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Sachsens Sozialministerin: „Die Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts“

Interview Sachsens Sozialministerin: „Die Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts“

Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) glaubt fest daran, dass Projekte wie die elektronische Gesundheitskarte, die Videosprechstunde oder auch die gemeinsame Arzneimittelinitiative von Sachsen und Thüringen (Armin) langfristig zu Erfolgsmodellen werden.

Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch rät zur Geduld bei der Einführung der Digitalisierung im Gesundheitswesen.Foto: André Kempner

Quelle: André Kempner

Leipzig. Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) glaubt fest daran, dass Projekte wie die elektronische Gesundheitskarte, die Videosprechstunde oder auch die gemeinsame Arzneimittelinitiative von Sachsen und Thüringen (Armin) langfristig zu Erfolgsmodellen werden.

Der AOK-Chef von Bayern hat prophezeit, dass die elektronische Gesundheitskarte vor dem Aus steht und spätestens nach der Bundestagswahl beerdigt wird. Was ist Ihr Tipp?

Zunächst: Die elektronische Gesundheitskarte ist eingeführt. Sicherlich wird es noch zeitliche Verzögerungen geben, bevor sie weitere Funktionen bieten kann. Das ist natürlich ärgerlich. Aber auch der Bundesgesundheitsminister stellt das Vorhaben nicht in Frage. Mit dem eHealth-Gesetz gibt es einen klaren Fahrplan. Die elektronische Gesundheitskarte wird uns allen Vorteile bringen, davon bin ich überzeugt.

Verzögerungen, so scheint es, gehören beim Thema eHealth stets dazu. Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen rät ihren Mitgliedern beim Anschluss an die Telematik-Infrastruktur zum Abwarten. Woher rühren denn diese Hemmnisse immer wieder?

Sicherlich, es geht nur stufenweise voran. Nach meinen Erfahrungen der vergangenen Monate – wir sind ja im Gematik-Beirat, um die sächsischen Interessen zu vertreten – liegt es auch daran, dass es sehr viele Partner gibt, die berücksichtigt werden wollen und berücksichtigt werden müssen. Und für Sachsen spielt auch die Patientenhoheit eine wichtige Rolle. Schließlich geht es um ganz sensible Daten, über die der Patient die Hoheit behalten muss.

Andere Länder in Europa sind viel weiter.

Ja, es ist ein sehr langer Weg und wir sind hier nicht die Schnellsten. Aber die Gesundheitssysteme sind auch sehr verschieden. Wir sind auf dem richtigen Weg. Die weitere Digitalisierung im Gesundheitswesen bringt viele Vorteile auch für Patienten. Deshalb haben wir in Sachsen die Themen Digitalisierung und Telemedizin in den vergangenen beiden Jahren zu einem Schwerpunkt gemacht und bisher bereits rund 25 Millionen Euro investiert. Telemedizin sorgt für eine gute medizinische Vernetzung im Sinne der Patienten.

Täuscht der Eindruck, dass es mit der Telemedizin in den Krankenhäusern ganz gut klappt, doch wenn es dann in die Arztpraxen geht, beginnen die Probleme?

Der Eindruck ist durchaus richtig. Viele Anwendungen im Krankenhaus sind mittlerweile so selbstverständlich, dass wir da gar nicht mehr ausdrücklich von Telemedizin sprechen. Wenn man aber aus dem Krankenhaus entlassen wird, bekommt der Patient einen ausgedruckten Arztbrief statt seiner bereits elektronisch erfassten medizinischen Daten. Hier funktioniert es noch nicht. Der Übergang vom stationären in den ambulanten Bereich muss künftig digital und unkompliziert erfolgen. Das wird sich mit der elektronischen Gesundheitskarte ändern.

Also müssen die Krankenhäuser die Befunde digital zur Verfügung stellen?

Die Befunde sind ja da. Wir brauchen Schnittstellen in den Praxen, Software, die mit den Kliniken kompatibel sind. Das bringt mehr Komfort für die Patienten und auch Entlastung für die Praxen. Dafür ist die Infrastruktur gebaut, das wird sich jetzt Schritt für Schritt entwickeln.

Wenn man heute krank wird, muss man den Krankenschein per Post zum Arbeitgeber senden, mit dem Rezept in die Apotheke gehen, eventuell Arznei bestellen lassen...

Das ist heute die Realität. Ich bin aber überzeugt davon, wenn wir in zwei Jahren wieder über das Thema reden, sind wir ein ganzes Stück weiter.

Inwiefern?

Ich glaube, dass es dann möglich sein wird, zum Beispiel das Rezept gleich vom Arzt aus online an die Apotheke zu senden. Und ich erwarte, dass dann auch der Arztbrief digital ausgetauscht werden kann.

Was macht Sie da so zuversichtlich?

Es ist derzeit viel in Bewegung, die Entwicklung schreitet rasant voran. All das setzt aber Grundlagen voraus –  Stichwort: Breitbandausbau. Ich habe eine Apothekerin getroffen, die ihre Bestellung noch per Fax absetzen muss. Wir brauchen einen flächendeckenden Breitbandausbau. Denn es muss überall im Freistaat möglich sein, telemedizinische Anwendungen problemlos umzusetzen.

