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Schorlemmer zu Luthers Geburtstag: „Polemik gegen Juden bleibt schwere Bürde“ – Teil 2

Reformator am Donnerstag vor 533 Jahren geboren Schorlemmer zu Luthers Geburtstag: „Polemik gegen Juden bleibt schwere Bürde“ – Teil 2

Luther-Verehrer feiern am Donnerstag den 533. Geburtstag ihres Idols. Im dicht gedrängten Festjahr „500 Jahre Reformation“ droht dieser Termin aber unterzugehen. Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer erinnert an Luthers Geburtstag – und findet erstaunlich aktuelle Bezüge. Wir veröffentlichen den Essay in zwei Teilen. Hier Teil 2:

Der vor Hass blinde Luther? In Wittenberg wurden am Standbild des Reformators 2015 die Augen verhüllt, um den Antisemitismus Luthers zu thematisieren.
 

Quelle: epd

Wittenberg..  Überaus hoch schätzt Luther die menschliche Arbeit: „Von der Arbeit stirbt kein Mensch, aber vom Ledig- und Müßiggehen kommen die Leute um Leib und Leben. Denn der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen.“ Man bedenke solche Sätze auf dem Hintergrund unserer strukturellen Massenarbeitslosigkeit und dem inzwischen über dreißig Jahre dauernden Rentnerdasein.

Die Würde des einzelnen Menschen ist unantastbar. Die Wahrheit macht frei. Sie braucht den Dialog, statt mit dem Argument der Macht die Macht der Argumente abzuwürgen. Luther hält seinen Hals für seine Überzeugungen hin. Gegen das Gewissen zu handeln, ist unheilsam und gefährlich.

„Macht kaputt, was euch kaputt macht“

„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ Das hat er nicht gesagt, sich aber so verhalten. Was in Worms auf dem Reichstag 1521 geschah, sollte Geschichte machen. Ein Einzelner behauptet sich vor aller Öffentlichkeit, vor der kirchlichen und der weltlichen Macht. Er kommt mit Haltung, mit seiner Haltung, durch.. Eine Woge der Zustimmung seiner „lieben Deutschen“ trägt ihn, doch bleibt er ganz ein einzelner. Sein Mut macht Mut. Die päpstliche Bannandrohungsbulle, die ihm bei Verweigerung seines Widerrufs das Schicksal des Jan Hus androht, verbrennt er. Im Dezember 1520 entfacht er ein Freudenfeuer der Befreiung! „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“, hieß es 450 Jahre später.

Eine zentrale biblische Erkenntnis kommt dem Befreiten (aus Luder wird Luther, das dem Griechischen „eleutherios“ als „der Befreite“ nachempfunden ist) nie aus dem Sinn: Es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung für den Nächsten. Der Glaube wird in der Liebe tätig. Einer soll dem anderen zum Christus werden. Ein freier Herr aller Dinge ist der Christ (als ein von Gott Freigesprochener) und ein dienstbarer Knecht aller Dinge bleibt er (als einer, der seinem Mitmenschen verpflichtet ist).

Von Flegeln und Grobianen regiert?

Das Neue Testament übersetzt er in seiner Zwangsklausur auf der Wartburg in nur elf Wochen und findet darin einen Ton, der die Leute an- und aufrührt. Sein Deutsch wird sprachbildend, seine Redeweise sprichwörtlich: „Keiner soll sein Licht unter den Scheffel stellen. Der Glaube versetzt Berge. Unser Wissen ist Stückwerk. Auf dem Jahrmarkt des Lebens gilt es, die Zeichen der Zeit zu erkennen.“

Die Bibel wird als Volksbuch ein Befreiungsbuch. Der einzelne Christ soll mitbestimmen, unterscheiden und beurteilen lernen. Dazu muss eine allgemeine Bildung her. Oder „soll man denn zulassen, dass lauter Flegel und Grobiane regieren, wenn man‘s sehr viel besser machen kann? Da lasse man doch lieber gleich Säue und Wölfe zu Herren machen und über die setzen, die nicht darüber nachdenken wollen, wie sie von Menschen regiert werden.“ Wenn Menschen aber nichts weiter lernen, „als Nahrung zu suchen und wie eine Sau mit der Nase im Kot zu wühlen“, dann müssten wir „gewiss von Sinnen sein oder unsere Kinder nicht richtig lieb haben“.

