen.

Zur Person

Peter Richter wurde im Juli 1973 in Dresden geboren und wuchs im Stadtteil Loschwitz auf. 1992 machte er Abitur an der Kreuzschule. Nach dem Studium der Kunstgeschichte in Hamburg und Madrid (Promotion 2006) war er Feuilleton-Redakteur bei der FAZ sowie bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) und schrieb mehrere Sachbücher. Seit 2012 berichtet er als Kulturkorrespondent für die Süddeutsche Zeitung aus New York. Sein im März 2015 erschienener Roman "89/90" (Luchterhand) gilt als Meilenstein der Literatur, die sich im Rückblick mit der Erosion der DDR beschäftigt. Richter beschreibt darin mit seiner lakonisch klaren Sprache die Erlebnisse eines 16-jährigen Dresdners in der Zeit der Wende. Der Roman steht auf der Longlist (20 Bücher) für den Deutschen Buchpreis 2015.

Heidenau steht nun am medialen Pranger und im Shitstorm der sozialen Netzwerke. Was kann der Stadt noch helfen?

Jetzt haben ein paar hundert Hooligans in Heidenau mit einer offensichtlich überforderten Polizei ihren Spaß gehabt. Die einfachste Antwort darauf ist nun Heidenau-Bashing, das kann jeder Internetkommentator bequem aus seinem verpupten Sesselchen heraus erledigen. Bisschen konstruktiver wäre es aber vielleicht, jetzt den offenbar ganz redlichen Bürgermeister dort zu unterstützen und alle, die sich dort irgendwie um die Flüchtlinge zu kümmern versuchen. Wer Heidenau jetzt als Nazi-Nest abtut, besorgt, glaube ich, vor allem das Geschäft der NPD.

Heidenau, Freital, Meißen - es sind vor allem Orte rund um Dresden, die durch ausländerfeindliche Aktionen auffallen. Warum passiert das immer wieder in dieser Region so oft?

Jeder, in dessen eigener Heimatregion zwei ausländerfeindliche Exzesse pro Woche weniger vorkommen, hat dadurch immerhin was noch Schlimmeres zum mit dem Finger draufzeigen. Keine Ahnung, warum sich das gerade um Dresden herum so häuft. Zu DDR-Zeiten hatte ich nicht den Eindruck, dass es da schlimmer ist als in anderen Städten. Damals schien mir die Wahrscheinlichkeit, von Skinheads aufgeklatscht zu werden, wie das damals hieß, in Magdeburg oder Ostberlin wesentlich größer. Aber es war schon auffällig, wie gezielt Dresden nach der Wende zum Sammelbecken von Konservativen ausgebaut wurde.

Wie lässt sich das belegen?

Mir haben Adelige in Bayern erzählt, dass es immer die Reaktionärsten aus ihren Kreisen waren, die sich nach der Wende nach Sachsen orientiert haben. Und Dresden hatte das Pech, dass der Hamburger Neonaziführer Michael Kühnen damals seinen Unterling Rainer Sonntag in dessen alte Heimat zurückbeorderte, um die zur Hauptstadt der Bewegung zu machen. Irgendwie müssen diese Leute das Gefühl gehabt haben, dass es sich hier lohnen könnte. Ich weiß nicht, ob die Rechten wirklich Gramsci lesen, aber das Konzept der kulturellen Hegemonie schien eine Rolle zu spielen. Ich kann nicht einschätzen, wie sehr das noch nachwirkt. Ich hatte eigentlich immer den Eindruck oder zumindest die Hoffnung, dass die weltoffeneren Milieus in Dresden die aggressive Provinzialität aus dem Umland mit der Zeit aufgewogen hätten. Aber die Äußere Neustadt ist offensichtlich nicht dominant genug, und auf dem Weißen Hirsch waren und sind sich - mein vager Eindruck - viele schlicht zu fein für eine Beschäftigung mit derart unmusischen Zumutungen.

Hängen die offenbar weit verbreiteten Ressentiments gegen alles Fremde und Neuartige noch mit der medialen Abgeschottenheit zu DDR-Zeiten zusammen? Stichwort: Bezirk Dresden, das Tal der Ahnungslosen?

Tal der Ahnungslosen war ja eine ironische Selbstbeschreibung von Leuten, die zwar im Fernsehen nicht "Dallas" oder "Tutti Frutti" gucken konnten, aber dafür umso eifriger im Radio den Deutschlandfunk gehört haben. Ich würde sagen, dass "DDR-Denken", oder jedenfalls eine Identifikation mit der DDR, auch deswegen hier eher besonders wenig ausgeprägt war. Kein Westfernsehen gab es auch in Greifswald, ebenfalls so ein ewiger Unruheherd in der DDR. Solche Gegenden waren offensichtlich traditionell renitenter. Die beiden in den USA lehrenden Forscher Holger Lutz Kern und Jens Hainmueller haben 2009 in einer Studie gezeigt, dass das Westfernsehen das eigentliche Opium für die werktätigen Massen im Osten war und letztlich politisch eher sedierend gewirkt hat.

Der Ausschluss vom Westfernsehen bis 1989 hat also mit der heutigen Mentalität der Sachsen im Grunde genommen gar nichts mehr zu tun?

