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Schriftsteller Christoph Hein zur Asyldebatte: „Wir haben Angst davor, zu verarmen“

Ausländerfeindlichkeit Schriftsteller Christoph Hein zur Asyldebatte: „Wir haben Angst davor, zu verarmen“

Der Schriftsteller Christoph Hein hat mit einem Essay, das er 1991 zur Ausländerfeindlichkeit und Armut im „Spiegel“ veröffentlichte, aktuell Aufmerksamkeit erregt. Der Ehrenbürger der Stadt Bad Düben – dem Ort seiner Kindheit – trug bei der Dübener Friedensdekade seinen Aufsatz vor und verblüffte mit der Aktualität des Textes die Zuhörer. LVZ.de druckt den Text mit Genehmigung des Autors leicht bearbeitet nach.

Nachdenken über Asylprobleme, Ausländerfeindlichkeit und der Angst vor Armut: Der Schriftsteller Christoph Hein (71).

Quelle: dpa

Leipzig. Ein Gerücht geht durch die Welt, von Regierungssprechern bestätigt und von der Presse immer wieder behauptet und durch ihre Berichte und Bilder scheinbar bewiesen. Es heißt, die Deutschen, die Mitteleuropäer und die Amerikaner seien fremdenfeindlich, aggressiv und gewalttätig gegen Ausländer. Das ist nicht wahr.

Wenn wir einen dreißigjährigen Mörder lebenslänglich ins Gefängnis stecken oder hinrichten, weil er einen anderen Menschen ermordet hat und folglich bestraft werden muß, wäre es eine Lüge zu sagen, wir würden die Dreißigjährigen lebenslänglich ins Gefängnis stecken oder hinrichten. Wir sind gegen Ausländer ebensowenig wie gegen Dreißigjährige. Aber wir sind gegen alle, die uns bedrohen, und wir müssen sie verurteilen, wenn wir nicht uns selbst gefährden wollen.

Nein, wir sind nicht ausländerfeindlich. Das Gerücht lügt. Wir fahren selbst gern ins Ausland und freuen uns, in der Fremde zu sein, ungewöhnliche Sitten und Gebräuche kennenzulernen, ein anderes Klima und eine uns unbekannte Küche zu genießen.

Das Gerücht lügt, glaubt ihm nicht. Und glaubt nicht, daß wir Ausländer nur als Touristen freundlich begrüßen und sie ansonsten hassen. Was wäre das auch für ein merkwürdiger Haß, der nach Belieben an- und abgestellt werden kann?

Wir sind keine zurückgebliebenen Hinterwäldler, die die Welt nicht kennen, keine albernen, unaufgeklärten Toren, die vor einer anderen Hautfarbe erschrecken. Im Gegenteil. Wenn unsere Tochter mit eurem Sohn zusammenleben will, nehmen wir euren Sohn als unseren Sohn auf und ermahnen unsere Kinder, ihre Kinder zweisprachig zu erziehen, denn dies ist für ihre Bildung, ihre Kultur und ihre Geschäfte sehr vorteilhaft.

Wir sind gebildet, kulturvoll, wir haben viel gelernt und kennen die Welt. Wir wollen mit euch kaufen, mit euch verkaufen, mit euch reden, mit euch gehen und so weiter. Wir sind inzwischen auch bereit, mit euch zu essen, mit euch zu trinken und sogar – jeder zu seinem Gott – mit euch zu beten.

Nein, wir sind nicht ausländerfeindlich. Wir haben keine Angst vor eurer Hautfarbe oder Religion, und eure uns fremde Kultur achten wir und interessieren uns sehr für sie. Aber wir hassen die Armut.

Und es ist leider wahr, daß viele von euch besonders arm sind. Wir fürchten den Bazillus eurer Armut, wir fürchten, uns anzustecken. Wir haben eine panische Angst davor, zu verarmen. Dabei ist es uns völlig gleichgültig, ob jener Mensch mit diesem Bazillus ein Ausländer oder ein Deutscher ist.