Kinder sollen Zeit haben zum Balgen

Wie Strauße würden sich viele Eltern verhalten, die es dabei bewenden lassen, „dass sie ihre Eier von sich geworfen und Kinder gezeugt haben – mehr tun sie nicht dafür.“ Kinder müssten einerseits Zeit haben für ihr Kügelchenschießen, Ballspielen, Laufen, Balgen und Tanzen. Andererseits seien sie zur Mühe des Lernens heranzuziehen. Aber ohne Angst und Prügel. Sekundärtugenden bewähren den Alltag der Primärtugenden.

Die erste kommunale Sozialkasse wird in Wittenberg eingerichtet. Luther polemisiert in schärfster Form gegen Auswüchse von Zins und Wucher. Auch was legal ist, ist längst noch nicht legitim. Er geißelt eine ökonomische Praxis, in der die Bereicherung der einen zur Verarmung der anderen führt. Dabei hält Luther redlichen Handel und Gewinn keineswegs für verwerflich. „Dass Kaufen und Verkaufen eine notwendige Sache ist, kann man nicht leugnen.“ Aber das Marktgeschehen verlottert, wo Habsucht zur Preistreiberei führt, wo die Monopolbildung andere in den Ruin treibt, wird Luther unerbittlich. „Solche Leute sind es nicht wert, Menschen zu heißen oder unter Menschen zu wohnen.“

Vorwurf: Reformation nur wegen der Weiber gemacht

Vor nichts anderem schien Luther mehr Sorge zu haben als vor dem Vorwurf, die ganze Reformation hätte er nur wegen der Weiber gemacht, um sich selber schließlich auch eine zu nehmen. Er zögert lange, ist voll Angst, dass aus der Verbindung zwischen Mönch und Nonne ein kleines Teufelchen werden könnte, wie es ein verbreiteter Aberglaube verbreitete. Er nimmt schließlich im Juni 1525 die noch übriggebliebene, recht selbstbewusste Nonne Katharina von Bora zur Frau – ausgerechnet unmittelbar nach dem grausigen Bauernkrieg. Ein Signal für die Priorität des Privaten, der bürgerlichen Alltagsexistenz gegenüber gesellschaftlichen Gestaltungsfragen?

Ein Leben führen die beiden, das vorbildhaft werden sollte. Sie führt den Haushalt und er das Wort. Nicht genug kann er sich wundern, dass er nun, wenn er im Bette erwacht, ein Paar Zöpfe neben sich liegen sieht „Die erste Liebe“, schreibt er, „ist fruchtbar und heftig, damit wir geblendet werden und wie die Trunkenen hineingehen.“ Sechs Kinder haben Katharina und Martinus miteinander, erleben Glück, durchleiden bittersten Verlustschmerz. So gern er mit allen Sinnen lebt, so oft ist er krank. Lebenslang plagen ihn – wohl durch damalige Ernährungsgewohnheiten wie psychosomatisch bedingte – Verdauungsprobleme, Nieren und Blasensteine.

