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Rechte Szene residiert im Rittergut - Thüringen will Verkauf rückgängig machen

Rechte Szene residiert im Rittergut - Thüringen will Verkauf rückgängig machen

Es ist eine Art Kaderschule für die rechte Szene: Der Verein Gedächtnisstätte organisiert politische Seminare und gibt sich bildungsbürgerlich. Die Klientel trägt Anzug und Doktorentitel statt Bomberjacke und Springerstiefel.

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Das Rittergut Guthmannshausen bei Sömmerda.

Quelle: Archiv

Erfurt. Vor zwei Jahren zog der Verein von Borna nach Thüringen, kaufte ein altes Rittergut und zwar - peinlicher Lapsus - ausgerechnet vom Freistaat. Nun klagt das Land wegen arglistiger Täuschung.

Familienfeste, Konzerte, Dichterlesungen und Tagungen. Als Bettina Wild-Binsteiner im Frühjahr 2011 ihr Nutzungskonzept für das Rittergut in Guthmannshausen bei Sömmerda vorstellte, war nichts Unverfängliches daran zu erkennen. Sie wollte wieder Leben in das leer stehende Gebäude bringen. Der alte, prachtvolle Herrensitz diente zeitweise als staatliche Bildungsstätte, wurde für Millionen Euro saniert und schließlich 2008 zum Verkehrswert von 380 000 Euro auf den Markt geworfen. Frau Wild-Binsteiner erhielt im Mai 2011 den Zuschlag. Dummerweise agierte sie nur als Strohfrau.

Im September meldete sich der Thüringer Verfassungsschutz: Die Käuferin sei Mitglied des unter Beobachtung stehenden Vereins Gedächtnisstätte. Jahrelang hatte der Verein bereits im sächsischen Borna für Ärger gesorgt, bevor er das Gebäude aufgab, das regelmäßig von rechtsextremistischen Gruppierungen genutzt wurde. "Auch in Thüringen hat es derartige Vereinbarungen mit der rechtsextremistischen Schlesischen Jugend gegeben", schreibt der Geheimdienst.

Der Vorgang sorgte für Empörung im Landtag, die SPD warf dem Verfassungsschutz Totalversagen vor. Ein peinliches Versehen? Man habe von den dubiosen Kontakten keine Ahnung gehabt und fühle sich selbst "arglistig getäuscht", erklärte Dirk Diedrichs, Staatssekretär im Finanzministerium. Mit diesem Argument zog das Land vor Gericht, unterlag jedoch in erster Instanz. Voraussichtlich Anfang Dezember entscheidet das Oberlandesgericht Jena über eine Rückabwicklung. Worin sich das Ministerium konkret getäuscht sieht, wollte ein Sprecher auf Anfrage nicht erläutern, um den Prozess nicht zu gefährden.

In Guthmannshausen harrt man geduldig der Dinge, die da kommen. Bürgermeister Bernd Pekarek (parteilos) wirkt etwas resigniert. "Dieses schöne Haus wurde vom Ministerium verkauft, ohne uns zu fragen. Die haben uns hier diese Leutchen reingesetzt." Die knapp 900 Einwohner seien mächtig sauer. Aber richtig Widerstand hat sich bislang nicht geregt. "Man hört und sieht von denen ja nichts. Wochenlang ist keiner da. Was nützt es, sich vor ein leeres Haus zu stellen?", fragt Pekarek. Er selbst wisse auch nicht genau, was er von denen halten soll. Das seien keine Neonazis Typ grölende Glatze, sondern alles "hochgestellte Leute, Anwälte und Doktoren, diese Sorte eben". Ihn ärgere vor allem, wie das Herrenhaus verscherbelt wurde. "Sieben Millionen Euro wurden investiert, es ist kernsaniert, ein Park gehört auch dazu." Was der Verein Gedächtnisstätte bezahlt hat, habe allein der Außenfahrstuhl gekostet. Wenn er als Bürgermeister so haushalten würde, schüttelt Pekarek den Kopf. Den Vorsitzenden des Vereins, Wolfram Schiedewitz, ein Diplom-Ingenieur, habe er einmal gewarnt: "Fangt mir nicht an mit Aufmärschen. Das Dorf weiß sich zu wehren. Hier gibt es noch einige, die wissen, wie es früher war." Aber Schiedewitz habe Ruhe versprochen. "Und bisher ist Ruhe. Wir sind ein friedliches Dorf und kein braunes Nest", sagt Pekarek.

Der Verein Mobit, der in Thüringen gegen Rechtsextremismus berät, hat schon Visitenkarten im Dorf verteilt. "Es ist schwierig, Gegenprotest zu aktivieren, weil die älteren Herrschaften einfach nicht dem Klischee des Neonazis entsprechen. Da sind keine Gewalt oder Bedrohung der Dorfbevölkerung zu erwarten", sagt Sprecher Stefan Heerdegen. Dennoch sei die Gefahr nicht zu unterschätzen. Der Verein liefere das ideologische Rüstzeug für die Szene.

Einmal im Monat finden Wochenendseminare in Guthmannshausen statt. Ein Lieblingsthema ist die Vertreibung der Deutschen im und nach dem zweiten Weltkrieg. Zwölf Millionen Deutsche seien zu Tode gekommen. Hinter dem Herrenhaus errichtet der Verein aus zwölf Granitwänden eine "Gedächtnisstätte". Unter der Telefonnummer, die im Internet zu finden ist, nimmt niemand ab. In einem Video wird jedoch Einblick in die Villa gewährt: Eine edle Sitzecke in einer hohen Säulenhalle, Marmortreppen, eine große Terrasse. In dem Video begrüßt Schiedewitz einen Gastreferenten: Professor Wilhelm Hankel, ehemaliger Präsident der Hessischen Landesbank, spricht "vom Eurowahn einer politischen Klasse". Ein unverdächtiges Aufregerthema, auch jenseits rechter Ideologie. Die eigentliche Zielrichtung verrät das Programm: "Die geplante Abschaffung der Nationen zu Gunsten einer großen europäischen und später Eine-Welt-Regierung muss verhindert werden."

Der Thüringer Verfassungsschutz stuft den Verein selbst nicht als rechtsextrem ein, jedoch mehrere Vereinsmitglieder. "Unter den Vortragenden finden sich neben Referenten, die eindeutig dem rechtsextremistischen - hier dem revisionistischen - Spektrum zuzurechnen sind auch solche, die eher dem rechtskonservativen Lager angehören", heißt es auf Anfrage. Die langjährige Vorsitzende, Ursula Haverbeck-Wetzel, eine verurteilte Holocaustleugnerin, leitete bis zum Verbot 2008 auch das "Colle- gium Humanum" und den "Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.10.2013
Robert Büssow

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