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Rückkehr zum Kurbetrieb – es grünt über alten Schächten

Bad Schlema Rückkehr zum Kurbetrieb – es grünt über alten Schächten

Rund 216 Millionen Euro haben Bund und Land seit 2002 in die Sanierung des ehemaligen Uranabbaugebietes um Bad Schlema investiert. Die Tradition der Region soll zwar bewahrt werden, doch auch Kurgäste sollen in dem Erzgebirgsstädtchen auf iher Kosten kommen.

Blick auf sanierte Halden: So schön ist die Landschaft bei Bad Schlema im Erzgebirge heute. Bund und Freistaat Sachsen haben seit 2002 Millionenbeträge investiert.

Quelle: dpa

Bad Schlema. Für seine „blühenden Landschaften“ ist Helmut Kohl oft gescholten und verlacht worden. „Bei uns lacht keiner. Wir haben blühende Landschaften“, sagt Steffen Möckel, Hauptamtsleiter in Bad Schlema (Erzgebirgskreis). „Gelacht haben wir, als es nach 1990 hieß, den Kurbetrieb in Schlema wiederzubeleben. Wissen Sie, wie es hier ausgesehen hat nach 45 Jahren Uranabbau? Schachtanlagen, Fördertürme und Halden, vergifteter Abraum überall. Und jetzt, schauen Sie sich um!“ Hinter Möckel erstrecken sich moderne Parkanlagen, sattgrüne Hügel und das Kurbad-Gebäude, wo Gäste flanieren oder Rheumapatienten in radonhaltigem Wasser schwimmen. Eine Bilderbuchlandschaft.

Schlema

Blick auf die Halden des Uranbergbaus im Erzgebirge in den 1950er- oder 1960er-Jahren.

Quelle: Archiv

Bad Schlema, das ist jahrhundertelange Bergbaugeschichte. Angefangen hat es mit Eisenerz, später wurde Silber gefördert, Kobald und Nickel. Mit den Radon-Funden kamen ab 1918 die Kurgäste ins Erzgebirgsstädtchen, in besten Zeiten bis zu 17000 pro Jahr. Nach 1945 war damit Schluss. Die Sowjets ließen Uran für ihre Atombomben abbauen. Die Sowjetische Aktiengesellschaft SAG (später SDAG) Wismut betrieb mehrere Lagerstätten in Sachsen und Thüringen. Bis in eine Tiefe von 2000 Meter reichten die Schächte. Bei Temperaturen von bis zu 65 Grad Celsius gab es immer wieder Unfälle. 1955 kamen 33 Bergarbeiter bei einem Feuer um. Siegfried Woidtke erzählt davon. „Der Uranabbau hat tausendfach Krebstod und tödliche Staublungen gebracht, dennoch wollten die Menschen hier im Bergbau arbeiten. Der Beruf des Bergmanns macht stolz.“ Woidtke weiß, wovon er spricht. Extra für unser Treffen im Kulturhaus in Bad Schlema hat er seine Bergmanns-Uniform angezogen. Der schmale Mann ist selbst Bergmann gewesen, bis ein schwerer Unfall unter Tage seinem Leben als Kumpel eine Ende gesetzt hat. Von der Faszination Bergbau, sagt er, sei er allerdings nie losgekommen. Seit Jahrzehnten schreibt er Bücher „über eine Zeit, an die wir erinnern müssen“. Man braucht ihn nur anzutippen, und er erzählt Geschichten über das Berggeschrey, die schwere Arbeit im Schacht, über wachsende Satellitenstädte, neugebaute Straßen, über gut ausgestattete Krankenhäuser, moderne Sportplätze, Bananen und Orangen in den Kaufhallen.

Ins Kulturhaus ist Woidtke gekommen, um sich über die Sanierung der Wismut-Altstandorte zu informieren. Genau vor 15 Jahren hat sie begonnen. Dabei geht es um Altlasten aus den Anfangsjahren der Wismut, die bis zum 31. Dezember 1962 stillgelegt und an die Gemeinden und Kommunen zurückübertragen wurden. Damit fallen sie nicht unter das 1991 beschlossene Wismut-Gesetz, mit dem sich der Bund verpflichtete, die durch den Uranabbau entstandenen Schäden zu beseitigen.

