Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Ritter Runkels Spur führt nach Dresden

DDR-Comic „Mosaik“ Ritter Runkels Spur führt nach Dresden

Kenner wissen es längst: Die Burg des Ritters Heino Runkel von Rübenstein stand in Franken. Doch nun belegt ein neues Buch, dass die geistigen Wurzeln dieses DDR-Comic-Helden bis Dresden und nach Spanien reichen.

Ritter Runkel

Quelle: Mosaik von Hannes Hegen / Tessloff Verlag

Leipzig. Nach einem Leipziger Kunststudium begründete Zeichner Hannes Hegen (1925–2014) Ende 1955 das „Mosaik“. Zwei Jahrzehnte hielt er die Zügel in der Hand. Die Bilderzeitschrift besteht unter neuer Regie und mit anderen Helden bis heute, als künstlerischer Höhepunkt gilt aber die Serie um den Rübensteiner. 1964 begann diese fünf Jahre währende Zeitreise. Hunderttausende junge und überwiegend männliche Leser begleiteten den eitlen Recken samt seiner cleveren Knappen Dig und Dag auf einer kuriosen Tour in den Orient. Dank eines regen Tauschs der Hefte und ihrer Veröffentlichung in Buchform erreichte die Geschichte auch Nachgeborene.

Jungs von einst sind heute Mittelalter-Professoren

Eine folgenreiche Lektüre. Einige der Jungs mauserten sich zu Professoren für mittelalterliche Geschichte und trafen sich ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen der Story mit weiteren Experten, um die Zeitschrift einer fachwissenschaftlichen Prüfung zu unterziehen. Der nun erschienene Band „Ritter Runkel in seiner Zeit“ enthält die illustrierten Konferenz-Beiträge und einige nachträglich gelieferte Texte.

Das Verblüffendste bietet Bernd Lindner (64). Als Mitarbeiter des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig übernahm er in Hegens letzten Lebensjahren das Archiv des scheuen Berliners. Runkel, so berichtet Lindner, sei „aus dem Geist der Künstlerfamilie Hegenbarth“ geboren worden. Pate stand der Ritter Don Quijote des spanischen Schriftstellers Miguel de Cervantes (1547–1616). Dessen Spottfigur faszinierte Jahrhunderte später zwei bedeutende Dresdner. Sowohl Maler Emanuel Hegenbarth (1868–1923) als auch Zeichner Josef Hegenbarth (1884–1962) widmeten sich Don Quijote, Josef wirkte sogar wiederholt als Illustrator des gleichnamigen Romans.

Ihr Großneffe Hannes Hegen, der eigentlich Johannes Hegenbarth hieß, erklärte im Gespräch mit Lindner, dass auch er diese Geschichte schon immer gemocht habe. „Der Ritter Runkel war ein Aufschneider und Angeber, der sich immer wieder auf seine unnachahmliche Art selbst entlarvte“, erläuterte der Zeichner. Und so wie der Knappe Sancho Panza auf Don Quijote aufpasse, würden Dig und Dag auf Runkel aufpassen. „Nur dass sie zu zweit sind. Ich hab den Sancho Panza also quasi gezweiteilt“, berichtete der „Mosaik“-Schöpfer.

Einer weiteren Quelle der Story kommt Literaturhistoriker Thomas Kramer (57) auf den Grund: Lothar Dräger (1927–2016), Texter der Zeitschrift, wuchs mit den Gedichten eines Joseph Victor von Scheffel (1826–1886) auf und ließ sich inspirieren. Offenkundig wird dies bei der Episode vom Papagei, der anlässlich einer byzantinischen Kaiserhochzeit ein Gedicht aufsagt und währenddessen von einem Krokodil verfolgt wird. Scheffel lässt grüßen.

Obwohl das Team der Zeitschrift an einer außergewöhnlich langen Leine des FDJ-Verlages Junge Welt lief, beachtete es ideologische Grundregeln. „Die Reisenden treffen auch im Orient im Grunde überall auf das gleiche Gesellschaftsmodell, das auf der simplen Unterscheidung zwischen ,oben’ und ,unten’ beruht: Auf der einen Seite steht die – mit Sympathie wahrgenommene – arbeitende, ,werktätige’ Bevölkerung, auf der anderen befinden sich tyrannische Ausbeuter“, stellt Wolfram Drews (51) fest. Ernst Münch (64) verweist auf das Ausblenden des Christentums in den Heften.

Zwar recherchierten deren Macher die historischen Umstände der Orient-Reise gründlich, doch sie gingen locker mit den Fakten um. So schufen sie Platz für einen zuweilen frechen Humor. Der Entwurf eines geplanten Helden-Wandbildes für den Rübensteiner zeigt ihn in der Pose des Sowjetsoldaten vom Treptower Ehrenmal. Im Stadtbild von Konstantinopel taucht das Brandenburger Tor auf und die Lobgesänge des dortigen Schmeichler-Chors karikieren sowohl den kaiserlichen Hof als auch den realen Sozialismus.

Die Knappen Dig und Dag stoßen im Burg-Kerker der Grenzfestung Peripheria auf die Spur ihres von dort entflohenen Gefährten Digedag. Michael Grünbart (48) ortete das reale Vorbild der Wehranlage. „Es handelt sich um das mittelalterliche Argyrokastron, das moderne Gjirokaster, in Albanien“, erklärt der Byzantinistik-Professor. In der Feste, so berichtet er, saßen während der kommunistischen Ära politische Gefangene ein und bis heute steht dort als Trophäe ein US-Spionageflugzeug, das die Albaner 1957 zur Landung zwangen.

Hottos Kapottos auf der Zielgeraden

Leider schreiben nicht alle zwölf Autoren so launig wie Wolfgang Eric Wagner (51). Er analysiert die teils kuriosen Namen der Comic-Gestalten, nimmt dabei auch die Fahrer der byzantinischen Wagenrennen in den Blick und spöttelt über deren mögliche Vorbildwirkung: „Liebe junge Eltern oder angehende, haben Sie Mut! Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Hottos Kapottos! Hottos Kapottos ist da!“
Hegen hätte der Gag sicher gefallen.

Ritter Runkel in seiner Zeit. Mittelalter und Zeitgeschichte im Spiegel eines Geschichtscomics,  Bebra Wissenschaft Verlag 2017, 240 Seiten, 24 Euro.

Armin Görtz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Digital Abo

    "LVZ Digital Abo" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kön... mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Beim Fotowettbewerb der Sparkasse Leipzig kann nun über die zwölf Kalendermotive abgestimmt werden. Das Voting endet am 31. August 2017. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Gutes von hier

    Das regionale Schaufenster mit Produkten und Dienstleistungen aus dem Leipziger Raum - von traditionell bis innovativ. Gutes von hier eben! mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr