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Schorlemmer zum Mob von Clausnitz: Sachsen droht guten 89er Ruf zu verlieren

Asylfeindliche Randale Schorlemmer zum Mob von Clausnitz: Sachsen droht guten 89er Ruf zu verlieren

Nach den ausländerfeindlichen Randalen von Clausnitz droht Sachsen seinen guten Ruf vom Wendeherbst 1989 endgültig zu verlieren. Das sagt der evangelische Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer und fordert Sachsens Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) auf, unverzüglich nach Clausnitz zu fahren.

Macht sich Sorgen um den Ruf der Sachsen: Der evangelische Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer (71).
 

Quelle: dpa

Wittenberg. Die Sachsen als Vorreiter der friedlichen Revolution, als Helden des Wendeherbstes 1989? Diesen Ruf sieht der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer (71) durch die ausländerfeindlichen Ausschreitungen von Clausnitz und Bautzen ruiniert. In einem Gastbeitrag für die Leipziger Volkszeitung (Dienstag-Ausgabe) wirft der evangelische Theologe aus Wittenberg den Randalierern vor, sie hätten jedes mitmenschliche Gefühl verloren und alle Schamgrenzen fallengelassen. „Wir sind der Mob – das passt unendlich viel besser als das so missbräuchlich gebrauchte „Wir sind das Volk!“, schreibt Schorlemmer. „In Clausnitz und Bautzen war nämlich nicht unser „deutsches demokratisches Volk“ freiheitlich-friedlich versammelt, sondern da war gewalttätiger, angstmachender, brüllender oder klatschender, buchstäblich anfeuernder, deutschtümelnder Mob zusammengeströmt.“

Auch den Polizeieinsatz in Clausnitz, bei dem am Donnerstag Abend eine ausländerfeindliche Menge einen Flüchtlingsbus bedrängte, sieht Schorlemmer äußerst kritisch. „Ein Junge ist sichtbar angstgeschüttelt und will den ihn bisher schützend erfahrenen Bus nicht verlassen, er wird mit dem „einfachen Klammergriff“ herausgezwungen. Das Vorgehen nennt der Polizeipräsident hernach absolut notwendig und verhältnismäßig. Absolut! – Größer geht’s nicht mehr. Und er lässt verlauten, dass man bezüglich des Verhaltens einzelner Businsassen, die provozierende Gesten gemacht hätten, noch ermitteln müsse. Solch Zynismus der Staatsmacht ist unübertreffbar. Der Gejagte ist schuld, nicht die, die die Fremden verjagen wollen.“

Schorlemmer geht mit den Asylgegnern von Clausnitz hart ins Gericht und spricht ihnen jedes menschliche Mitgefühl ab. „Was haben diese armen Flüchtlinge bloß den Brüllern getan? Wo ist eigentlich normales menschliches Mitempfinden geblieben? Alle Schamgrenzen sind fallengelassen. Ein zivilisatorischer Tiefpunkt ist erreicht. Das Dumpfe einer Grölmeute heult durch das ganze Land D. Wo Fremdenfeindlichkeit, krudes Deutschtum und irrationale Ängste kulminieren, da ist – mit derart Verhetzten – ein Dialog nicht möglich.“

Viel Nacharbeit sei nun vor Ort nötig sein. „Die Politik bleibt in der Pflicht, die komplexen Zusammenhänge und die zur Verfügung stehenden Alternativen zu erklären, berechtigte, übersteigerte oder irrational geschürte Ängste wahrzunehmen und zu entkräften. Die Hysterisierung ist zurückzufahren. Die Phobien sind weder zu beschwören, noch zu unterschätzen, sondern auch die Chancen sind geduldig, mutig und entschlossen zu ergreifen, ohne dabei fast unvermeidliche, aber lösbare Konflikte zu leugnen.“

Integration zum Beispiel sei ein länger währender herausfordernder Prozess. „Die Zivilgesellschaft ist herausgefordert. Sachsen droht seinen guten 89iger Ruf zu verlieren. Wer heute schläft, kann morgen in einem anderen Lande ein böses Erwachen erleben. Dass wir unsere Kultur – von Fremden bestimmt – untergraben würden, kann ich nicht erkennen. Das schaffen wir schon selber!

Der Wittenberger Theologe fordert zudem Sachsens Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) auf, umgehend an den Brandherd nach Clausnitz zu fahren, um sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort zu machen und als Landesvater einzugreifen. „Der Ort ist aufgewiegelt, aufgewühlt und rufbeschädigt. Darum, Herr Tillich, fahren Sie bitte sofort nach Clausnitz in die Flüchtlingsunterkunft zu den Verängstigten und wagen Sie sich auch zu Ihren Einheimischen, Ihren Sachsen dort, die das Volk hatten sein wollten, aber der Mob wurden. Und die Bischöfe Sachsens sollten den nun traurig-weltbekannten Ort auch nicht allein mit sich lassen.“

Friedrich Schorlemmer wird auch in diesem Jahr wieder Gast der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse sein. Am Sonnabend, dem 19. März, stellt er ab 16.30 Uhr seine neue Streitschrift „Unsere Erde ist zu retten. Eine Antwort auf Papst Franziskus“ vor.

Von Olaf Majer

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