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Schorlemmer zu Schabowski-Tod: Eine Schnodderschnauze der Macht ist gestorben

Nachruf auf ehemaligen SED-Funktionär Schorlemmer zu Schabowski-Tod: Eine Schnodderschnauze der Macht ist gestorben

Friedrich Schorlemmer hält den am Sonntag gestorbenen früheren SED-Funktionär Günter Schabowski (86) für einen „Lieblingswendehals des Westens“. In einem Nachruf bezeichnet der Wittenberger Theologe und frühere DDR-Bürgerrechtler Schabowski für einen „Wolf, der kiloweise Kreide gefressen hat.“

„Er war eine Schnodderschnauze der Macht und 150prozentig auf der harten Linie der SED“: Friedrich Schorlemmer über den verstorbenen Günther Schabowski

Quelle: dpa-Zentralbild

Wittenberg. Seine Partei - mit neuem Spitzenpersonal - hatte ihn im Dezember 1989 rausgeschmissen und dies auch unmissverständlich begründet. Schabowski und die anderen vom PB, diese von der historischen Gesetzmäßigkeit und vom Volkswillen legitimierten Gerontokraten trügen „persönliche Verantwortung für die existenzbedrohende Krise“. Sie hätten die „Mitglieder der Partei politisch entmündigt und aus den innerparteilichen Entscheidungsprozessen total ausgegrenzt“. Schabowski sei Teil des Apparates aus „bürokratischer Zentralisierung und Reglementierung“ gewesen. Er rächte sich noch 2009, als er sich von dem Titel seines Buches „Wir haben fast alles falsch gemacht“ absetzte und sagte: „Ich bin der Meinung, daß wir alles falsch gemacht haben und weil der Versuch, ein sozialistisches Gesellschaftskonstrukt zu schaffen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.“ Zugleich war er der Einzige aus dieser Machtriege der SED, der sich selber moralisch mitschuldig für die Schüsse an der Mauer gefühlt und sich entschuldigt hatte. Schabowski wusste sich schnell zu wenden. Um 180 Grad. Nun kann er sich nicht nur noch im Grabe umdrehen, ohne in neuen Wenden wieder auftauchen zu können.

Günter Schabowski im Pfeifkonzert der 100 000

Günter Schabowski im Pfeifkonzert der 100 000: Sein Auftritt auf der Protestkundgebung in Berlin am 4. November 1989

Quelle: imago

Er hat freilich nicht politische Verantwortung übernommen, auch nicht für die schweren Übergriffe um den 7. Oktober in Berlin, als er (seit 1985!) Bezirkseinsatzleiter für Berlin gewesen. Innerhalb einer zentralistischen hierarchischen Partei war er auch persönlich dafür verantwortlich. (Der Mitschnitt einer Politbürositzung aus jenen Tagen unter seiner Mitwirkung läßt einen noch heute erschaudern.)Er gehörte zu den rhetorisch begabten Scharfmachern in der SED-Führung, insbesondere als Chefredakteur des Neuen Deutschland von 1978 bis 1985. Christa Wolf sagte, daß er einer gewesen sei, vor dem man Angst gehabt hatte. Er sei „wirklich einer der Schlimmsten vor der Wende“ gewesen.

Ausgepfiffen bei Auftritt auf Berliner Protestkundgebung 1989

Man muss Günter Schabowski freilich zugute halten, daß er sich dem Volk als einziges Politbüromitglied im Oktober und Anfang November „ebenerdig“ gestellt hat. Er hat Nervenstärke gezeigt, als er seinen Text vom Podium eines ELO’s herunter im Pfeifkonzert bis zum bitteren Ende vortragen konnte. Nachdem der Moderator Schaller eingegriffen hatte, konnte er ausreden, wollte „unverdrossen“ festhalten an der der „Umgestaltung“ und versicherte, dies sei „unwiderruflich“. Mit dem „un“ hatte er es. Auch unerbittlich, wo er konnte. Er wurde nicht heruntergerissen, sondern heruntergepfiffen, vom Volk in direkter Demokratie delegitimiert. Ihm glaubte man nichts mehr. Ihm - und der SED überhaupt - traute das Volk keine wirkliche Wende mehr zu. (Ich hatte in meiner Rede gesagt, daß das Wort Dialog zu den zentralen Bedingungen der Demokratie gehöre und davor gewarnt, daß das weiche Pfötchen des Dialogs hingehalten würde, aber sich daß darunter noch die scharfe Kralle der Macht verbirgt. Dennoch: er hat sich gestellt.

Nur fünf Tage später hatte er als frisch gekürter Pressesprecher des Politbüros die Worte „sofort und unverzüglich“ gebraucht ( und dabei versehentlich die „Genossen“ angeredet, nicht realisierend, dass vor ihm die Weltpresse stand) und er hat es damit ungewollt dem Ostvolk ermöglicht, die Mauer einzurennen, statt daß die SED den DDR-Bürgern in einem bürokratischen Gnadenakt Reise- und Ausreisefreiheit Freiheit gewährt, indem sie die Mauer öffnet.

