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Sachsen will den Wolf als Nachbarn akzeptieren - Schutz mit umstrittenem Plan

Sachsen will den Wolf als Nachbarn akzeptieren - Schutz mit umstrittenem Plan

„Der Wolf ist auch nur ein Mensch“, scherzt der sächsische Umweltminister Frank Kupfer (CDU) und meint damit die Lernfähigkeit des Raubtiers. Als die Besitzer von Schafen und Ziegen ihre Herden mit Zäunen und Flatterbändern vor dem Räuber schützen wollten, hatte der das schnell durchschaut.

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Wolfswelpen in der Lausitz: Das Rudel hat sich verjüngt.

Quelle: dpa

Rietschen. „Wenn der Wolf leichte Beute machen kann, dann macht er das auch. Er ist ein Beispiel für Energieeffizienz“, erklärt der Minister und warnt davor, Schafe einfach so an Bäume anzuketten: „Das ist wie eine Einladung in den Schnellimbiss“.

Schäfer Frank Neumann hat das Große Fressen erlebt. Im April 2002 verlor er in nur einer Nacht 27 Schafe, wenig später rissen die Wölfe noch einmal sechs Tiere. „Ein Wolf macht Beute, solange er kann. Er kommt vor lauter Beißen erstmal gar nicht zum Fressen“, sagt Wolfsexperte Bernd Dankert. Das Ziel des Wolfes bestehe darin, mit so wenig Energie wie nötig so viel Energievorrat wie möglich zu erlangen. Darin sieht Dankert das große Geheimnis des „Generalisten“, der von der Wüste bis zum Polarkreis ganz unterschiedliche Lebensräume mit schwierigen Bedingungen meistert.

In Deutschland wird die Zahl der Wölfe auf 60 bis 80 geschätzt. Die meisten davon, rund 50, leben in sieben Rudeln in Sachsen. Wolfsländer sind auch Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Selbst in Niedersachsen wurde einer gesichtet, gilt aber als Überläufer aus Sachsen-Anhalt. Dass sich die Tiere meist auf Truppenübungsplätzen wohlfühlen, hält Dankert für normal. „Der Wolf braucht zwei Dinge: Ruhe und Futter.“ Schüsse und Detonationen würden von den Tieren als ein Naturereignis wahrgenommen - wie ein Gewitter. „Wölfe meiden den Menschen, haben aber kein Problem, seine Strukturen zu nutzen.“

Tatsächlich gehen Wölfe bei ihren nächtlichen Raubzügen auch über Wege und Straßen. Auf ebenem Terrain läuft es sich nun mal leichter. Per Senderüberwachung konnten die Touren einiger Wölfe verfolgt werden. So lief „Karl“ im März 2009 in 16 Tagen knapp 400 Kilometer und überquerte auch zweimal die Autobahn 13 - auf normalen Brücken.

Die ostsächsische Ortschaft Rietschen ist so etwas wie die Hauptstadt des Wolfes im Freistaat. Dort existiert ein Kontaktbüro, das vor allem Aufklärungsarbeit leisten soll. Bürgermeister Ralf Brehmer berichtet davon, dass es in der Bevölkerung auch Ängste gibt. Inzwischen sei den Leuten aber klar, dass sich die Wölfe mehr für den Komposthaufen als für Menschen interessieren. Trotzdem bleiben die Einwohner wachsam. Als ein gerissenes Schaf nahe einer Haltestelle gefunden wurde, gründete sich eine Bürgerinitiative „Sicher leben unter Wölfen“. Auch die Jäger seien gespalten: Manche sähen im Wolf einen Konkurrenten, andere einen Regulator des Wildbestandes.

Gerade auf den Jägern ruhen nun die Hoffnungen von Minister Kupfer. Sachsen will den Wolf ins Jagdrecht aufnehmen, um ihn besser zu schützen. Das wirkt nur auf den ersten Blick paradox. Denn der Freistaat betreibt Monitoring, beobachtet die Tiere mit Kameras, betreibt Spurensuche. Kupfer sieht dafür Personalbedarf und will die Jäger einbinden, um die Wölfe besser zu erkunden und unter Kontrolle zu haben. Dass sie eine streng geschützte Tierart bleiben, ist ohnehin Gesetz. Tierschützer befürchten jedoch, dass Ausnahmen für einen Abschuss geschaffen werden könnten.

Kupfer will nicht ausschließen, dass sich bei dem einen oder anderen Jäger der „Finger am Abzug krümmt, wenn er einen Wolf vor die Flinte bekommt“. Klar sei aber auch: „Der Wolf kann nicht gejagt werden.“ Nur im Extremfall, wenn ein Wolf dem Menschen gefährlich werde oder krank sei, könne er „der Natur entnommen werden“, heißt es offiziell. Der Umweltminister spricht davon, „den Wolf als Nachbarn zu akzeptieren“. Für Fachmann Dankert ist der Canis lupus ohnehin kein Zufall. „Er ist ein Beweis für die Anpassungsfähigkeit einer Tierart und kein Beleg dafür, dass die Natur hier in Ordnung ist.“

Schäfermeister Neumann hat unterdessen vorgesorgt und lässt seine Schafe von zwei Schutzhunden bewachen. Seitdem er sie im Einsatz hat, lässt sich der Wolf nur noch von weitem blicken. In Rietschen ist man derweil weiter um Transparenz bemüht. Immer häufiger kommen Touristen, um Isegrim zu erspähen - in der Regel ist das vergebene Mühe. „Ich lebe hier seit 17 Jahren und habe noch keinen gesehen“, tröstet Bürgermeister Brehmer. In einer Ausstellung soll schon den Kleinen die Angst vorm bösen Wolf genommen werden. Das Märchen vom Rotkäppchen geht deshalb hier anders aus: Da wird der Wolf einfach vom schlauen Kind überlistet.

Jörg Schurig, dpa

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