Denn auch die Obdachlosen und Armen unserer Nationalität fürchten wir. Wir versuchen, sie in unsere Gesellschaft zu integrieren. Aber wenn dies nicht mehr möglich ist – sei es, weil ihre Armut sie bereits zu sehr zerstört hat, oder sei es, weil es zu viele sind und wir sie nicht mehr aufnehmen können, ohne uns selbst, unseren Wohlstand, zu gefährden – wenden wir uns auch gegen sie, brennen ihre Asyle nieder und töten sie, wenn sie auf einer Parkbank nächtigen.

Es ist keine Ausländerfeindlichkeit, die uns zur Gewalt gegen euch treibt. Es ist unser Haß gegen die Armut. Wir wollen unseren durchaus bescheidenen Wohlstand behalten und müssen ihn gegen euch verteidigen. Ihr habt – ohne es zu wissen – gegen uns einen Krieg begonnen. Eure Welt hat unsere Welt angegriffen, und wenn wir uns nicht wehren, wird unsere uns so kostbare und unaufgebbare Erste Welt in eurer Dritten Welt versinken.

Nennt uns nicht zynisch. Wir sind voll Mitleid, aber wir müssen unsere Welt verteidigen. Wir müssen unsere Wohnungen und Häuser, die euch wie Paläste erscheinen, gegen euch verbarrikadieren. Denn wenn wir diesen Kampf, diesen Krieg, den ihr begonnen habt, verlieren, werden unsere Städte zu Slums. Unsere Welt wird, wenn sie sich mit eurer Welt vermischt, untergehen. Unser Reichtum wird wie ein Eimer Wasser in dem Ozean eures Elends unauffindbar verschwinden.

Unseren Wohlstand und unsere Kultur müssen wir gegen euch verteidigen, wenn wir uns nicht selbst aufgeben wollen. Und wir werden uns ebenso entschlossen verteidigen, wie ihr offenbar entschlossen seid, eure Armut nicht weiter hinzunehmen.

Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten stellt fünf Prozent der gesamten Menschheit dar, und sie benötigt 27 Prozent der Ressourcen unserer Erde. Wir Europäer (10 Prozent) verbrauchen mit den Nordamerikanern zusammen weit mehr als die Hälfte aller Naturressourcen. Unser Reichtum ist keinesfalls luxuriös, er ist fast bescheiden. Wir benötigen eine Wohnung, einen Kühlschrank, ein Auto und etwas Papier, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Wir können euch – bei Strafe unseres Untergangs – nicht erlauben, eure Bedürfnisse gleichfalls zu befriedigen.

Wir verbrauchen pro Kopf unserer Bevölkerung jährlich 230 Kilogramm Papier. Wenn wir euch auch gestatten, pro Kopf so viel Papier zu verbrauchen, wäre die für uns lebensnotwendige Flora dieser Erde und damit die von ihr abhängige Fauna in wenigen Jahrzehnten ausgestorben. Wenn auch ihr jeder einen Kühlschrank besitzt oder Sprays benutzt, wäre die für uns alle erforderliche Ozonschicht irreparabel zerstört, bevor ihr die Raten für den Kühlschrank bezahlt hättet. Und wenn auch ihr jeder eine Wohnung und ein Auto bekommt, würde es keine Wälder und Wiesen mehr geben und keinen Spielplatz für unsere Kinder.

Ihr habt den Krieg eröffnet, und wir müssen uns verteidigen. Und da eine Mauer aus Stein nicht haltbar genug ist und nicht das Elend der Dritten Welt aus unserer Welt ausgrenzen kann, haben wir eine Mauer aus dem besten und haltbarsten Material geschaffen, das wir besitzen, eine Mauer, die keiner überwindet, eine Mauer aus Geld.

