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Ruf nach Aufklärung - Heim-Opfer: „Waren Freiwild“

Ruf nach Aufklärung - Heim-Opfer: „Waren Freiwild“

Dresden/Torgau/Erfurt. Nach Vorwürfen zu Misshandlungen in DDR-Kinderheimen und -Jugendwerkhöfen drängen Betroffene und Behörden auf rasche Aufklärung.

Eine heute 52-Jährige berichtete über ihre im sächsischen Jugendwerkhof Torgau erlittenen Qualen. „Wir hatten keine Rechte, waren Freiwild“, sagte Heidemarie Puls der Deutschen Presse- Agentur am Freitag. Die Frau berichtete, sie sei von einem Erzieher und dem damaligen Heimleiter auch mehrfach vergewaltigt worden.

In etlichen DDR-Kinderheimen soll es Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben haben, die sogar in Akten notiert wurden. „Es gibt in Stasi-Unterlagen Hinweise darauf“, sagte die Leiterin der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Gabriele Beyler, am Donnerstag der dpa. Sie hatte Mitte März unter dem Eindruck der Missbrauchsfälle in Berlin und in den alten Bundesländern Betroffene aufgerufen, über entsprechende traumatische Erlebnisse in DDR-Heimen zu berichten. „Wir müssen die Fälle für Ost und West zeitgleich aufklären“, forderte die Gedenkstätten-Chefin.

Auch in Thüringen soll es in Heimen Misshandlungen gegeben haben. Am nächsten Mittwoch trifft sich eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Landessozialministerin Heike Taubert (SPD), sagte Ministeriumssprecher Uwe Büchner am Freitag auf Anfrage. „Die Untersuchungen zu den Zuständen in den Heimen stehen noch am Anfang.“ Erste Gespräche mit Betroffenen hätten gezeigt, dass in den Heimen physische und psychische Gewalt ausgeübt wurde. In einzelnen Fällen solle es auch sexuelle Übergriffe gegeben haben. Taubert hatte erklärt, sie wolle eine sachliche und schonungslose Aufarbeitung von Missbrauchsfällen der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart.

Heidemarie Puls sagte der dpa weiter, nach einem Selbstmordversuch mit Reinigungsmittel sei sie in der geschlossenen Anstalt in Torgau in den „Fuchsbau“ gesperrt worden. „Das war ein 1,30 mal 1,30 Meter kleines Loch in der Wand mit Stahltür, wo ich weder sitzen noch stehen konnte.“ Die ARD-Tagesthemen hatten am Donnerstag über diesen spektakulären Fall berichtet. Wie lange sie eingesperrt gewesen sei, wisse sie nicht, sagte Puls der dpa. „Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen.“ Als sie auf der Krankenstation aufwachte, sei ihre Seele gebrochen.

Sie berichtete, bei der Entlassung habe sie eine Schweigeverpflichtung unterschreiben müssen. Sie fügte hinzu: „Ich war ein anderer Mensch, von meiner wahren Persönlichkeit getrennt, hatte keine eigene Meinung und Probleme im Leben.“ Ohne Schulabschluss und Berufsausbildung arbeitete sie als Näherin, später als Kindergärtnerin. „Ich war seelisch tot, aber funktionierte.“ In späteren Jahren versuchte sie, den Missbrauch im Elternhaus und in den Heimen aufzuarbeiten. „Ich habe mich ein Stück wiedergefunden“, so die vierfache Großmutter, die ein Buch geschrieben hat, um anderen Opfern Mut zu machen.

Beyler sagte, ehemalige Heimbewohner berichteten von massiven sexuellen Übergriffen ihrer Erzieher. „Die Opfer waren damals zwischen sechs und 17 Jahren alt.“ Es sei auch versucht worden, Kinder mit Psychopharmaka „ruhigzustellen“. Beyler geht von einer hohen Dunkelziffer aus. „Ich denke, das ist erst der Anfang.“ Einige der Betroffenen hätten keinen Mut, sich zu bekennen, viele ihr Trauma aus Scham und Schuldgefühlen vor sich selbst versteckt. Es brauche aber Zeitzeugen, da diese Verbrechen nicht in Archiven dokumentiert seien. Für eine juristische Aufarbeitung sei es bei den meisten Opfern zu spät, da die Taten verjährt und teils auch die Täter schon tot seien.

Simona Block, dpa

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