Der Biertrinker Luther wettert gegen Bierbrauer

Seine Tischgespräche sind legendär. Allein davon gibt es zehn fulminante Bände in der sogenannten „Weimarer Ausgabe“ seiner Werke. Für Sinnsprüche hat er ein Faible: „Iss, was gar ist. Trink, was klar ist. Sag, was wahr ist.“ Er versteht es, sich subtil theologischer Begriffe zu bedienen. Viel lieber aber drückt er sich in ganz alltäglicher Sprache aus: „Lass einen jeden sein, der er ist, so kannst du wohl auch bleiben, der du bist.“ „Einen Baum, davon man Schatten hat, davor soll man sich verneigen.“

Der Biertrinker Luther wettert fortgesetzt gegen die deutsche Trunksucht. „Ich habe oft den ersten Bierbrauer verflucht. Es wird mit dem Bier so viel Gerste verdorben, dass man ganz Deutschland davon erhalten möchte. Und das soll alles so verderben, dass wir so schändliche Jauche daraus machen, welche wir danach an die Wand pissen?“ Zugleich möchte er seinem „lieben Deutschland“ dienen und mit dafür sorgen, “dass man uns für treue, wahrhaftige beständige Leute hält, die da Ja Ja und Nein Nein haben sein lassen.“

Um den Erbstreit zwischen zwei Mansfelder Grafen zu schlichten, reist er im bitterkalten Februar 1546 in seine Geburtsstadt Eisleben. Er ist bereits sehr krank. Er hatte geglaubt, wer den neuen Glauben angenommen hat, der müsse und könne auch vom alten Denken freiwerden und dürfe sein Herz nicht an zeitlich Gut hängen und bis aufs Messer ums Erbe streiten. Gott nennt er das, „woran du dein Herz hängst.“ So hatte er es im Großen Katechismus eingeschärft.

Gewaltaufrufe gegen Bauern schwer begreiflich

Schwer begreiflich bleiben indes einige seiner Verirrungen, die schrecklichen Entgleisungen in seiner Polemik gegen die Juden, seine zum Exzess stimulierenden Gewaltaufrufe gegen die aufständischen Bauern, seine Unerbittlichkeit gegenüber den Wiedertäufern sowie seine Ausfälle gegen Rom (das ihm freilich auch nichts schenkte), er wird sie selber vor Gott zu verantworten haben. Sie bleiben eine schwere Bürde für alle, die in Lutherischer Glaubenstradition stehen.

Wenige Tage vor seinem Tode hatte er seiner lieben Hausfrau Katherine als “Euer Heiligkeit williger Diener M.L.“ noch eingeschärft, dass er beinahe wegen ihrer Sorge gestorben wäre „denn seitdem Ihr für uns gesorgt habt, wäre uns gestern, ohne Zweifel Kraft Eurer Sorge, schier ein Stein auf den Kopf gefallen und hätte uns zerquetscht wie eine Mausefalle. Bete Du und lass Gott sorgen.“

In unseren wiederum sehr kriegerischen und dafür den Namen Gottes abermals missbrauchenden Zeiten bleibt Luthers weise Mahnung hochaktuell: „Wer zwei Kühe hat, soll die eine darum geben, dass nur der Friede erhalten werde. Es ist besser, eine in gutem Frieden als zwei im Krieg zu besitzen. Wer ein Christ sein will, soll zum Frieden helfen und raten, wo immer er kann, selbst wenn es Recht und Ursache genug zum Kriegen gäbe“.

Heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen...

Hochaktuell ist geblieben, wie er menschliche Verantwortung in einer Mehrere-Generationen-Perspektive definiert: „Man soll arbeiten, als wolle man ewig leben und soll doch so gesinnt sein, als sollten wir diese Stunde sterben.“ Ganz loslassen können und leben, als müsse man ewig leben, also auch übermorgen noch für sein Tun und Lassen einstehen, gehören als christliche Haltungen zusammen. Aus dieser Gesinnung Luthers heraus legte nach dem 20. Juli 1944 ein evangelischer Pfarrer Luther den tröstlichen, hoffnungsstarken und zum Handeln ermutigenden Satz in den Mund: „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Fromm war Luther als ein im Glauben verwurzelter Mensch, rebellisch als ein gewissensgeleiteter Einzelner, unerschrocken aus Fröhlichkeit.

– ENDE –

Von Friedrich Schorlemmer

Den ersten Teil des Textes finden Sie HIER.

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