Danach sieht es nicht unbedingt aus. Ihr Kollege, Wirtschaftsminister Martin Dulig und zahlreiche Bürgermeister streiten gerade darum, wer dafür verantwortlich ist und die Zeche zahlt.

Da gibt es unterschiedliche Lösungen. Solche, wo der Landkreis den Ausbau mit den Bürgermeistern umsetzt, und solche, wo einzelne Bürgermeister aktiv werden. Dadurch entsteht ein Flickenteppich, der nach und nach komplettiert werden muss. Jeder Landrat, jeder Bürgermeister setzt auch seine eigenen Prioritäten. Klar ist aber auch: es darf keine weißen Flecken geben – wir brauchen überall schnelles Internet.

Da kann der Freistaat nicht regulierend eingreifen?

Bei der Förderung wird das schon berücksichtigt. Aber Sachsen setzt auch auf Freiwilligkeit und die Handelshoheit der Bürgermeister.

Zurück zu Armin. Dort geht es ja darum, dass der Arzt Patienten mit vielen Medikamenten nur noch Wirkstoffe verschreibt und ein Apotheker dann ein passendes Präparat auswählt, um Nebenwirkungen gering zu halten. Zum Start wurde auf 300.000 potenzielle Patienten verwiesen. Wie viele sind es tatsächlich?

Zunächst einmal:  Armin ist ein Erfolgsmodell. In Sachsen und Thüringen machen derzeit rund 1500 Ärzte und Apotheker mit. Dort wird es noch eine Steigerung geben. Das zeigen auch die vergangenen Wochen und Monaten. Bei den Ärzten gab es einen Zuwachs um zehn Prozent. Und mehr als 2000 Patienten beteiligen sich, davon sind über die Hälfte aus Sachsen.

Wo klemmt es noch?

Weitere Ärzte müssen überzeugt und die technischen Voraussetzungen gegeben sein. Da sind wir wieder bei den Schnittstellen und beim Breitbandausbau.

Der Sächsische Hausärzteverband war zunächst gegen Armin, weil er ärztliche Kompetenzen bedroht sah.

Vielleicht waren die Sachsen im Vergleich zum Thüringischen Hausärzteverband etwas abwartend. Aber Aufgabe meines Ministeriums ist es ja auch, für dieses Projekt zu werben. Und das tun wir aus voller Überzeugung. Denn Armin bringt mehr Sicherheit für Patienten.

Ursprünglich sollten weitere Krankenkassen ins Boot geholt werden. Aber das Modell läuft ja nur bis 2018?

Wir gehen davon aus, dass es nach 2018 weitergehen wird und sich dann auch andere Gesetzliche Krankenkassen anschließen werden. Wir werben dafür, dass Armin Modell wird für eine bundesweite Lösung, die über die elektronische Gesundheitskarte laufen kann.

Gäbe es die Möglichkeit, andere Bundesländer mit einzubeziehen?

Armin läuft jetzt seit gerade mal einem Jahr. Geben wir dem Modellprojekt doch auch Zeit , sich zu entwickeln. Wenn weitere Länder zusteigen möchten, müssten sich die Partner der Selbstverwaltung über künftige Standards einigen.

Was macht eigentlich die Videosprechstunde? Kaum ein Arzt nutzt sie?

Seit 1. April dieses Jahres können Videosprechstunden abgerechnet werden. Nun kann man trefflich drüber streiten, ob die Honorierung ausreichend ist oder nicht. Ich glaube, dass das Thema auf lange Sicht an Bedeutung gewinnen wird. Ich habe gesehen, wie beim Telemedizinprojekt Ostsachsen von zu Hause aus mit dem Arzt kommuniziert wird. Das sind gute Beispiele, die zeigen, welchen Nutzen es für den Patienten hat.

Wie groß ist die Gefahr, dass Google und Apple in diese Phalanx eindringen und Videosprechstunden via Internet an den Hausärzten vorbei anbieten?

Ich sage ja: Wenn man  jetzt nicht den Vorteil nutzt und auf sicherer Datengrundlage kommuniziert, dann werden andere Privatanbieter in die Bresche springen. Deshalb ist es unsere Aufgabe, über die elektronische Patientenakte und über die elektronische Gesundheitskarte sichere Datengrundlagen zu schaffen. Diesen Vorteil müssen wir auch dem Patienten erklären.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss: Das vielzitierte Argument von der Angst der Patienten um die Daten ist häufig nur Vorwand, um gar nicht zu handeln?

Es gibt nicht den einen Patienten. Aber unsere Aufgabe muss es doch sein, für Datensicherheit zu sorgen. Nicht ohne Grund sagt man: Die Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts.

Wenn es allein nach Ihnen ginge, was wäre der nächste Schritt beim Thema Telemedizin?

Demnächst wird es möglich sein, dass Ärzte, Krankenhäuser, Apotheken und Kassen die erforderlichen Daten untereinander austauschen können. Das ist die Basis für künftige Versorgung. Vor allem natürlich im ländlichen Raum. Dort steigt das Durchschnittsalter der Ärzte immer weiter und nicht jede Arztpraxis wird einen Nachfolger finden. Die Telemedizin ist kein Ersatz für Arzt oder Krankenschwester, aber sie kann die Kommunikation zwischen den Ärzten und zwischen Arzt und Patienten deutlich verbessern und dem Patienten weite Wege ersparen.

Von Roland Herold

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