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Rätsel von Nachterstedt: Erdrutsch-Ursache unklar

Rätsel von Nachterstedt: Erdrutsch-Ursache unklar

Magdeburg. Wenn es nach den Rechenmodellen der Ingenieure und Geologen geht, müssten die Häuser an der Uferböschung des Concordia-Bergbausees in Nachterstedt noch stehen.

Dann würden drei Menschen noch leben, statt unter Millionen Tonnen Erdmassen begraben zu sein. Mehr als ein halbes Jahr sind seit dem verheerenden Erdrutsch an dem früheren Braunkohlentagebau vergangen, doch die Ursache stellt Experten weiter vor ein Rätsel. Bislang kann niemand erklären, warum die Böschung am frühen Morgen des 18. Juli 2009 auf mehreren hundert Metern Länge absackte und zwei Häuser einer kleinen Ufersiedlung samt ihrer Bewohner in die Tiefe riss.

„Die geologische Situation ist sehr kompliziert. Der endgültige Abschluss der Ursachenermittlung ist nicht vor Ende 2011 zu erwarten“, sagte der vom Landesbergamt Sachsen-Anhalt beauftragte Gutachter Michael Clostermann am Montag bei der Präsentation von Zwischenergebnissen seiner Arbeit in Magdeburg. Dabei wäre eine rasche Antwort wichtig: Zum einen für die Nachterstedter, die den noch nicht vollständig gefluteten Tagebau zu einem Paradies für Touristen machen wollten, auf einen wirtschaftlichen Aufschwung hofften und jetzt ungeduldig werden. Und zum anderen für die weitere Sanierung der Braunkohlelandschaften im Osten insgesamt.

1700 Unterlagen über 150 Jahre Braunkohleabbau in der Region haben der Dortmunder Ingenieur Clostermann und seine Mitarbeiter bundesweit in mehr als einem dutzend Archiven gefunden. 400 davon haben sie durchforstetet, Akten, Karten, Fotos abgeglichen, die Lage von Stollen recherchiert, die Beschaffenheit von Materialproben analysiert, Modellrechnungen angestellt - am Ende sind sie damit noch lange nicht. Weitere 500 Unterlagen suchen sie noch, zudem halten sie Tiefenbohrungen direkt an der Unglücksböschung und im See für nötig, die es wegen der Gefahr weiterer Abbrüche hier bisher nicht gab.

Als mögliche Erdrutsch-Auslöser benennt Clostermann ansteigendes Grundwasser, unzureichend gesicherte unterirdische Stollen, die früher zur Entwässerung des Tagebaus dienten, oder poröse Bodenverhältnisse auf dem Gelände. Ein Erdbeben - auch darüber war zuletzt spekuliert worden - komme „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ nicht infrage. Verblüfft sind die Experten darüber, dass nach dem ersten Erdrutsch an der Unglücksstelle bis heute keine weiteren folgten: „Das fasziniert die ganze Fachwelt.“ Und neue Berechnungen zur Standsicherheit ergaben laut Gutachter, dass die Uferböschung vor dem Unglück hätte sicher sein müssen - was sie aber bekanntlich nicht war.

Auch die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau- Verwaltungsgesellschaft (LMBV), die für die Sanierung ostdeutscher Braunkohletagebaue zuständig ist, beauftragte Gutachter, ohne bisher Ergebnisse öffentlich vorzustellen. „Die Ursachensuche ist sehr komplex und dauert an“, sagte Sprecher Uwe Steinhuber der dpa. Bis zum Frühjahr wolle die LMBV ein „belastbares Konzept“ für weitere Erkundungen am Unglückshang vorlegen, das auch den Versuch der Bergung der bislang vermissten Opfer einschließe.

Ein solches Konzept mahnte Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU) am Montag mit deutlich kritischem Unterton an, auch wenn er dies auf Nachfrage nicht als Kritik an der LMBV verstanden wissen mochte. „Die Ursache muss ermittelt werden, damit die Menschen in der Region wieder Sicherheit haben“, sagte er. Erst dann könne der Unglücks-See saniert werden. Nach den Anwohnern, die ihre Häuser aus Sicherheitsgründen für immer verlassen mussten, müsse der Bund auch Gewerbetreibende am See entschädigen - und zumindest Umsatzverluste bis Ende 2011 ausgleichen.

Stefan Kruse, dpa

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