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Planenschlitzer an Autobahnen gehen immer dreister zu Werke

In Sachsen und Thüringen Planenschlitzer an Autobahnen gehen immer dreister zu Werke

Skrupellose Diebesbanden lassen in Sachsen und Thüringen immer dreister ganze LKW-Ladungen verschwinden. Zahl ihrer Attacken steigt in diesem Jahr auf neues Rekordniveau. Wer sich ihnen in den Weg stellt, wird zusammengeschlagen. Die Polizei ist weitgehend machtlos.

Erkundungsschnitt: Um den Inhalt der Ladung auszuspionieren, wird eine kleine Luke in die Plane geschnitten. Erscheint die Beute attraktiv, dann rollt Verstärkung an und lädt alles in eigene Fahrzeuge um.
 

Quelle: Polizei Sachsen-Anhalt

Leipzig.  Sie kommen nachts mit gezückten Messern: Skrupellose Langfinger klauen Fernfahrern ganze Ladungen unterm Hintern weg. Sie schlitzen sichelförmige Öffnungen in die Planen, um nach Beute Ausschau zu halten. Stoßen die Kundschafter auf teure Drogerieartikel, Mobiltelefone, Fernseher oder Computer, rufen sie Verstärkung. Binnen kürzester Zeit laden Banden ganze LKW-Ladungen in eigene Transporter um und verschwinden so schnell, wie sie gekommen waren. „Die Fahrer bekommen davon nachts nichts mit“, sagt Christian Cohn von der Autobahnpolizeiinspektion in Thüringen. „Und wenn doch, verhalten sie sich lieber still.“ Das sei auch ratsam, erklärt der Polizeisprecher. Denn die Täter schrecken selbst vor körperlicher Gewalt nicht zurück. Vor einigen Tagen (20. Oktober) wurde ein tschechischer Fahrer, der nachts Geräusche gehört hatte, auf einem Parkplatz an der A38 von sech Männern bewusstlos geschlagen. Aus seinem Lkw hatten die unbekannten Täter 200 Autoreifen im Wert von 40 000 gestohlen. In einem anderen Fall (27.10.) wurde ein 54-jähriger Fernfahrer beim nächtlichen Kontrollgang von Planenschlitzer mit Pfefferspray attackiert und zusammengeschlagen.

Bandensaison geht erst richtig los

Das Risiko, nachts überfallen zu werden, ist entlang der Autobahn 4 am größten. Aber auch an der A9, A14 und A 38 werden immer öfter Vorfälle gemeldet. In Sachsen wurden im Vorjahr 248 Ladungsdiebstähle durch Planenschlitzer registriert, fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Und es ist kein Ende in Sicht: bis Ende September diese Jahres wurden bereits 155 LKWs aufgeschlitzt. Auch der durch Beschädigung und Diebstahl angerichtete Schaden steigt von Jahr zu Jahr. In Sachsen hat er mit 738 000 Euro bis Ende September schon fast den Stand des gesamten Vorjahres (762 000 Euro) erreicht.

Die leergeräumte Ladefläche eines Lkw an der Autobahn 14 bei Könnern (Sachsen-Anhalt)

Die leergeräumte Ladefläche eines Lkw an der Autobahn 14 bei Könnern (Sachsen-Anhalt). Der Lkw mit Autobatterien an Bord wurde Opfer von Planenschlitzern

Quelle: Polizei Sachsen-Anhalt

In Thüringen mit seinen 55 Park- und Rasthöfen entlang der Autobahnen ist die Rekordmarke des Vorjahres (179 aufgeschlitzte Planen, 541 000 Euro Schaden) bereits geknackt. 189 Fahrzeuge wurden in diesem Jahr schon beschädigt und etwa jedes zweite auch ausgeraubt. Die aktuelle Schadensbilanz liegt nach Polizeiangaben bei 660000 Euro. Dabei geht die „Saison“ für die Banden erst richtig los. „Je länger und ungemütlicher die Nächte, desto öfter schlagen Planenschlitzer zu“, sagt Autobahnpolizist Cohn. Das Risiko, erwischt zu werden, sei im Herbst und Winter geringer.

„Gefeit ist vor solchen Angriffen keiner“, sagt Joachim Peter, Vizepräsident des sächsischen Verkehrsgewerbeverbandes. Dass seine Internationale Spedition bisher kaum nennenswerte Diebstahlschäden zu beklagen hatte, führt er auf die Art der Ladung und die gute Bewachung auf dem Oschatzer Firmengelände zurück. „Wer sensible Ladung hat, sollte damit nachts oder am Wochenende besser nicht auf freier Strecke stehen“, rät der Unternehmer.

Die Reparatur aufgeschlitzter Planen koste bis zu 300 Euro. „Die geladene Ware ist zwar versichert“, sagt Martin Kammer, Hauptgeschäftsführer des Thüringer Verkehrsgewerbe-Verbandes, Martin Kammer. Für die Spediteure bedeute das aber, dass ihre Beiträge für die Versicherung stiegen. Diese Mehrausgaben werden Kammer zufolge in der Regel nicht auf die Kunden umgelegt, weil die Konkurrenz unter den Speditionen zu groß ist.

Hohe Dunkelziffer

Obwohl die Polizei verstärkte Streifen losschickt und länderübergreifend zusammenarbeitet, ist die Aufklärungsquote eher gering. Es sei kompliziert, die Täter ausfindig zu machen, weil sie in der Regel wenig Spuren hinterließen. Lediglich in zwei Fällen konnten in den zurückliegenden Wochen acht Polen auf frischer Tat gestellt und festgenommen werden. Weil sich das herumspricht, verzichten viele Fahrer auf eine zeitraubende Anzeige. „Da kommt Klebeband auf die Plane, und weiter geht die Fahrt“, sagt Cohn aus Erfahrung. Es müsse daher mit einer beträchtlichen Dunkelziffer gerechnet werden.

Die bewaffneten Diebe sind meist gut organisiert, rücken maskiert und mit gefälschten Kennzeichen an. „Neuerdings wird die Ladung sogar mit modernen Endoskopen inspiziert“, erklärt Cohn.

Über den Rat der Polizei, unbewachte oder dunkle Rastplätze besser zu meiden, können Fernfahrer nur den Kopf schütteln. „Nach 18 Uhr können die Fahrer froh sein, überhaupt einen Stellplatz zu finden, um die vorgeschriebenen Ruhezeiten einzuhalten“, sagt Peter. „Sonst werden sie für Lenkzeitüberschreitungen von zehn Minuten schon bestraft. Also muss ein Kutscher für seinen Bock den Platz nehmen, der gerade noch frei ist.“

Von Winfried Mahr

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