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Prügel statt Liebe: Studie stellt Erinnerungen ostdeutscher Heimkinder vor

Prügel statt Liebe: Studie stellt Erinnerungen ostdeutscher Heimkinder vor

Die oft schrecklichen Erinnerungen an Kinderheime in der jungen Bundesrepublik sind bekannt. In einer neuen Studie für Berlin gerät auch Ostdeutschland näher in den Blick - mit überraschenden Ergebnissen.

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Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hält am Freitag in Berlin eine Studie über Heimerziehung in Ost und West in der Hand.

Quelle: dpa

Berlin. Die quälenden Erinnerungen kriechen immer wieder hoch: nicht sprechen, nicht lachen, das eigene Erbrochene zur Strafe aufessen. Dann gibt es das beklemmende Gefühl des Eingesperrtseins, in der Besenkammer eines Kinderheims in der DDR. Liane Müller-Kurth kann darüber auch heute noch nur schwer sprechen, mit über 60 Jahren. „Ein Heimkind gewesen zu sein, ist eine Lebenslast", sagt sie. Trotzdem gibt sie Leid und Unrecht in einer neue Berliner Studie Gesicht und Stimme. Sie will für andere ehemalige Heimkinder sprechen, die an ihrer Biografie leiden - und aus Scham darüber schweigen.

Die neue Berliner Untersuchung - am Freitag vorgestellt - ist die erste, die Heimerziehung in West und Ost von 1945 bis Mitte der 70er Jahre parallel in den Blick nimmt. Bisher gab es bis auf den DDR-Jugendwerkhof in Torgau an der Elbe fast nur erschütternde Zeitzeugenberichte über die demütigende Erziehung in manchen Heimen der jungen Bundesrepublik. Die Aufarbeitung für die DDR fehlt noch.

Das Ergebnis dieser ersten Gegenüberstellung kann überraschen: In völlig unterschiedlichen politischen Systemen haben viele Berliner Kinder und Jugendliche bis in die 70er Jahre gleichermaßen unter unmenschlicher Heimerziehung gelitten. Danach gab es im Westen Reformen. Der Osten habe sich weiter an den grausamen Fürsorge- Richtlinien des späten 19. Jahrhundert orientiert, kombiniert mit stalinistischen Erziehungsidealen, sagt Mitautor Manfred Kappeler.

Der Berliner Blick nach West und Ost kann bei Entschädigungsansprüchen eine Rolle spielen. Denn bisher ist nur ein 120-Millionen-Euro-Fonds für ehemalige Heimkinder aus Westdeutschland festgeschrieben. In Ostdeutschland wurden nach 1989 fast nur Heimkinder entschädigt, die aus politischen Gründen - oft mit Beteiligung der Stasi - in ein Heim gekommen waren. „Für den Osten bietet sich ein Extra-Fonds an", sagt nun Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Die Studie könne nur ein Anfang sein.

800.000 Heimkinder soll es in Westdeutschland bis 1975 gegeben haben, rund 120.000 bis 1989 in der DDR. Rund zwei Drittel von ihnen waren Jungen. Längst nicht alle wurden misshandelt. Die Erinnerungen vieler Heimkinder aus West- und Ostberlin lesen sich allerdings schlimmer als Berichte aus Gefängnissen des 19. Jahrhunderts. „Im Knast hätte man Rechte gehabt", schreibt ein Mann im Rückblick.

Willkürlich wurden Kinder wie Verwaltungsobjekte in Heime gesteckt - meist ohne Sozialprognose, Erziehungsplan und Mitspracherecht. Als Gründe dienten in Ost wie West dehnbare Begriffe wie „Verwahrlosung" oder „Gefährdung". Manchmal steckten sogar die Eltern dahinter. Stiefväter zum Beispiel, die unliebsame Kinder loswerden wollten.

Die Sexualmoral der Zeit lastete vor allem auf Mädchen. „Da reichte manchmal schon ein kurzer Rock und eine Moped-Rundfahrt mit einem Jungen nach zehn Uhr abends für eine Heimeinweisung", berichtet Kappeler. Bei Jungen hätten es lange Haare und ein Faible für die Musik der Beatles sein können. In der DDR habe jede Jugendkultur als verdächtig gegolten, die außerhalb der FDJ stattfand.

Für Ost-Berlin habe das Heim automatisch Umerziehung bedeutet, analysiert Ethikprofessor Karsten Laudien. Pädagogik sei ein Mittel des Klassenkampfs gewesen, die Kollektiverziehung als einzig richtiger Weg erachtet worden - ganz gleich, welche sozialen Probleme Familien hatten. Der Heimalltag aber war im geteilten Berlin verblüffend ähnlich: Viele Kinder- und Jugendheime funktionierten wie Kasernen. Aufbegehren führte zu drakonischen Bestrafungen wie Bettfesseln, Zwangsjacken, Prügel und Kerker.

In vielen Heimen fehlte es an allem: an hilfreichen Kontrollen, gut ausgebildeten Erziehern, Bezugspersonen, guter Ausbildung - vor allem aber an Liebe. Ehemalige Heimkinder erinnern sich an ein Ausnutzen als Billig-Arbeitskräfte, an Isolation hinter Gittern, Kontaktverbote zu Eltern und Geschwistern. Viele quälte die Frage: Warum bin ich hier? Wer hat mir das angetan?

Manche Betroffene werden das nicht mehr erfahren. Oft wurden Akten in Ost und West schlampig oder gar nicht geführt, manchmal auch zurückgehalten. „Meine Mutter hat das alles mit ins Grab genommen", berichtet Liane Müller-Kurth. Das Unwissen quält sie.

Viele ehemalige Heimkinder klagen heute über Angstattacken und Traumata. Die meisten schafften es nicht, eine dauerhafte Partnerschaft aufzubauen. Mütter bedauern, dass sie ihren Kindern nicht liebevoll erzogen - aus Mangel an guten Vorbildern.

Ulrike von Leszczynski, dpa

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