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Sarah Wiener: „Kinder, hört auf eure Zunge!“

TV-Köchin Sarah Wiener: „Kinder, hört auf eure Zunge!“

Die bundesweit größte Ernährungsinitiative im Rahmen des neuen Präventionsgesetzes startet am Mittwoch auch in Sachsen. Die bekannte TV-Köchin (54) spricht im Interview über die Lebensmittelindustrie und die Zubereitung von einfachen Gerichten.

Prominentes Aushängeschild der neuen Ernährungskampagne – Sarah Wiener.

Quelle: dpa

Leipzig..  Die Barmer GEK will in Kooperation mit der Sarah Wiener Stiftung innerhalb von fünf Jahren bis zu 56 000 Genussbotschafterinnen und -botschafter bundesweit schulen, um damit bis zu 1,4 Millionen Kindergartenkinder und Schüler fürs Kochen zu begeistern. Dazu gehört auch der Aufbau einer Datenbank mit Bildungsmaterialien, die Rezepte, Spiele, Experimente, Erfahrungsberichte und Tipps rund um das Thema Essen beinhaltet. Der Startschuss fällt am Mittwoch in Leipzig – mit Sarah Wiener.

Frau Wiener, was hat Sie denn veranlasst, bei einer Kochaktion einer Krankenkasse mitzumachen?

 Das war eher umgekehrt. Kindern Kochen beizubringen ist seit neun Jahren Arbeit meiner Stiftung. In ihren Statuten steht die Vorgabe, praktische Ernährungsbildung zu betreiben – auch präventiv. Seit es das neue Präventionsgesetz in Deutschland gibt, müssen und dürfen nun auch die Krankenkassen pro Versichertem sieben Euro pro Jahr in Präventionsarbeit investieren. Die Barmer GEK und die Sarah Wiener Stiftung haben auf dieser Basis eine Kooperation gebildet. Aus dieser Win-Win-Situation ist die größte Ernährungsbildungsinitiative Deutschlands „Ich kann kochen!“ entstanden.

 Keine Generation macht so einen Zirkus ums Essen wie unsere. Woran liegt das?

 Zum einen sind wir immer weniger mit dem Essen, mit natürlichen Lebensmitteln verbunden. Kaum jemand weiß noch was er isst. Auf der anderen Seite sind Nahrungsmittel so billig wie noch nie und Essen ist eine Art neue Religion, um sich selbst zu definieren und von anderen Gruppen abzugrenzen. Um zu zeigen, wer man ist oder wer man sein will. Denn essen müssen wir ja alle.

 Was läuft aber in der Kinderernährung so falsch?

 Nicht nur in der Kinderernährung. Wir nehmen immer mehr schwerst verarbeitete, künstliche Nahrung zu uns, die unser Stoffwechsel gar nicht als essbar erkennt. Der Geschmack aber wird in der frühesten Kindheit geprägt. Deshalb ist es so wichtig, dass man Kinder mit natürlichen Lebensmitteln ernährt und ihnen Geschmackserlebnisse ermöglicht, damit sie ein Geschmacksgedächtnis erlangen können.

 Also ist die Lebensmittelindustrie schuld?

 Nahrungsmittel werden von der Industrie so manipuliert und bearbeitet, dass sie zum Essen verführen. Geschmack lügt durch Aromastoffe und Geschmacksverstärker. Minderwertige Qualität wird durch Hilfsmittel aufgepeppt, damit es essbar wird. Das hat Auswirkungen auf unsere Körpersouveränität und unser Urteilsvermögen darüber, was wir unserem Körper zufügen, aber auch auf unser körperliches und geistiges Wohlbefinden.

 Das sind jetzt aber harte Vorwürfe.

 Nein, das sind keine Vorwürfe. Das sind Tatsachen. Die Lebensmittelindustrie – pardon – die Nahrungsmittelindustrie (denn Lebensmittel sind das nicht mehr) hat nicht das Ziel, uns gesund, reichhaltig, vielfältig und frisch zu ernähren. Sie ist vielmehr ein Wirtschaftszweig wie jeder andere, der seine Gewinnmaximierung im Auge hat. Schlimm daran ist, dass wir im Nahrungsmittelsektor eine Monopolisierung von Großkonzernen haben, mit denen wir nicht mehr frei in unserer Essenswahl sind. Und auch nicht mehr unsere eigene Region, den Nachbarn unterstützen, sondern eine Landwirtschaft, die eine Kette der Vernichtung nach sich zieht und für die Gemeinschaft nichts tut.

