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Siegfried Bülow: Vom Barkas-Boss zum Porsche-Pionier

Ruhestand Siegfried Bülow: Vom Barkas-Boss zum Porsche-Pionier

Er ist das Gesicht der ostdeutschen Autoindustrie. Jetzt geht Siegfried Bülow, der das Leipziger Porsche-Werk auf der grünen Wiese aufgebaut hat, in den Ruhestand – und mit ihm eine Ära zu Ende. Der 65-jährige Manager blickt zurück.

Nur noch bis Juli 2017 ist Siegfried Bülow Werksleiter des Leipziger Porschewerk.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Auf den ersten Blick ist es wie immer. Siegfried Bülow sitzt, in Jeans und weißem Hemd mit dem Porsche-Logo, aber ohne Krawatte, an seinem Schreibtisch, die Schiebetür zum Vorzimmer ist offen. „Hier kann jeder immer rein“, sagt der Chef des Leipziger Werks der Stuttgarter Sportwagen-Schmiede, und das werde von den Mitarbeitern auch häufig genutzt.

Doch es weht zugleich mehr als ein Hauch Abschied durch Tür und Fabrik, die ohne Bülow wohl nicht das wäre, was sie heute ist: der wichtigste und größte Produktionsstandort von Porsche. „60 Prozent aller Porsche-Fahrzeuge werden hier gebaut“, sagt Bülow mit berechtigtem Stolz in der Stimme. Ende des Monats geht der 65-Jährige, der bekannteste Auto-Manager Ostdeutschlands, in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird Gerd Rupp, 48, in den vergangenen sieben Jahren bei der Porsche-Konzernmutter Volkswagen Leiter des Werkzeugbaus in Wolfsburg.

Das letzte Schuljahr absichtlich verrissen

Die Fußstapfen, die Bülow hinterlässt, sind groß. Er hat das Werk aus dem Nichts auf- und mehrfach ausgebaut. „Vor 17 Jahren waren hier nur Felder“, erinnert er sich. Da habe es schon viel Fantasie gebraucht, um sich vorzustellen, dass hier im Norden Leipzigs später jährlich rund 150.000 flotte Flitzer von den Bändern rollen. „Das war eine riesige Herausforderung und zugleich die schönste Zeit in meinem automobilen Leben.“

Siegfried Bülow - noch bis Juli Werksleiter bei Porsche. Er ist das Gesicht der ostdeutschen Automobilindiustrie - und geht in den Ruhestand.

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Wäre es nach seinem Vater gegangen, der früher bei der Auto Union tätig war, wäre diese Erfolgsgeschichte so wohl nicht verlaufen. Denn der in Chemnitz geborene Siegfried Bülow sollte Lehrer werden. „Das konnte ich mir aber nicht vorstellen, ich wollte etwas mit meiner Hände Arbeit machen.“

Deshalb habe er das letzte Schuljahr mit Absicht verrissen und dann in den Chemnitzer Barkas-Werken, einem DDR-Transporter– und Motorenproduzenten, eine Lehre zum Werkzeugmacher absolviert. Schon von klein auf interessierte sich Bülow für Autos. Im Kinderzimmer hing ein großes Foto von einem Ford Mustang. „Wir haben Autobilder und Prospekte gesammelt, und wenn ein West-Auto auf der Straße stand, haben wir uns an der Scheibe die Nase platt gedrückt.“

In späteren Jahren hat Bülow den Ford Mustang mal bei einem Vergleich unter anderem mit dem Porsche 356 getestet. „Da habe ich festgestellt, dass ich als Kind einer Illusion aufgesessen war“, sagt er schmunzelnd. Der Unterschied sei in etwa so gewesen wie der zwischen Trabi und Golf.

Parteisekretär auf dem selben Flur

Bülow, der nach der Lehre ein Ingenieurstudium erfolgreich absolvierte, machte bei Barkas Karriere. Anfang 1989 wurde er zum Betriebsdirektor ernannt, der Vorgänger war schwer erkrankt. „Der Parteisekretär und der Gewerkschaftschef saßen auf dem selben Flur.“ Schon in den Jahren zuvor hatte Bülow Schwächen der DDR-Planwirtschaft zu spüren bekommen. Er erlebte den permanenten Mangel an Aluminiumguss, notwendig, um Motoren für den Trabi, den Wartburg, aber auch für den VW Golf zu fertigen. „Wir haben uns dann Guss aus Indien besorgt.“ Es sei schon schwierig gewesen, Lösungen zu finden.