2002 einigten sich der Freistaat und der Bund nach zähen Verhandlungen, gemeinsam die Altstandorte zu sanieren, sagt Manfred Speer von der Wismut GmbH. Eine kluge Entscheidung, sagt er weiter, denn die Altstandorte weisen vergleichbare Gefährdungen und Umweltauswirkungen auf wie später erschlossene Standorte. Bis 2013 wurden 78 Millionen Euro investiert, bis 2022 sind weitere 138 Millionen gesichert. Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD), der sich gestern ein Bild von den Sanierungsfortschritten in Bad Schlema und Schneeberg machte, versicherte, dass man bereits mit dem Bund in Gesprächen sei über eine gemeinsame Finanzierung über 2022 hinaus.

Bad Schlema

Siegfried Woidtke (70), ehemaliger Bergmann und Buchautor, will die Tradition der Region bewahren.

Quelle: Andreas Dunte

Notwendig ist das allemal. Speer macht das am Markus-Semmler-Stolln fest, der unter Schneeberg entlang über 40 Kilometer Grubenwässer zur Zwickauer Mulde ableitet. Mehrere Kilometer Stollnauffahrung seien schon gesichert worden. „Es ist wichtig, dass wir dieses wasserwirtschaftliche Entlastungsbauwerk weiter am Leben halten“, so Speer. Würde es unter Tage zu Verbrüchen kommen, drohe ein Wasserstau. Straßen und Wohngebiete könnten überschwemmt werden.

An einer ehemaligen Abraumfläche in unmittelbarer Nähe zum Kurbad wird deutlich, dass mit der Sanierung nicht nur Altlasten beseitigt, sondern zugleich Wirtschaftsförderung betrieben wird. Gleich mehrere Investoren, so heißt es, hätten Interesse an dem einen Hektar großem Areal, das von kontaminierten Material befreit, versiegelt und begrünt wurde. Unter anderem wolle ein Unternehmen aus China ein Hotel errichten, heißt es.

Bis die Hinterlassenschaften des Uranbergbaus im Erzgebirge verschwunden sind, vergehen noch Jahrzehnte, meint Projektleiter Speer. 235 Projekte habe man abgearbeitet. Ähnlich viele warten noch. Allerdings ist das Vorhaben endlich. Noch arbeiten bei der Wismut GmbH 1030 Mitarbeiter. Schon jetzt suche man in anderen Regionen Deutschlands und im Ausland nach Projekten, wo sich die Kumpels einbringen können. Damit der Schrumpfungsprozess sozialverträglich ablaufe und damit das bei der Sanierung gewonnene Know How nicht verloren gehe.

Siegfried Woidtke wartet am Eingang des Kulturhauses. Er hat Fotos mitgebracht. Wann immer ein Schacht verfüllt wird, ist er da und hält das im Bild fest. Oft bahnt er sich noch einen Weg ins Innere der Schächte, arbeitet sich vor, bis Geröll oder Wasser ihm den Weg versperren. Auch er will etwas für die Nachwelt bewahren. Er sei froh, dass Schlema wieder ein Kurbad ist und so viele Kurgäste und Touristen anlockt.. Der Bergbau gehöre aber ebenso zur Geschichte. Das Leben der Kumpel, ihre Kameradschaft und ihre Uneigennützigkeit dürften nicht in Vergessenheit geraten. An mehreren Orten in Bad Schlema und Umgebung hat er durchgesetzt, dass Gedenksteine für die Kumpels aufgestellt wurden. Auch für eine Skulptur am Kulturhaus hat er Geld gesammelt und bei Behörden und Firmen getrommelt. Gereicht hat es für ein Relief an der Front zum Parkplatz. Es zeigt einen Bergmann aus früheren Jahrhunderten mit Schlegel und Eisen sowie einen Bergarbeiter der jüngeren Geschichte.

Von Andreas Dunte

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