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Sachsen sucht dringend Lehrer – heftige Kritik an Kultusministerin

Personalnotstand an Schulen Sachsen sucht dringend Lehrer – heftige Kritik an Kultusministerin

Sachsen hat größte Probleme, offene Lehrer-Stellen zu besetzen. Zwei Monate vor Beginn des neuen Schuljahres ist mehr als ein Drittel der 1400 freien Jobs unbesetzt. Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) setzt auf mehr Seiteneinsteiger, erntet aber heftige Kritik auch vom Koalitionspartner SPD.

Im Fokus der Kritik: Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU).
 

Quelle: dpa

Dresden.  Dass in Sachsen die Lehrer knapp sind, ist bekannt – neu ist allerdings die Dimension der Personalnot: Noch nie zuvor hatte das Kultusministerium größere Probleme, Stellen zu besetzen. Dabei hatte der Freistaat als erstes Bundesland bereits im April mit Einstellungen begonnen. Die Resonanz ist ernüchternd, wie eine Statistik aus dem Haus von Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) belegt. Zwei Monate vor dem neuen Schuljahr sind nicht einmal zwei Drittel der freien Plätze belegt. Die Einstellungen würden zwar „auf Hochtouren“ laufen, teilt das Ministerium mit – muss aber zugleich eingestehen: „Das Ausmaß der Diskrepanz von Angebot und Nachfrage wird insbesondere mit Blick auf die Qualifikation der Bewerber deutlich.“

Schulen müssen Angebote streichen

Tatsächlich stammen nur 1062 der 2869 Bewerbungen von ausgebildeten Lehrern, bei 1400 zu besetzenden Stellen. Beim Blick auf die Schularten erschließt sich die neue Dimension der Misere. So sollen an Oberschulen über den Sommer eigentlich 488 Lehrer verpflichtet werden, doch nur 128 Bewerber besitzen überhaupt eine pädagogische Ausbildung. Dramatisch ist die Situation auch bei den Grundschulen (482 Stellen, 161 Lehrer-Bewerbungen) und Förderschulen (175/58). Eine Differenz gibt es auch bei den Berufsschulen (156/121). Die Region Bautzen trifft es besonders hart: Hier gibt es für 80 Oberschulen-Stellen nur acht Bewerber, an Förderschulen kommen auf 30 freie Plätze zwei Interessenten mit Lehrer-Ausbildung sowie sieben Seiteneinsteiger. Neu ist außerdem, dass selbst in den Großstädten, die bei Absolventen beliebt sind, nicht alle Stellen besetzt werden können. So gibt es in Leipzig für 43 Stellen an Förderschulen ganze 32 Bewerber. Dagegen verzeichnen die Gymnasien ein gewaltiges Überangebot: Auf sachsenweit 100 freie Stellen haben sich 594 Interessenten gemeldet. Aufgrund von Mehrfach-Bewerbungen ist damit zu rechnen, dass Lehrer, die sich in Sachsen beworben haben, wegen besseren Angeboten abwandern.

Das Kultusministerium bereitet Schüler und Eltern schon jetzt auf den Ernstfall vor: „Aufgrund der geringen Bewerberzahl ausgebildeter Lehrer sind insbesondere für die Grund-, Ober- und Förderschulen Einstellungen von Seiteneinsteigern sowie der schulartfremde Einsatz von Lehrkräften unverzichtbar.“ Das heißt: Die Quote der Seiteneinsteiger wird in diesem Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit noch einmal erheblich steigen – Insider gehen inzwischen davon aus, dass im August mehr als jeder zweite neue Lehrer ein Seiteneinsteiger sein wird. Zudem kündigt das Ministerium Einschnitte an: „Insbesondere im Ergänzungsbereich der Schulen wird die unzureichende Bewerberlage zu spüren sein. Es ist bereits abzusehen, dass im neuen Schuljahr weniger Lehrerressourcen für Arbeitsgruppen und Projekte und somit für die eigene Profilbildung der Schulen zur Verfügung stehen werden.“

