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Schorlemmer als Ehrenbürger von Wittenberg geehrt

„Ich fahre weiter Rad und werde nicht zum Überflieger“ Schorlemmer als Ehrenbürger von Wittenberg geehrt

Der Theologe Friedrich Schorlemmer ist am Tag der Deutschen Einheit in seiner Heimatstadt Wittenberg mit der Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet worden. Die Ehrung galt seinem Engagement in der evangelischen Friedensbewegung in der DDR und während der Friedlichen Revolution. Als Überraschungsgast hielt Gysi ein sehr persönliches Grußwort.

Friedrich Schorlemmer (71) ist in seiner Heimatstadt Wittenberg mit der Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet worden.
 

Quelle: Thomas Klitzsch

Wittenberg.  Es war ein langer Weg für den Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer (71): Vom verfemten DDR-Bürgerrechtler und Staatsfeind bis zum hochgelobten Ehrenbürger seiner Heimatstadt Wittenberg. Aber an diesem sonnendurchfluteten Einheitsfeiertag sind es für ihn am Morgen nur wenige Schritte: Von seiner Wohnung in der Lutherstraße 17, einmal quer über den Markt, vorbei am berühmten Doppeldenkmal von Luther und Melanchthon, hinüber zur neu erbauten Stadthalle. Hier erwartete den derzeit bekanntesten Bürger der 46 000-Einwohnerstadt ein Empfang, der zu Herzen geht.

Es dauert nicht lange, und die Festgemeinde erhebt sich das erste Mal zum stehenden Applaus: Als Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos, 44) die Begründung des Stadtrates zur Schorlemmer-Ehrung vorträgt, hält es die ersten Gäste nicht mehr auf ihren Stühlen. Das Gipfeltreffen der guten Worte nimmt seine Anfang. Und Zugehör spart in seiner unaufgeregten, aber sprachlichen Brillanz nicht mit Lob und Tiefgang. Das Stadtoberhaupt nennt den neuen Ehrenbürger einen „ Menschen von uns, mit Stärken und Schwächen, bei dem das Gute sehr, sehr deutlich überwiegt.“ Für Zugehör ist Schorlemmer ein „pazifistischer Scharfschütze“, der aneckt - in Wittenberg und an anderen Orten. „Aber das ist gewollt. So ist das nun mal, wenn man mit offenem Visier in den Kampf der Argumente zieht.“

Einer, der diesen Nahkampf äußerst schmerzhaft kennt, ist Gregor Gysi (67). Der scheidende Linken- Fraktionschef, der erst am Vortag im Bundestag mit einer großartigen Rede seinen Abschied aus der ersten Reihe der deutschen Politik eingeläutet hat, wird als Überraschungsgast in Wittenberg angekündigt. Überrascht aber ist vor allem Gysi selbst, der spontan ein Grußwort für Schorlemmer halten soll, mit dem er gemeinsam ein Buch veröffentlicht hat. Doch der Profi zaudert nicht: Sehr persönlich dankt er dem neuen Wittenberger Ehrenbürger, dass dieser „ absolut unkäuflich ist“ und die seltene Gabe besitze, sich selbst zu korrigieren. „ Sein spitzbübisches Fazit: „Glückwunsch an Sie, aber auch an diese Stadt, zu diesem Ehrenbürger.“

Klaus Staeck (77), bis Mai diesen Jahres Präsident der Akademie der Künste in Berlin, blieb es als „sehr gutem Freund und Vertrautem“ vorbehalten, die eigentliche Laudatio zu halten. Und der Satiriker sparte denn auch nicht mit Spitzen, die eine belastbare Freundschaft aushalten muss. Bei der DDR als „Unrechtsstaat“ sei man unterschiedlicher Ansicht. Ja, auch bei anderen politischen Themen. Aber nie habe man sich deshalb angeschwiegen. „ Dann klingelt nachts das Telefon, und Friedrich Schorlemmer sagte mir klipp und klar, was er nicht verstanden oder womit er nicht einverstanden war. Und das Telefon klingelte oft nachts.“ Staeck war es auch, der an das Symbol erinnerte, das untrennbar mit dem Namen Schorlemmer verbunden ist: Dem Umschmieden eines Schwertes zu einer Pflugschar als Weckruf gegen das Wettrüsten, geschehen 1983 unter Verantwortung des streitbaren Theologen während des DDR- Kirchentages in Wittenberg. „ Und deshalb ist es gut, wenn Sie heute den Pegida-Brandstiftern klar entgegnen: Ihr seid nicht das Volk!“, so schlägt Staeck den Bogen zur Gegenwart.

Dies ist auch dem Geehrtem wichtig. Schorlemmer braucht nur wenige Minuten am Rednerpult der Wittenberger Stadthalle, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Und den Bogen aus der Vergangenheit zur brandaktuellen Gegenwart zu ziehen. Ja, er wisse, dass er jetzt als Ehrenbürger zeitlebens kostenlos S- und U- Bahn fahren könne. Wobei letzteres schon an der nahen Elbe in Wittenberg eher scheitert. Aber: „ Ich verzichte: Ich fahre weiter Rad und werde nicht zum Überflieger.“ Die wärmenden Worte des Lobes gingen ihm zwar zu Herzen, aber sie stiegen ihm nicht zu Kopf. „Ich habe stattdessen einen anderen Wunsch: Macht bitte den Spruch ,Schwerter zu Pflugscharen’ nicht zur Stadtfolklore!“ Viel wichtiger sei es, dieses Motto immer wieder zu aktualisieren: Gegen Fremdenhassen, gegen Armut in der Welt und gegen neues Wettrüsten mit Drohnen, die die nächsten Kriege dominieren. „ Wer das alles nur als Utopie abtut, der muss damit rechnen, dass der große Krieg unsere Realität wird.“

Am Ende steht erneut die Festgemeinde zum langanhaltenden Applaus - und ein Versprechen des neuen Ehrenbürgers: „ Es geht das böse Gerücht durch die Stadt, ich würde am Wittenberger Markt ein drittes Denkmal neben Luther und Melanchthon für mich wollen. Ich verspreche hiermit hoch und heilig: Diesen Plan habe ich aufgegeben! Die Ehrenbürgerschaft reicht mir vollkommen.“ Großes Gelächter im Saal quittiert diesen Original-Schorlemmer. Seine Schwester, verrät er später im Nebensatz, habe ihm am Morgen gesagt: „Nun umarme doch mal deine Stadt.“ Könnte sein. Wittenberg jedenfalls hat seinen Frieden mit dem pazifistischen Scharfschützen und Erbverwalter Luthers gemacht. Gott sei dank!

Von Olaf Majer

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