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Prozess gegen Jugendpfarrer König fortgesetzt – Verteidiger beantragt Ulbig als Zeugen

Prozess gegen Jugendpfarrer König fortgesetzt – Verteidiger beantragt Ulbig als Zeugen

Als die Lautsprecher auch beim dritten Anlauf nicht ihren Dienst tun, da fragt der Angeklagte: „Ist das Russentechnik?" Er erntet Applaus aus dem Publikum. Doch im Mittelpunkt steht der Jenaer Stadtjugendpfarrer im Prozess wegen schweren Landfriedensbruchs vor dem Amtsgericht Dresden nicht.

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Lothar König

Dresden. Das Wort führt sein Verteidiger Johannes Eisenberg.

Und wie. Nur wenige Minuten brauchte der hagere Mann gestern zum Warmlaufen, ehe er in Richtung Staatsanwältin Ute Schmerler-Kreuzer lospolterte: „Wie immer haben Sie es falsch verstanden. Sie hören nicht zu und plappern dann los." Wenig später, das schüttere graue Haar stand vollends zu Berge, ätzte er: „Was hört die denn? Die hört doch Stimmen!"

Als Ulrich Stein, Vorsitzender des Schöffengerichts, bekannte, dass in seinem Gehalt das Schmerzensgeld inbegriffen sei, entgegnete Eisenberg ungerührt: „Für Ihr Gehalt würde ich mich nicht schmerzen lassen." Steins Einwand, er wolle nicht lauter sprechen müssen als der Verteidiger, konterte Eisenberg, die Brille ganz vorn auf der Nasenspitze: „Das schaffen Sie auch gar nicht."

Selbst zu fortgeschrittener Stunde am Nachmittag gab der Anwalt der Staatsanwältin noch giftig den Ratschlag: „Wenn Sie nicht gut hören können, dann schaffen Sie sich ein Hörgerät an!" Das Publikum – dem Angeklagten wohlgesonnen – begleitete die Verbalattacken des Verteidigers mit Lachen und Applaus. Stein bedauerte, dass er den Anwalt wegen Ungebühr nicht zur Verantwortung ziehen könne. „Es wäre ja noch schöner, wenn Leute Ihres Schlages eine Disziplinarverantwortung über Verteidiger hätten", giftete der Anwalt. Mitten in einer Zeugenvernehmung sprang Eisenberg plötzlich auf und ging kommentarlos mit eingeschaltetem Handy vor die Tür. „So ist er, der Herr Verteidiger. Lässt uns hier ganz alleine zurück", sagte Stein in Richtung Anklagebank. Was nicht ganz stimmt: Mit Lea Voigt vertritt noch eine Anwältin den Jenaer Theologen. Zurückhaltender als Eisenberg, aber nicht weniger energisch.

Was bezweckt der Anwalt mit seinen Attacken? Er verteidigt nicht fürs Publikum oder für die Journalisten, er verteidigt einen Angeklagten, dessen Existenz vom Urteil in diesem Prozess abhängt. Warum lehnt sich Eisenberg nicht entspannt zurück und lässt das Gericht machen, jetzt, wo die Dinge nicht schlecht laufen für seinen Mandanten. Zwei Zeugen vernahm das Gericht gestern, Polizeibeamte aus Berlin, beide konnten sich nicht daran erinnern, dass der Pfarrer von seinem Lautsprecherwagen aus am 19. Februar 2011 die Menge zu Gewalttaten aufgestachelt hat.

Schlimmer noch: Beide Zeugen berichteten von einer Vernehmung durch sächsische Kriminalisten Monate nach dem Einsatz in Dresden auf ihrer Dienststelle in Berlin – doch Protokolle dieser Vernehmung finden sich nicht in den Akten. „Vielleicht waren es Hochstapler", kommentierte Eisenberg höhnisch. „Oder sitzt die Staatsanwaltschaft auf einem Berg Material, der uns nicht zur Verfügung gestellt wird?" Zu guter Letzt beantragte der Anwalt noch, Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) als Zeugen zu vernehmen. Der Dienstherr der sächsischen Polizisten werde bekunden, dass es am 19. Februar 2011 keine Aufenthaltsverbotszonen in Dresden gegeben habe, wie es Schmerler-Kreuzer behaupte. Der Prozess wird Ende Mai fortgesetzt.

Thomas Baumann-Hartwig

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