Wir sind nicht fremdenfeindlich. Zwei unserer Staaten, die USA und Australien, haben ihre Gesetze verändert, nur um die Immigration von Ausländern zu erleichtern. In Australien werdet ihr sofort aufgenommen, wenn ihr bereit seid, bei eurer Ankunft umgehend 500 000 Dollar in die Wirtschaft des Landes zu investieren, und in den USA erhaltet ihr die vollen Rechte eines Staatsbürgers, wenn ihr eine halbe Million Dollar investiert.

Wir Europäer haben solche Gesetze noch nicht formuliert, aber wir wenden sie bereits jetzt an, und zwar für euch oder gegen euch. Kommt zu uns, wenn ihr bereit seid, dieses Geld bei uns zu investieren. Aber wenn ihr nicht dazu bereit seid, dann bleibt, wo ihr seid und rührt euch nicht. Denn wenn ihr trotzdem kommt, werden wir dies als einen kriegerischen Akt ansehen und entsprechend reagieren. Doch nicht wir sind die Schuldigen. Schuldig seid ihr, schuldig der fehlenden Bereitschaft, Geld in unsere Wirtschaft zu investieren.

Wer in einem Viehstall zur Welt kommt und statt in eine Wiege in eine Futterkrippe gelegt wird, den kreuzigen wir nur deshalb, weil wir uns davor fürchten, unsere Kinder in einem Viehstall zur Welt zu bringen. (Und wenn ihr, um eurem Kind dieses Schicksal zu ersparen, es vor seiner Geburt abtreibt, werden wir euch deshalb kreuzigen.) Denn unser Gott sagt uns: Was immer ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Glaubt nicht unseren Regierungen und der Presse, wenn sie sagen, es fehle uns nur an einer gründlicheren Aufklärung und der richtigen Erziehung, die die noch immer vorhandenen rechten und linken Denkblockaden und -verbote beseitigen werden. Wir wissen, was euch fehlt und was uns droht, wenn ihr zu uns kommt. Wir sind aufgeklärt. Unsere Religion kennt – im Unterschied zu allen anderen Religionen – nicht die Sünde der Heuchelei. Denn Geld läßt sich nicht heucheln. Der scheinheilige Tartuffe kann in unserer Gesellschaft nicht überleben; er wird sofort entlarvt, wenn der Ruf zu unserem Gebet ertönt. Und der heißt bei uns: cash. Diese Religion und dieses Gebet können die Grenzen unserer Welt wirksamer schützen als jede Mauer.

Wir sind aufgeklärt. Wenn vorerst nur die Angehörigen bestimmter Schichten (die ärmeren und damit auch ungebildeteren) gegen euch gewalttätig werden, so liegt es nicht an fehlender Aufklärung. Unsere ärmeren Landsleute wissen, daß eure viel größere Armut vor allem sie bedroht. Denn unsere Armen werden die ersten Opfer eurer Armut sein, wenn wir uns nicht wehren.

Wir sind nicht ausländerfeindlich. Wir sind zivilisiert genug zu wissen, daß auch ihr einen Anspruch auf Menschenrechte habt. Aber da euer Anspruch unseren Wohlstand gefährdet und ihr ihn dennoch durchzusetzen versucht, habt ihr damit einen nicht erklärten Krieg gegen uns begonnen. Wir werden uns wehren. Aus Furcht vor eurer Armut. Aus Angst, eines Tages eure Armut teilen zu müssen.

„Eure Freiheit ist unser Auftrag“ (Inschrift des Denkmals in der Berliner Straße des 17. Juni) – „es fehlet aber das Geld“ (Hölderlin).

*Christoph Hein (71) hat diesen Text bereits 1991 im Spiegel veröffentlicht. Für die LVZ wurde er leicht bearbeitet und gekürzt. Hein ist seit 2011 Ehrenbürger der Stadt Bad Düben (Nordsachsen), dem Ort seiner Kindheit, der in vielen Romanen unter dem Namen Guldenburg reflektiert wird. Bei der Friedensdekade in diesem November las der Autor den Text erneut vor. Die Aktualität erregte die Aufmerksamkeit der Zuhörer.

Von Christoph Hein

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