Uschi Kruse, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), spricht bereits von einem „abenteuerlichen Vorhaben“ des Kurth-Ministeriums. „Die Situation wird immer noch schöngerechnet, es wird weiterhin so getan, als könnte der Unterricht abgesichert werden“, moniert die GEW-Chefin und fordert eine „neue Ehrlichkeit“. Zugleich warnt Uschi Kruse das Ministerium davor, noch stärker auf Seiteneinsteiger zu setzen: „Bei Teilen der Bevölkerung ist der Eindruck entstanden, dass Jedermann Lehrer werden kann.“ Viele Bewerber würden wesentliche Voraussetzungen, wie beispielsweise ein Hochschulstudium, nicht erfüllen. „In der Staatsregierung fehlt die Bereitschaft, das Problem auch bildungspolitisch zu bewerten – heißt, welche Konsequenzen die anhaltende Personalnot für die Qualität des Unterrichts hat.“

Doch heftige Kritik kommt nicht nur von der Lehrer-Gewerkschaft – auch der Koalitionspartner SPD nimmt kein Blatt mehr vor den Mund. „Der Lehrermangel geht in das fünfte Jahr und verschlimmert sich. Es ist für Schüler, Eltern und Lehrer schrecklich und nicht mehr zu erklären, warum sich nach wie vor so wenig bewegt“, teilt die SPD-Bildungsexpertin Sabine Friedel aus. Es sei „nicht nachvollziehbar“, dass längst angemahnte Verbesserungen im Bewerbungsverfahren nicht umgesetzt würden. „Und immer noch werden ausgebildete Lehrkräfte weggeschickt“, kritisiert Sabine Friedel das „bewerberunfreundliche“ Verfahren. Mit dem Lehrermaßnahmepaket sei beispielsweise im Oktober 2016 beschlossen worden, dass es schulgenaue Ausschreibungen und Einstellungen geben soll, damit die Schulleiter helfen können, das Personal zu besorgen. „Doch nichts ist passiert. Es gibt einen Kabinettsbeschluss – und der wird einfach nicht umgesetzt. So löst man keine Probleme, Frau Kurth“, greift die SPD-Politikerin die Ministerin an. Ihr Fazit: „Sachsens Schulsystem droht, noch tiefer in die Krise zu geraten. In solchen Situationen hilft kein ‚Weiter so‘.“

Personalnot verursacht Unterrichtsausfall

 Eine weitere Konsequenz des Notstands lautet: Der Unterrichtsausfall und die Vertretungsstunden werden wohl noch mehr zunehmen. Im ersten Schulhalbjahr fiel durchschnittlich bereits jede zwölfte Stunde aus oder musste fachfremd abgehalten werden. Außer an Gymnasien – hier blieb der Ausfall mit 6,1 Prozent konstant – haben die Stundenstreichungen und Vertretungsfälle bei allen Schularten zugenommen. Den Spitzenwert halten die Förderschulen mit 9,3 Prozent gegenüber 8,4 Prozent im Vorjahr, gefolgt von den Oberschulen mit 8,7 Prozent (8,4 Prozent). „Dass der Unterrichtsausfall steigt, darf keinen wundern“, stellt Cornelia Falken, die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, fest. „Die Zahlen belegen eine seit Jahren anhaltende Tendenz, den Stundenplan nicht absichern zu können – und das trotz ,Unterrichtsgarantie’.“

Das Hauptproblem bleib die fehlende Personalreserve, macht das Kultusministerium klar: „Wir könnten deutlich mehr Lehrer einstellen, als auf dem Arbeitsmarkt zu finden sind. Es mangelt nicht an freien Stellen und Geld – es fehlen schlichtweg grundständig ausgebildete Lehrer.“ Das bedeute, dass „auch das nächste Schuljahr noch schwierig wird“. Kultusministerin Kurth hatte unlängst von einem „Tal der Tränen“ gesprochen, das durchschritten werden müsse. Mit spürbarer Besserung wird erst dann gerechnet, wenn die gestiegene Zahl von Lehreramtsstudenten ab 2019 für die Schulen zur Verfügung steht.

Von Andreas Debski

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