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Sächsischer Landesschülerrat: „Interesse an Veränderung eher verhalten“

Neues Schulgesetz Sächsischer Landesschülerrat: „Interesse an Veränderung eher verhalten“

Heftige Kritik am neuen Schulgesetz: Friedrich Roderfeld, der Vorsitzende des sächsischen Landesschülerrates, vermisst das Innovative wie mehr Mitspracherechte. Schulen müssten zu mehr Eigenverantwortung und Demokratie gezwungen werden, meint der 18-Jährige – vielmehr werde an den gewohnten Verwaltungsabläufen festgehalten.

Mehr Demokratie und Eigenverantwortung im Klassenraum – das vermisst der sächsische Landesschülerrat im neuen Schulgesetz.

Quelle: dpa

Dresden. Heftige Kritik am neuen Schulgesetz: Friedrich Roderfeld, der Vorsitzende des sächsischen Landesschülerrates, vermisst echte Fortschritte wie beispielsweise mehr Mitspracherechte. Schulen müssten zu mehr Eigenverantwortung und Demokratie gezwungen werden, meint der 18-Jährige – vielmehr werde an den gewohnten Verwaltungsabläufen festgehalten, seit das Interesse an Veränderung eher verhalten.

Friedrich Roderfeld (18) ist seit dem Jahresende neuer Vorsitzender

Friedrich Roderfeld (18) ist seit dem Jahresende neuer Vorsitzender.

Quelle: Andreas Debski

Was bedeutet das neue Schulgesetz aus Sicht des Landesschülerrates?

Man hat in erster Linie nur das umgesetzt, was man musste. Dass Schulen mehr Eigenverantwortung bekommen sollen, sehen wir erstmal positiv. Doch gerade hier hätte das neue Schulgesetz sehr viel weiter gehen müssen. Das Problem ist: Es gibt zu viel Kann-Bestimmungen – das heißt, wenn eine Schule die sich bietenden Freiräume nicht nutzen will, muss sie das auch nicht.  Insgesamt habe ich den Eindruck: Das neue Schulgesetz ist ein einziger großer Kompromiss, bei dem die Koalition die Innovation übersehen hat. Wir als Schülerrat hatten auf größere Fortschritte gehofft.

Sie denken, dass das Beharrungsvermögen an den Schulen weitaus größer als der Veränderungswille ist? Die Ansage der Regierung lautet immerhin: Schule kann demokratischer werden.

Die Schüler sind zweifellos so weit und fordern schon lange mehr Mitsprache, das Gesetz anzunehmen – doch die Initiative kann nicht nur von uns kommen. Nur wenige Lehrer oder Schulleitungen engagieren sich so, wie es aus Schülersicht wünschenswert wäre. Vielmehr wird den gewohnten Verwaltungsabläufen gefolgt, das Interesse an Veränderung ist eher verhalten. Weshalb sollte sich das ändern? Deshalb wäre es gut, wenn das Gesetz konsequenter wäre, zum Beispiel bei der Erweiterung des pädagogischen Konzepts oder auch bei der Schulkonferenz. Von allein wird nicht viel passieren, selbst wenn es neue Möglichkeiten gibt. Außerdem fordern wir unter dem Punkt Eigenverantwortung auch mehr Mitsprache der Schulkonferenz bei der Einstellung von Lehrern.

Setzt das nicht voraus, dass man unter Lehrern auswählen kann? Im Moment sind gar nicht so viele auf dem Arbeitsmarkt wie gebraucht werden.

Natürlich ist das die Voraussetzung. Der Freistaat sollte aber auch bessere Anreize schaffen, damit Lehrer in Sachsen arbeiten wollen – und die Schulen, inklusive Schüler, sollten dann die Möglichkeit haben, unter den Bewerbern den am besten passenden Lehrer auszuwählen. Heute ist es so, dass Lehrer den Schulen und Schülern einfach vorgesetzt werden.

Stichwort: Erweitertes pädagogisches Konzept, mit dem die Durchlässigkeit zwischen Oberschule und Gymnasium erhöht werden soll. Weshalb ist das überhaupt notwendig?

Weil es zwischen beiden Schularten immer noch einen erheblichen Unterschied im Ansehen gibt: Die Schlauen gehen demnach aufs Gymnasium, die Langsamen auf die Oberschule. Dabei sieht die Realität anders aus: An Oberschulen wird häufig ein sehr guter, praxisnaher Unterricht gegeben. Viele Eltern meinen aber, dass ihr Kind unbedingt auf das Gymnasium muss, weil es sonst nichts zählt und im Leben kaum eine Chance hat. Wenn es der Freistaat tatsächlich ernst meinen und eine echte Aufwertung der Oberschule betreiben würde, müssten sich die Durchlässigkeit erhöhen und die Möglichkeiten, später doch ein Abitur zu machen, vereinfacht werden. Die Oberschule muss außerdem ihr praktischeres Profil schärfen und die Lehrer müssen wie auf dem Gymnasium bezahlt werden. Letztendlich braucht es aber auch ein gesellschaftliches Umdenken, dass die Oberschule eben doch keine Schule für Langsame ist.

Die Schul-Diskussion ist häufig von Lehrermangel oder Unterrichtsausfall geprägt. Vermissen Sie dazu Passagen im Gesetz?