Ein Wolf, der kiloweise Kreide gefressen hat

Er war und bleibt aus meiner Sicht eine Schnodderschnauze der Macht - 150prozentig auf der harten Linie der SED und dann bald 150prozentiger Antikommunist. Er ist ein Wolf, der kiloweise Kreide gefressen hat, der alles Frühere in Bausch und Bogen verworfen, ja verdammt hat - bis er sich für den Wahlkampf für den CDU-Kandidaten Frank Steffel zur Verfügung stellte und öffentlich warb, sowie mitwirkend in einem „Gesprächskreis innerer Einheit“, zu dem auch Bärbel Bohley und Wolfgang Templin 2001 gehört hatten. Noch 1989 hatte er sich stolz den „Karl-Marx-Orden“ und kurz zuvor in der SU den „Orden der Völkerfreundschaft“ anheften lassen.

Sein berühmtester Auftritt

Sein berühmtester Auftritt: Am 9. November 1989 verkündete Schabowski auf einer Pressekonferenz, dass die neue Reiseregelung „unverzüglich“ in Kraft trete. Daraufhin stürmten die DDR-Bürger die Grenzübergänge, die Mauer fiel.

Quelle: dpa-Zentralbild

In einer Mischung aus Einsicht und Opportunismus hat er sich zum Lieblingswendehals des Westens stilisieren lassen. Er selbst hielt sich für einen der mutigen Putschisten gegen Erich Honecker (zusammen mit Egon Krenz, sich der Unterstützung Mielkes vorher versichernd), die den Saarländer am 18. Oktober entmachtet hatten. Er ließ alsbald kein gutes Haar an der DDR. Kein einziges und erfüllte den Sinnspruch „Die großen Feinde der Elche waren früher selber welche.“

Ich bin ihm am 4. November 89 begegnet, bin auch auf ihn zugegangen und hab ihm in einem Vorgespräch in einer Mocca-Bar versucht klarzumachen, daß wir das Land nicht ohne die Kompetenzen aufbauen können, die es auch in der SED gibt und daß die SED die Herausbildung einer regierungsfähigen Opposition 40 Jahre systematisch verhindert hat. Er erwies sich als ein frecher Lügenbold, der darüber schrieb, ich hätte ihm gesagt: „Ihr habt doch die Fachleute. Und ohne euch mit der SED geht’s nicht.“ Also: ich war kein Genosse, der gar das Kompanei-Du gepflegt hätte, wollte aber Mitglieder der SED nicht pauschal vom Aufbau der Demokratie abgewiesen wissen. Ich anerkannte den Mut, sich ohne Wachschutz am 4. November zu beteiligen. Kurz bevor er die kleine Leiter hinaufstieg, sagte er zu mir: „Pastor, geben Sie mir mal Ihren Segen. Ich muss da rauf.“ Ich sagte zu ihm: „Mit dem Segen macht man keinen Spaß, Herr Schabowski“ und legte ihm dennoch, da ich merkte, daß unter dem Schnoddrigen auch Angstvolles lag, die Hand auf die Schulter und sagte: „Sie kommen schon durch“. Und er antwortete: „Ach wat, ich jeh doch nich offn Schafott.“ Er stellte dies so dar, dass ich ihm den Segen angeboten hätte und er habe abgelehnt mit der Bemerkung, „ ich geh doch nicht auf ein‘ Schafott.“ Er titulierte mich später mehrfach als den „rotgelockten Priesterseminaristen“. Und nenne ihn wendefähig-bös-willige „Schnodderschnauze der Macht mit unendlichen Drehungsmöglichkeiten“.

1998 führte ich im Friedenssaal in Münster (zur Erinnerung an den Friedensschluss von 1648) mit dem früheren BND-Chef Dr. Wieck und ihm ein WDR-Gespräch, bei dem er sich als der wackerste Antikommunist gerierte. Ich versuchte gegen die demagogische Keule des scharfen Antikommunisten die Differenzierung. Einige Monate später trat er seine Haftstrafe an und musste nur ein Jahr in Moabit bleiben, nachdem der Regierende Bürgermeister Diepgen ihn begnadigt hatte.

Nun ist er tot und kann sich nur noch im Grabe umdrehen und nicht erneut wenden. Von ihm werden die Worte „unverzüglich“ und „unverdrossen“ übrigbleiben. Geöffnet haben die Mauer aber die nächtlich zum „antifaschistischen Schutzwall“ strömenden Berliner und der „von oben“ alleingelassene Grenzoffizier Harald Jäger mit dem befreienden Satz. „Jetzt fluten wir.“ Unverzüglich…

* Unser Autor Friedrich Schorlemmer (71) ist einer der bekanntesten evangelischen Theologen. Der Bürgerrechtler aus der Lutherstadt Wittenberg war in der DDR aktiv in der Opposition tätig.

Von Friedrich Schorlemmer*

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