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Sächsisches Streben nach Rückkehrern

Arbeitsmarkt Sächsisches Streben nach Rückkehrern

Ostdeutsche Kleinstädte kämpfen um zurückkehrende und neu zuziehende Arbeitskräfte. Ihr Lockmittel? Kita-Plätze, Wohnungen, intakte Straßen. Damit punkten, was Großstädte zurzeit nicht leisten können.

Die Sonnenberg-Siedlung in Weißwassers wurde von 2010 bis 2014 vollständig saniert, um Mietern ein attraktives Wohnumfeld, Fahrstühle und große Balkone zu bieten.

Quelle: dpa-Zentralbild

Chemnitz/Weisswasser. Die Abwanderung der Fachkräfte nach der Wiedervereinigung schwächte den Standort Ostdeutschland wirtschaftlich, kulturell und sozial. Seit der Jahrtausendwende versuchen daher verschiedene Rückkehrinitiativen den Trend der Abwanderung zu bremsen oder gar umzukehren. Auch in Weißwasser. Kaum eine andere Stadt in Sachsen hatte die Abwanderungswelle nach 1990 so zu spüren bekommen wie die Kommune im Landkreis Görlitz im Jahr 1989 verzeichnete die einstige Glasbauer-Stadt knapp 40 000 Einwohner – heute sind es „reichlich 16 000“, sagt Thorsten Rennhak. Bei der Stadtverwaltung Weißwasser ist er für die Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung zuständig. Seit Kurzem gleichen sich in Weißwasser die Weg- und Zuzüge aus, so Rennhak, darum verliere die Stadt keine Einwohner mehr. Die Sterberate sei aber doppelt so hoch wie die der Geburten.

Um dem entgegenzutreten, versucht der Stadtentwickler „die Rahmenbedingungen zu verbessern.“ Das heißt: Straßen sanieren, Kindertagesstätten bauen – die Lebensqualität verbessern. Erst im Mai sei der Spatenstich für den neuen Hort erfolgt. Die Stadt in der Oberlausitz will damit punkten, was viele Großstädte zurzeit nicht leisten können.

„Demografie und Digitalisierung sind die großen Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt“, sagt auch Frank Vollgold, Pressesprecher der Arbeitsagentur Sachsen. Der sächsische Arbeitsmarkt sei in einer guten Grundverfassung: Die Arbeitslosigkeit nehme kontinuierlich ab und erreicht aktuell mit 138 300 Arbeitslosen den bisher geringsten Stand. Zum Vergleich: Aktuell arbeiten 1,57 Millionen Menschen in Sachsen. Das sei der höchste Stand der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigen seit dem Jahr 2000.

Zugleich suchen die Betriebe händeringend neue, meist gut qualifizierte Mitarbeiter, wie die aktuell 35 000 gemeldeten freien Stellen zeigten. „Dadurch, dass seit einigen Jahren jedes Jahr mehr Menschen in den Ruhestand gehen als jüngere Menschen nachrücken, nimmt bis 2025 die Zahl der arbeitsfähigen Bevölkerung um bis zu 200 000 Menschen ab – viele davon sind Fachkräfte“, sagt Sprecher Vollgold. „Hier zeigt sich, dass das Thema Fachkräftesicherung und -gewinnung enorm an Bedeutung gewinnt.“

Laut Zahlen der Arbeitsagentur verließen im vergangenen Jahr 136 700 Frauen und Männer den Freistaat Sachsen, um in anderen Ländern zu arbeiten. Damit gingen dem sächsischen Arbeitsmarkt rechnerisch über 33 000 Beschäftigte durch das Pendeln verloren. Denn nur 103 500 Menschen pendelten aus anderen Ländern nach Sachsen ein, so die Arbeitsagentur.

„Pendeln lohnt sich unter dem Strich nicht für jeden“, gibt Vollgold zu bedenken. Der Vergleich der mittleren Löhne für Vollzeitbeschäftigte zeige, dass Auspendler in westdeutsche Länder etwa 900 Euro mehr im Geldbeutel haben, als Sachsen, die in ihrer Heimat arbeiten. Die Kosten des Pendelns seien nicht zu unterschätzen. Gegen die knapp 1000 Euro mehr im Portemonnaie wiegt Vollgold Aspekte wie die doppelte Haushaltsführung, Fahrkosten, verlorene Zeit für Kinder, Familie und Freunde ab.

„Um die Arbeitskräfte zu halten oder neu zu gewinnen, sind Arbeitgeber gut beraten, sich attraktiv aufstellen“, sagt Vollgold. Sicherlich spiele die Vergütung eine entscheidende Rolle, aber auch Rahmenbedingungen wie etwa„Kinderbetreuungsmöglichkeiten, betriebliche Weiterbildungsangebote, Gesundheitsmanagement und flexible Arbeitszeitmodelle werden in Entscheidungsprozesse der Arbeitnehmer zunehmend eingebunden.“ Was Sachsen zu bieten hat, wird immer wieder bei sogenannten Rückkehrertagen vorgestellt. Im vorigen Jahr luden Behörden und Unternehmen nach Oschatz, Torgau, Eilenburg, Delitzsch, Bautzen, Aue und Annaberg-Bucholz – knapp 2000 Besucher kamen.

Weißwasser versucht, mit einem eigenen Rückkehrer-Telefon auf sich aufmerksam zu machen. Werbung gibt es dafür keine. Das laufe über die Website oder „Mundpropaganda“, sagt Wirtschaftförderer Rennhak. Um die 60 bis 65 Anfragen seien seit der Einführung 2013 eingegangen. Es gebe Zeiten, da gehen drei Anrufe pro Woche ein, dann gebe es monatelang keine Anfragen. Das größte Problem der Stadt und damit auch des Rückkehrer-Telefons sei die Vermittlung von Arbeitsplätzen. Denn diese Aufgabe sei nicht Teil der Stadt, und ein Rückkehrer-Programm gebe es daher auch nicht. „Dafür haben wir keine umfassenden Datenbanken“, sagt Rennhak. „Wir bieten als Stadtverwaltung Kita- und Schulplätze. “

Zwar könne die Stadt Informationen und Kontakte zu Arbeitgebern herstellen, aber ob das am Ende funktioniert, könne sie nicht steuern. Eine Rückmeldung erhalte der Wirtschaftsförderer nur selten. Ähnlich geht es da der sächsischen Arbeitsagentur. Auch sie könne keine Zahlen liefern. „Wie viele rückkehrende Fachkräfte in Sachsen eine Arbeitsstelle gefunden haben beziehungsweise arbeitsuchend sind, können wir nicht sagen“, so Vollgold.

Von Mathias Schönknecht

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