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Pubertäre Comics aus dem Mittelalter auf Schloss Rochlitz entdeckt

Pubertäre Comics aus dem Mittelalter auf Schloss Rochlitz entdeckt

Touristen fragen auf der Wartburg gern nach dem Fleck, der entstanden sein soll, als der Reformator Martin Luther mit dem Tintenfass nach dem Teufel warf. Schloss Rochlitz hat nun eine mindestens ebenso spektakuläre Sehenswürdigkeit zu bieten: einen nackten Comic-König aus dem Mittelalter, gekritzelt von Wettinischen Prinzen.

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Museologe Frank Schmidt verschlug es die Sprache, als er in der Amtsstube hinter dem Putz fündig wurde.

Quelle: Andreas Döring

Rochlitz. Die barocke Amtsstube auf Schloss Rochlitz sieht auch nach ihrer Sanierung auf den ersten Blick unspektakulär aus. Aber Museologe Frank Schmidt (42), seit 12 Jahren auf Schloss Rochlitz, bekommt jedes Mal leuchtende Augen, wenn er den Raum betritt. Denn er ist sich ganz sicher: "Diese Ritzungen hier im Putz stammen aus adliger Hand."

Bei einer Bausondierung um das Jahr 2000 stieß man an dieser Stelle auf acht bis zehn Farbschichten. Dabei erwies sich der darunter liegende Ursprungs-Putz als feiner Gips-Putz, der in den Fensterbereichen mit winzigen Strichen durchzogen war. Umfang und Bedeutung des Fundes waren zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht zu ermessen.

Doch im Lauf der Zeit holte der Restaurator immer mehr dieser eigentümlichen Kritzeleien ans Tageslicht: Ritterzelte, Kanonen, die auf Ochsenkarren transportiert wurden, Wappen, Burgen, Kirchen, Türme, Fische im Netz, ein Mühlebrett, Soldaten mit Armbrüsten, Ritter auf Pferden. Auch einige religiöse Texte. Nun tauchte die Frage auf: Wer macht denn so etwas? Die Stilistik wies auf zumindest zwei Urheber.

Nach eingehender Untersuchung wurde dann klar, dass die Wandritzungen rund acht Quadratmeter umfassen und aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammen. Seinerzeit befanden sich dort die Haupträume des markgräflichen Wohntraktes - mit gehobener Ausstattung bis hin zu einer Fußbodenheizung.

Die beiden damaligen Kurfürsten von Sachsen, Ernst und Albrecht, nutzten Schloss Rochlitz als Prinzenresidenz. Die Söhne von Ernst, Friedrich der Weise (1463-1525) und Johann der Beständige (1468-1532), erhielten hier ihre Ausbildung. "Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit hängen die Wand-ritzungen mit diesen beiden und ihrem Hof zusammen", ist sich Schmidt sicher. "Denn, wenn man sich alle Motive anschaut, gibt das schon den Alltag eines jungen Prinzen und seine Lebenswelt wieder. Zu seiner Ausbildung gehörte das Kämpfen, gehörten Belagerungstaktiken, aber auch Fremdsprachen wie Französisch und Latein sowie fürstliches Benehmen." Sechs bis zehn Prinzen hätten insgesamt am Hof in Rochlitz gelebt; in einer Art Elite-Internat. Denn für alle war der Aufenthalt hier der Einstieg aufdie Karriereleiter. Johann und Friedrich beispielsweise wurden später beide Kurfürst, regierten gemeinsam Kursachsen und die ernestinischen Teile Thüringens.

"Das Problem ist, dass wir insgesamt über diese Generationen nur sehr wenig wissen", bedauert Schmidt. "Darüber, was gelehrt wurde oder wie zum Beispiel ein ganz normaler Tag ablief. Erst nach der Reformation gibt es detaillierte Aufzeichnungen." Apropos: Die beiden aufmüpfigen Prinzen Friedrich und Johann unterstützen später auch den Reformator Martin Luther in seinem Aufbegehren gegen den Katholizismus.

Am lustigsten sehe jedenfalls der dicke König aus, findet Schmidt. Der ähnele sogar einer modernen Karikatur. Dennoch sind die Zeichnungen auf Schloss Rochlitz zweifellos spätmittelalterlich. "Der Ritter ohne Arm trägt beispielsweise einen Eisenharnisch, wie er im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts modern war", erklärt Schmidt die Vorgehensweise. "Auch die großen Schnabelschuhe sind ein Kennzeichen jener Zeit." Bei den spärlichen Textteilen könne man anhand des Schriftbildes den Zeit-raum ihrer Entstehung gut ­zuordnen.

Wandritzungen seien in Burgen und Schlössern an und für sich nichts Ungewöhnliches, sagt der Museologe. "Aber nur in Verliesen, Toiletten oder Wachlokalen, nicht jedoch in herrschaftlichen Wohnräumen. Meines Wissens ist das der einzige derartige Fund. Es gibt nichts Vergleichbares." Zum Glück sei der feine Gipsputz im Laufe der Zeit immer wieder mit Kalkschlämmen überdeckt worden, was ihn am Ende rettete.

Schloss Rochlitz, das einst auf den Resten einer im 10. Jahr­hundert angelegten Reichsburg entstand, wurde in der Vergangenheit wechselweise als Residenz, Witwensitz und Jagdschloss vor allem von den Wettinern genutzt. Gleichzeitig diente es über viele Jahre hinweg als Amt, Gericht, Aktenarchiv, Verwaltung und Heimatmuseum. Es soll Ende April nach umfangreichem Umbau mit einer Sonderausstellung wiedereröffnet werden. Dann werden auch die Prinzen-Comics der Öffentlichkeit zugänglich sein.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.02.2013

Roland Herold

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