Ich sehe ein, dass es für Journalisten im Rest des Landes verlockend sein muss, sich die Sache mit der Vorstellung von einem "Tal der Ahnungslosen" vom Leib zu halten, in dem ein paar Zurückgebliebene in Inzucht vor sich hin maulen. Aber es ist, fürchte ich, leider ein Irrtum und zwar ein tückischer. Ich habe den Eindruck, es herrscht bei den Leuten, die diese Proteste gegen die Flüchtlingsheime organisieren, sogar eine sehr präzise Ahnung von der Welt, und es herrscht eine genauso präzise Vorstellung davon, was man will und was nicht. Das Verhältnis zur Bundesrepublik scheint mir dabei gar nicht mal so viel anders als früher das zur DDR: Das für einen selbst Vorteilhafte wird gerne angenommen, der Rest zurückgewiesen und/oder beschimpft. Westgeld, Autobahnen, Weltmeisterschaftssiege: ja, Verpflichtungen: nö. Und das Perfide ist, dass dieses Benehmen zwar das Letzte sein mag, aber Erfolg hat. Um 1990 musstest du Mosambiquaner in der Straßenbahn zusammentreten, und Du bekamst zur Besänftigung einen eigenen Jugendklub, in dem der akzeptierende Sozialarbeiter dir noch die Fussel von den Störkraft-Platten putzt. Heute musst du lange genug vor einem Heim randalieren, bis die Flüchtlinge doch lieber im Westen untergebracht werden, und Heidenau deutsch bleiben darf. Wenn man das mal deutsch nennen will, bei einem Dialekt, der sich im Grunde mit kyrillischen Buchstaben fast einfacher schreiben lässt.

War Pegida eine Art geistige Vorhut für die gewaltsamen Angriffe? Ist die Saat damit aufgegangen?

Sieht ganz so aus. Als ich Anfang des Jahres bei einem Heimatbesuch mal bei einer Kundgebung von denen war, um es mal mit eigenen Augen gesehen zu haben, bestand das Publikum zur Hälfte aus erlebnisorientierten Jugendlichen, die sich schon gleich zu Beginn die Hooligan-Handschuhe übergezogen hatten, und zur anderen aus sogenannten Normalbürgern, die dauernd "Volksverräter!" schrien, als ob sie Schöffendienst in Freislers Volksgerichtshof hätten.

Sie beschreiben in Ihrem Buch die Welt eines 16-jährigen linken Dresdners, der sich in der Wendezeit gegen Neonazis behaupten muss. 25 Jahre später sind es quasi die Kinder dieser Neonazis, die gegen Flüchtlinge Stimmung machen. Sehen Sie da eine mentale Linie?

Ich würde meinen Protagonisten eher als jemanden bezeichnen, der in jener Zeit ganz einfach dadurch zum Linken gemacht wird, dass er kein Rechter sein will. Bei vielen hatte das ja zunächst eher mit Pop zu tun als mit Politik, mit Provokation und Abgrenzung von ihren Eltern, gerade wenn die in der SED oder gar bei der Stasi gewesen waren. Aber dann stellte sich raus, dass viele Ältere vieles daran sogar ganz okay fanden. Auch damals stand hinter jedem Jugendlichen, der sich cool fand, wenn er mit Hitlergruß herumhampelte, ein Frührentner im Kurzarmhemd, der beifällig nickte, weil ihm die "die Asylanten" auch zuviel waren.

Ist das Gedankengut von "1989/90" quasi über eine Generation vererbt worden?

Ich glaube, vielen, die man jetzt dort als Nazis bezeichnet, geht das völkische Gebrabbel der NPD letztlich genauso zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus wie früher das internationalistische der SED. Ich glaube vielmehr, eine ganze Menge von denen, die da gegen Flüchtlingsheime zu Felde ziehen, sind von viel banaleren Impulsen getrieben. Ich hatte zum Beispiel nicht den Eindruck, dass die Leute bei dieser Pegida-Kundgebung sich wirklich sonderlich für die Herausforderungen durch den Islam interessieren. Das Thema stellt sich ja in Dresden auch noch kaum. Es war eher die Empörung über Wirtschaftsflüchtlinge, die die Leute da umzutreiben schien: Dass da jemand kommen und was kriegen könnte, was vermeintlich nur einem selber zusteht. Und das war deswegen so frappierend, weil die mich bis in ihren Hang zu Deutschlandfähnchen und Anoraks hinein so an die Leute erinnert haben, die im Dezember '89 vor der Frauenkirche von Helmut Kohl das Westgeld und die Wiedervereinigung verlangt und letztlich bekommen haben: Das waren im Prinzip ja auch Wirtschaftsflüchtlinge, die hatten nur das Glück, nicht mal ihre Heimat verlassen zu müssen.

Haben Sie als Weltbürger mit Dresdner Wurzeln eine Idee, wie das Land vor allem in der Region Dresden zu seiner selbst propagierten Weltoffenheit finden kann?

Hinziehen. Das angenehmere Dresden stärken. Die Stadt und vor allem die Umgebung sind, trotz der Bausünden seit 1990, immer noch zu schön, um sie Leuten zu überlassen, die mit vorgeschobenem Unterkiefer argumentieren. Ich weiß: Ich sitze in New York und kann reden. Aber ich will eines Tages schon ganz gerne dahin zurück. Deshalb bin ich dankbar für jeden, der es in der Zwischenzeit auf sich nimmt, dort für eine Öffnung der Mentalität und am besten auch des Genpools zu sorgen.

Interview: André Böhmer

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