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"Schlimmer als die Flut"

"Schlimmer als die Flut"

Es sollte ein Abend der Freude werden. Ein Abend des Auf- und Durchatmens. Auch ein Abend des Abschieds. Zwei Wochen lang hatten die 13 Fluthelfer aus Baden-Württemberg im Pfadfinderheim Höfgen (Kreis Leipzig) gearbeitet, um die Herberge wieder für Gäste herzurichten.

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Heike Raubold, Mitarbeiterin im Pfadfinderheim Höfgen, kämpft nach dem Wasser nun gegen den Schlamm an. Dabei war gerade alles geschrubbt worden.

Quelle: Frank Schmidt

Am 3. Juni war die Mulde über das hell getünchte Fachwerkhaus gekommen, war trotz Absicherung Zentimeter um Zentimeter in die von Kiefernholz flankierten Flure gestiegen. Mehr als einen halben Meter stand schließlich die braune Brühe im Pfadfinderheim. Der geschätzte Schaden: 80 000 Euro. Nun, an diesem Donnerstagabend, sitzen die müden Helfer zusammen, wollen den schwülen Sommerabend im Garten genießen. Die Schwaben wollen Abschied von ihren malträtierten Gastgebern nehmen, die sich ihrerseits mit kleinen Gesten bedanken möchten.

Doch das Abschiedsfest wird jäh unterbrochen: Vom Süden ziehen mächtige dunkle Wolken auf, nur wenige Minuten später prasselt der Regen auf Höfgen nieder, zucken Blitze am Himmel. Mit einem Schlag wird aus dem grellen Sommerabend tiefste Nacht. Im nächsten Moment rauscht der Bach, der normalerweise kaum tiefer als zwei Hand breit durch das beschauliche Dorf rinnt, in den Hof des Pfadfinderheims. Das Wasser ist nicht zu stoppen, stürzt von den umliegenden Hängen durch die Gassen des bereits von der Mulde geschundenen Ortes. "Das war schlimmer als die Flut. Das Wasser kam viel zu schnell", ringt Steffen Andrä vom Förderverein des Freizeit- und Pfadfinderheims Höfgen um Fassung.

Es ist schier unvorstellbar: Da glaubte man, das Schlimmste überstanden zu haben, hat die Herberge für die am Freitag erwarteten ersten Nach-Flut-Gäste, eine Jugendgruppe aus Markranstädt, provisorisch vorbereitet, Wasser- und Stromleitung sowie Sanitäranlagen sind gerade rechtzeitig fertig geworden - und dann das. Wieder einmal müssen in Höfgen die Uhren auf null gestellt werden. Das zweite Mal in nicht einmal drei Wochen.

Mit dem anbrechenden Tag wird das Ausmaß der Schäden sichtbar. Die Zufahrt zu der christlichen Herberge ist 30 Zentimeter ausgewaschen, der Lauf des reißenden Baches quer durch Haus, Hof und Garten deutlich nachzuvollziehen. Was im Weg stand, ist ein Opfer des Wassers geworden. Regale, Stühle, Planken, Holzpfähle, Flaschen. Befestigte Plätze sind abermals ausgespült, bestehen nur noch aus Schottersteinen. Durch die Wiesen ziehen sich Gräben, in denen ein Kleinkind verschwinden könnte. Ein mächtiger Birnenbaum hielt dem Unwetter genauso wenig stand wie die uralte, mannsdicke Eiche oberhalb des Pfadfinderheimes, gleich neben der Wehrkirche aus dem 14. Jahrhundert.

"Es ist unvorstellbar, wie unsere Arbeit binnen Minuten zunichte gemacht werden konnte. Da hatten wir es gerade geschafft - und dann bekommen wir wieder einen solchen neuen Schlag drauf", schüttelt Matthias Tschöpe, der Geschäftsführer des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder Sachsen (VCP), immer noch ungläubig den Kopf. "Das Schlimme ist: Der Schlamm klebt überall zentimeterdick. Dabei hatten wir in mühevoller Handarbeit gerade alles geschrubbt. Bis wir das wieder hinbekommen, wird einige Zeit vergehen."

Der Verlust ist enorm. Zum einen sind es neben der erneuten Durchnässung die sichtbaren Schäden ringsum, deren Umfang weitere Zehntausende Euro ausmachen dürften, gar bis in den sechsstelligen Bereich steigen könnten. Schäden, die hoffentlich durch eine bestehende Versicherung sowie Spenden behoben werden können. Zum anderen, und das scheint für die Pfadfinder momentan weit gravierender, steht noch nicht fest, wann die Herberge mit ihren 34 Betten und dem idyllischen Zeltareal in der Muldeaue wieder bewohnbar sein wird. Buchungen müssen abermals, wie nach der Flut Anfang des Monats, storniert werden. Zunächst einmal bis zum Ferienbeginn in drei Wochen.

"Dabei hatte es in diesem Jahr richtig gut ausgesehen. Wir sind auf die Gruppen angewiesen, damit wir das Haus erhalten können. Dafür ist der Sommer und sind die Ferien besonders wichtig", sagt Matthias Tschöpe. Pro Jahr übernachten hier bis zu 4000 Gäste, macht die Unterkunft in Höfgen, die einzige des sächsischen Verbandes, einen Umsatz von 50 000 Euro. Jeder Tag ohne Buchung bedeutet einen Verlust von etwa 300 Euro. Im Vergleich zu vielen Unternehmen mögen diese Summen gering erscheinen - "für einen so kleinen freien Träger wie uns ist das sehr viel Geld", macht der VCP-Geschäftsführer klar.

Deshalb wollen die Pfadfinder wie so viele Menschen in dem Dorf, das sich bereits seit dem 13. Jahrhundert zwischen die Mulde und deren Hänge duckt, nicht aufgeben. Die Herberge soll, nein, sie muss so schnell wie möglich wieder öffnen. Für das Wochenende haben sich bereits 30 Pfadfinder zum Wiederaufbau angemeldet, auch die Stadt Grimma, zu der Höfgen gehört, hat Fluthelfer geschickt. "Die Hilfsbereitschaft ist riesengroß", sagt Matthias Tschöpe. Irgendwann im Juli oder August soll deshalb noch einmal versucht werden zu feiern. Dann den ganzen Abend lang.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.06.2013

Andreas Debski

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