Prägend auch die Erinnerungen an seinen ersten und bislang einzigen Ungarn-Urlaub mit seiner damaligen Frau und den drei Söhnen. Aufenthalt und Verpflegung waren bezahlt, doch das umgetauschte Geld für Freizeitaktivitäten war knapp. Der arbeitslose West-Urlauber hatte mehr Geld in der Tasche.

„Da fängt man schon an, darüber nachzudenken.“ Wenig Zeit zum Nachdenken hatte Bülow in Tagen der Friedlichen Revolution 1989. Als Barkas-Chef pendelte er zwischen Chemnitz, Wolfsburg und Salzgitter, wo VW ein Motorenwerk hat, das beliefert wurde. „Das beanspruchte mich so, dass ich die Wende nur im Fernsehen mitbekommen habe.“ Die Barkas-Werke gerieten nach Mauerfall und Währungsunion in die Krise. Bülow musste 2300 Beschäftigte entlassen, darunter seinen Vater.

Der Betriebsrat jedoch sprach ihm das Vertrauen aus, die Treuhand setzte ihn daraufhin als Geschäftsführer der Barkas GmbH ein. „Es ist eine Frage, wie man mit den Menschen umgeht“, begründet Bülow das Votum der Belegschaft. Er habe schon immer großen Wert auf Teamarbeit gelegt. „Mein Credo lautet: Wir im Management sind die Dienstleister für die Mitarbeiter am Band, denn sie schaffen die Werte.“

Die Fabrik ging an VW, Bülow später nach Wolfsburg, wurde Chef der Lackiererei. Der Ossi als Boss von 4000 Wessis – das ging auch dank seines kooperativen Führungsstils gut. „Es gibt keine Unterschiede zwischen den Ost- und Westdeutschen, es sind alles nur Menschen.“ Und wie Autos gefertigt werden, das sei in Ost wie West vom Prinzip her ebenfalls gleich. „Wir hatten hier nur einen technologischen Rückstand.“

Carrera GT als Meisterstück

Und dann kam 1999 die persönliche Wende. Ein Headhunter rief ihn an, fragte, ob er sich den Aufbau eines Autowerks in Sachsen vorstellen könne. Er konnte, unterschrieb den Vertrag bei Porsche und war in Leipzig Mitarbeiter Nummer elf. Als Dienstwagen erhielt er einen Porsche 911. Das Experiment begann. 2002 wurde das Werk offiziell eingeweiht. Autokanzler Gerhard Schröder (SPD) und Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) waren mit dabei. Denn der Auftrag lautete, den ersten Geländewagen für Porsche zu montieren. „Es war nicht abzusehen, ob der Ausflug für Porsche in die Welt der SUV mit dem Cayenne ein Erfolg werden würde.“ Es wurde.

Mit dem später in kleiner Stückzahl hergestellten Carrera GT lieferten die damals 300 Mitarbeiter so etwas wie ihr Meisterstück ab. „Das war der Durchbruch für den Standort.“ Der wurde mehrere Male erweitert, heute werden hier vor allem der Macan und der Panamera produziert, 4100 Beschäftigte sind an Bord, 1,3 Milliarden Euro wurden investiert.

„Damit ist meine Lebensbilanz mehr als ausgeglichen.“ Dass der Ende des Jahres kommende neue Cayenne nach Bratislava abwandert, kann verschmerzt werden, die Jobs hier sind sicher. Seine 17 Jahre bei Porsche seien „in der Summe ziemlich erfolgreich gewesen“, resümiert Bülow. Der Standort sei ein fester Bestandteil von Porsche und des VW-Konzerns. „Ich bin mir sicher, das Werk hat eine gute Zukunft.“

Inzwischen freue er sich auf seinen Ruhestand, sagt Bülow. Dabei bleibt er Porsche vorerst erhalten. Mit Beratervertrag kümmert er sich unter anderem um die Kontakte zu Stadt und Land. Er werde jeden Morgen pünktlich aufstehen, denn seine Frau, mit der er seit wenigen Jahren verheiratet ist, gehe weiter arbeiten als Marketing-Expertin bei Porsche Deutschland. Es ist seine dritte Ehe. Zudem wolle er sein Golf-Handicap verbessern. „Bisher habe ich die Schläger nur durch die Gegend gefahren.“

Mehrere Reisen sind geplant, Kabarett- und Opernbesuche stehen an. Und wenn er, wie gelegentlich, Einladungen von Peter Maffay bekommt, dann wird er auch künftig zu den Konzerten fahren. Und vielleicht dessen Lied hören: „Alles im Leben hat seine Zeit.“

Ulrich Milde

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