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Schorlemmer: In der Flüchtlingskrise die Herzen öffnen und bei Verstand bleiben

Kritik an Verwaltung Schorlemmer: In der Flüchtlingskrise die Herzen öffnen und bei Verstand bleiben

Der Wittenberger Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer mahnt in der Flüchtlingskrise weiter Hilfsbereitschaft an. Allerdings: Asylbewerber müssten gerechter verteilt und Überforderungen gerade im Osten verhindert werden.

Schorlemmer lobt Merkel, aber kritisiert Gauck (Archivfoto).

Quelle: Wolfgang Zeyen

Wittenberg. Der Wittenberger Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer mahnt in der Flüchtlingskrise weiter eine große Hilfsbereitschaft, aber auch eine gerechtere Verteilung der Asylbewerber an. „Wir können nicht alle aufnehmen und wir sollten uns nicht übernehmen, aber uns der Herausforderung stellen und konfliktminimierend tätig werden. Immer auch müssen Politiker die Zumutbarkeit im Auge behalten, statt nur hochmoralisch oder herzlos-sachlich zu reagieren“, sagte Schorlemmer in einem Gastbeitrag für die Leipziger Volkszeitung (Donnerstag-Ausgabe). Schorlemmer fordert zudem eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge in Deutschland. „Die uns in Mengen zuströmenden Asylbewerber sollten vornehmlich in Gegenden untergebracht werden, die vergleichsweise wirtschaftlich gut gestellt sind. Jedenfalls nicht in Gegenden, in denen die Hoffnung auf Besserung ohnehin gestorben ist und die sich als Verlierer, Übersehene, Abgehängte empfinden.“ Unsicherheit darüber, was werden soll, gehe um in Deutschland und gehe oft nahtlos über in diffuse Ängste. „Und Angst ist fremdenfeindlich, gar aggressiv aufladbar. Wir gefährden unsere beeindruckende Aufnahmebereitschaft, wenn wir uns überfordern.“ Asylsuchende würden zudem dann eher als Wirtschaftsflüchtlinge wahrgenommen, „wenn sie das reichste Land als ihren Fluchtort verstehen und darauf bestehen, dorthin zu kommen, ohne zu fragen und ohne zu wissen, was das bei uns in Deutschland für mental-emotional-politische-aggressive Folgen hat, die zugleich Rechtspopulisten Raum geben.“

Gerade im Osten gebe es viele vorauseilende Vorurteile. „Insbesondere diejenigen, die sich in diesen 25 Jahren als Verlierer, als zu kurz Gekommene empfunden haben oder in Gegenden leben, in denen es keine erkennbare Hoffnung auf Verbesserung der Lebensumstände bzw. auf eine ordentliche Arbeit gibt. Wenn dorthin, wo viele weggezogen sind, in die leerstehenden Gebäude Flüchtlinge ziehen sollten, dann schlägt das leicht zum Rechtspopulismus bei bisher ganz normalen Bürgern aus. Da werden die Gerüchte geschürt, die Zuwanderer würden „uns“ etwas wegnehmen.“ Kritik übte Schorlemmer an der Struktur der Verwaltung. „Unsere Behörden arbeiten meist noch immer wie immer. Krisenstäbe fehlen. Neue Arbeitsstellen sind zu schaffen – mit Leuten, die sich nicht “so anstellen“ wie die geläufigen Bürokraten.“

Zugleich warb Schorlemmer für eine offene Aufnahmebereitschaft für Menschen in Not. „Da kommen nun Menschen zu uns und keine Asylanten: schwer belastete Mütter, Väter, Kinder, junge Männer, Minderjährige ohne Familie, die in Deutschland hoffen ohne Angst und mit einem Dach über dem Kopf, mit Essen und Trinken leben zu können und hier nichts weniger suchen als eine neue Heimat.“ Alle auf Dauer hier Lebenden müssten nun möglichst bald und intensiv Deutsch lernen. „Es gibt nun für uns alle Aufgaben, große Aufgaben, aber nicht „Probleme.“

Politik stehe zudem immer auch in der Pflicht, nicht ein Problem zu lösen, ohne im Blick zu behalten, „welches andere Problem sodann auftaucht und wie man dem wirksam begegnen kann.“ Asylpolitik sei nicht zuletzt als ein entscheidender Teil von Außenpolitik zu begreifen und zu betreiben. Also alles zu tun, dass wieder Hoffnung und Lebensmöglichkeit in den Herkunftsländern erwacht. „Es ist ein Dilemma: Wer alle Schleusen aufmacht, gefährdet die Integration, die objektive und die psychologische. Wer aber Grenzen hochzieht, gefährdet die Grundlagen unseres auf demokratischen Werten beruhenden Gemeinwesens.“

Ausdrücklich verteidigte Schorlemmer die Politik der Bundeskanzlerin: „Es wäre völlig unangemessen, der Kanzlerin einen Vorwurf zu machen, dass sie statt Abweisung der uns zuströmenden Menschen, eine Einladung durch einen zeitweisen Verzicht auf die Anwendung unserer Regeln ausgesprochen hat. Die spontan in einer dramatischen Notsituation von Angela Merkel  ausgesprochene Einladung an syrische Flüchtlinge  wurde ihr von einigen zu Unrecht zum Vorwurf gemacht. Sie reagierte darauf überaus menschlich beeindruckend.“ Kritisch sieht der Wittenberger Theologe dagegen die Äußerungen von Bundespräsident Joachim Gauck. „Es hat fatale Wirkungen, wenn der Bundespräsident vom „hellen Deutschland“ und dem „Dunkeldeutschland“ spricht, denn 1994 war mit Dunkeldeutschland das Gebiet der ehemaligen DDR und deren Einwohner gemeint und wurde zu einem der „Unwörter“ des Jahres erkoren („Buschzulage“ gewann 1994 das Ranking). Das helle und das dunkle Deutschland wohnen Wand an Wand. Es geht durch Freundes-, Kollegen- und Familienkreise. Überall.“

Schorlemmer abschließend: „Wir wissen noch keine Lösung. Alle wurden überrascht. Und alle müssen sich nun den Problemen stellen, statt „der Politik“ und „den Politikern“ selbstgerechte Vorwürfe zu machen. Nur im partnerschaftlichen Zusammenwirken zwischen staatlichen Institutionen und bürgerschaftlichen Engagement werden wir die großen Aufgaben einer schrittweisen Integration meistern können.“

LVZ

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