 Was wird vernichtet?

 Es geht zum Beispiel um Vielfalt, um Klimabelastung, Wasserhaushalt, Boden-Erosion, Ernährungsungerechtigkeit und Biodiversität. Das ist dramatisch, denn man könnte ja auch nach der Maxime handeln „Alles, was mir gut tut, tut auch der Umwelt gut“. Wir sind ja Teil der Natur. So aber schaffen wir unsere eigene resistente Natur und ihre Vielfalt ab. Da kann man doch nicht glauben, dass wir das einzige Gesunde in einer kranken Umwelt bleiben werden.

 Welche Werte sind Ihnen da wichtig?

 Für mich als Köchin sind die Vielfalt, die Schönheit und der Genuss wichtig. Aber viel spannender ist der Aspekt der Nachhaltigkeit, also das, was überhaupt zukunftsfähig ist. Vor diesem Hintergrund ist Ernährung ein sehr politisches Thema, das entscheidend für unsere Zukunft sein wird...was aber noch nicht von allen als ein solches erkannt wird.

 Da sind wir wieder bei Ihrer Ernährungsbildungsinitiative. Wie wollen Sie denn Kinder beeinflussen, damit sie Kochen als cool erleben?

 Man muss Kindern nicht klarmachen, dass Kochen cool ist. Aber man muss mit ihnen kochen. Kochen ist eine der letzten Möglichkeiten, sich selbst und seine Umwelt mit allen Sinnen zu erfahren. Man kann durch Kochen Spaß daran haben, kreativ zu sein. Das macht jedem Kind Freude. Da braucht man keine Animation. Man muss nur mit den Kindern in die Küche gehen und ihnen sagen: Hört auf eure Zunge! Traut euch, schmeckt nach und habt Spaß! Das hat in unserer Stiftung bisher sehr gut funktioniert. So erhalten wir unseren Körper gesund. 

 Wie bekommt man das in den Alltag rübergerettet, wenn Eltern selbst wenig Interesse am Kochen haben?

 Das ist schwierig. Niemand kann das Vorbild der Eltern oder der Erziehungsberechtigten ersetzen. Wenn zu Hause nicht gekocht wird, dann werden Kinder auch nicht freiwillig damit beginnen.

 Was also tun?

 Es geht darum, ein Samenkorn in die Kinder zu pflanzen, damit sie eine gewisse Sicherheit und Eigenverantwortung beim Kochen entwickeln können. Damit sie sagen können: Ich weiß, wie man Nudeln kocht. Ich weiß, wann Kartoffeln gar sind. Ich kann mir selbst kleine Gerichte kochen und mich so ernähren, wie ich es will.

 Wie sieht das praktisch aus?

 Da gibt es so viele Möglichkeiten. Man braucht ja nur Pellkartoffeln mit grüner Soße oder Kräuterquark zu machen. Oder ein Spiegelei oder Pasta. Dazu saisonales Gemüse und vorher etwas mit Zwiebel oder Knoblauch anschwitzen. Ein paar Kräuter noch. Man muss nicht drei Stunden in der Küche mit großem Aufwand kochen. Ein paar Rezepte, die man auf unzählige Weise variieren kann – das reicht. Fünf bis zehn Rezepte, die ganz schnell gehen und trotzdem köstlich schmecken. In der Regel versteht man dann die Basis des Kochens.

 Was erwarten Sie von der Initiative „Ich kann kochen!“?

 Ich freue mich vor allem darauf, viele Kinder damit auf den Geschmack zu bringen. Es ist ein Angebot, diese erste zivilisatorische und kulturelle Leistung der Menschheit zu schützen und zu stärken. Und den Nebeneffekt, dass es Spaß macht, kreativ, gesund und stark für die Zukunft macht – den bekommt man noch geschenkt.

 Was fehlt noch?

 Wir suchen in den kommenden fünf Jahren 56 000 Pädagogen, Erzieher und Lehrer, die sich von uns kostenlos fortbilden lassen und das dann als Genussbotschafter der Stiftung in Kindergärten oder Grundschulen tragen. Bei Interesse also bitte gerne melden.

Von Roland Herold

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