Dafür ist das Gesetz vielleicht nicht der richtige Ort. Insgesamt müssten – unabhängig von den Planungen zur Inklusion und für die ländlichen Schulen – deutlich mehr Lehrer eingestellt werden als bislang. Selbst wenn gerade wieder Lehrer eingestellt wurden, deckt das längst noch nicht den Bedarf, weil bei steigenden Schülerzahlen nur ein 1:1-Ausgleich stattfindet.

Wie steht es momentan um den Unterrichtsausfall?

Aktuell fallen mehr als neun Prozent der Unterrichtsstunden ersatzlos aus – das ist das Ergebnis unserer Zwei-Wochen-Erhebung. Das spiegelt sich aber nicht in der Statistik des Kultusministeriums wider: Demnach soll der Ausfall nur von drei Prozent im Schuljahr 2013/14 auf vier Prozent gestiegen sein. Unabhängig von dieser Differenz lässt sich sagen: Es gibt immer wieder große Probleme, Lehrer kurzfristig zu ersetzen, vor allem bei bestimmten Fächerkombinationen und auf dem Land. Das ist eine Misere, mit der man sich in den Kultusbehörden offenbar abgefunden hat. Im Kabinett sollte man sich deshalb unbedingt Gedanken machen, damit mehr Lehrer eingestellt werden können.

Droht den staatlichen Schulen aus genau diesen Gründen eine Abwanderungswelle zu freien Schulen?

Auf jeden Fall, vor allem auf dem Land. Es darf nicht zur Lösung des Problems werden, die staatlichen Schulen ausbluten zu lassen und damit den freien Schulen immer mehr Zulauf zu bescheren. Nur, um richtig verstanden zu werden: Beide sollen nebeneinander existieren – damit Schüler und Eltern wohnortnah zwischen staatlichen und freien Schulen wählen können. Das wird aber kaum gelingen, wenn die staatliche Seite nicht entsprechend ausgestattet wird. Ein Staat muss sich Schule einfach leisten, bei der Bildung dürfen finanzielle Aspekte keine Rolle spielen. Deshalb plädiert der Landeschülerrat übrigens auch für die Abschaffung von Mindestschülerzahlen, um Schulen somit erhalten zu können.

Ein wichtiger Punkt, auch unter finanziellen Aspekten, ist die Schulsozialarbeit.

Mittlerweile werden immer mehr Aufgaben, gerade was Verwaltung betrifft, auf die Lehrer abgewälzt. Wenn Schüler zum Beispiel Probleme im Elternhaus haben, können Lehrer kaum noch darauf eingehen. Lehrer sollten sich wieder auf die Wissensvermittlung konzentrieren können – deshalb sind Schulsozialarbeiter als Unterstützung sehr wichtig. Momentan entscheiden die Schulträger, also meist die Kommunen, über entsprechende Einstellungen. Als Schülerrat fordern wir ein Landesprogramm, das zu hundert Prozent vom Freistaat finanziert wird. Es muss nicht an jeder Schule einen Sozialarbeiter geben, aber wo Bedarf besteht, muss das ohne Probleme möglich sein.

Im neuen Schulgesetz steht auch die politische Bildung als verbindlich. Wie groß ist der Nachholebedarf?

Zunächst einmal: Im Schulgesetz steht gleich zu Beginn auch die christliche Tradition, auf der sich der Bildungsauftrag begründet – das ist längst nicht mehr zeitgemäß und muss abgeschafft werden. Es ist schließlich nur ein kleiner Teil der Schüler christlichen Glaubens. Dass die politische Bildung festgeschrieben wird, ist dagegen richtig. In Sachsen gibt es eine Fokussierung auf die naturwissenschaftlichen Fächer, die Debattenkultur wird im Gegenzug vernachlässigt. Diese Mängel haben sich zuletzt unter anderem bei den Themen Pegida/Legida oder Flüchtlinge gezeigt. Das Problem ist allerdings, dass viele Lehrer noch eine DDR-Ausbildung haben und oftmals nicht wissen, wie sie politische Bildung vermitteln sollen, oder unsicher sind und Diskussionen ausweichen. Bei aktuellen Themen zeigt sich häufig: Schule geht stur gerade aus.

Dagegen könnte man behaupten: Jugendliche werden zunehmend apolitisch.

Viele Schüler interessieren sich, doch ein Meinungsaustausch findet, wenn überhaupt, häufig nur auf dem Pausenhof statt. Das trifft sicher nicht für alle Schulen zu, doch für viele. Aufgabe des Lehrers müsste es sein, solche Debatten zu forcieren und dabei ein Moderator zu sein. Das fehlt an vielen Schulen, auch weil im Lehrplan nicht genügend Freiräume sind. Gerade in der Oberstufe ließen sich die Lehrpläne entschlacken. Grundsätzlich ist zwar das Elternhaus für die Erziehung, auch in politischer Hinsicht, verantwortlich – wenn aber die Eltern nicht interessiert sind oder populistische rechte Parolen nachplappern, muss die Schule diese Aufgabe erfüllen. Beim Blick auf die Wahlbeteiligung und die aktuellen Tendenzen in Sachsen ist das dringend notwendig.

Von Andreas Debski

Dresden Hoyerswerdaer Straße 1 51.059222 13.752652
Dresden Hoyerswerdaer Straße 1
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