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Sind Zähne eine Frage des Geldes?

Neue Serie – Teil 1 Sind Zähne eine Frage des Geldes?

Wer sich in die Hände eines Zahnarztes begibt, bekommt am Ende nicht selten eine Rechnung. Vor allem für Zahnersatz müssen Patienten in die eigene Tasche greifen – mitunter sehr tief. Warum das so ist und welche Regeln dabei gelten, erklärt zum Auftakt unserer Serie der Sprecher der sächsischen Zahnärzte, Dr. Thomas Breyer, im Interview.

Zuzahlung von 60.000 Euro: Bei Zahnbeandlungen ist nichts unmöglich.

Quelle: Andreas Gebert

Als Zahnarzt sind Sie sowohl Mediziner als auch Unternehmer. Passt das zusammen?

Das ist kein Widerspruch, im Gegenteil. Wir Zahnärzte sind als Freiberufler Unternehmer – und wir müssen von unserem Beruf leben. Aber bei uns steht der Patient im Mittelpunkt, nicht der Profit.

Warum haben Patienten mitunter einen anderen Eindruck?

In 99 Prozent aller Fälle trügt dieser Eindruck. Aber ja, es gibt auch unter den Zahnärzten ein paar schwarze Schafe. Wenn so etwas bekannt wird, dann kümmern wir uns natürlich darum.

Hängt es am Ende aber nicht doch vom Geldbeutel ab, wie gut ich beim Zahnarzt versorgt werde?

Zunächst: Es gibt kaum ein anderes Land, in dem gesetzliche Krankenkassen so viel für die zahnärztliche Versorgung ihrer Versicherten zahlen wie in Deutschland. Die allermeisten Behandlungen sind zuzahlungsfrei – von der Amalgamfüllung über Injektionen beim Bohren und Zahnziehen, das Zahnziehen selbst bis hin zu Schienen und der Parodontitis-Therapie. Lediglich bei Zahnersatz müssen Patienten einen Teil der Kosten selbst tragen. Nämlich all das, was die Regelversorgung übersteigt.

Erklären Sie doch bitte, was Regelversorgung eigentlich bedeutet?

Mit Regelversorgung ist eine notwendige, zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung mit Zahnersatz gemeint. Davon übernimmt die Krankenkasse einen Festzuschuss, der etwa 50 Prozent der Kosten der Regelversorgung abdeckt. Der Festzuschuss erhöht sich auf maximal 65 Prozent, wenn Patienten regelmäßig zum Zahnarzt gehen. Wie hoch der Eigenanteil ist, kann der Patient aber auch noch in anderer Hinsicht beeinflussen. Er darf nämlich selbst entscheiden, ob er einen einfachen oder luxuriösen Zahnersatz wünscht. Das ist gegenüber früher ein deutlicher Fortschritt: Da hatte man nämlich nur die Wahl, ob man die Kassenvariante nimmt – oder alles aus der eigenen Tasche bezahlt.

Würden Sie sich mit der Regelversorgung begnügen?

Das kommt auf den Einzelfall und die persönlichen Ansprüche an. Ich würde zum Beispiel immer versuchen, eine festsitzende Versorgung zu erhalten – also Brücke statt herausnehmbarer Prothese. Das kann die Regelversorgung übersteigen.

Und was ist mit Patienten, die sich nicht einmal die einfachste Regelversorgung leisten können?

Wer bestimmte Einkommensgrenzen unterschreitet, hat Anspruch auf doppelten Festzuschuss. Der entspricht dann oft dem Kassenanteil, ein Eigenanteil entfällt damit.

Laut Barmer-Zahnreport zahlen Versicherte für Zahnersatz bundesweit inzwischen mehr als die Hälfte aus eigener Tasche. Sachsen gehört zu den wenigen Ausnahmen. Sind wir zu geizig – oder sind die Ansprüche der Patienten in anderen Regionen nur höher?

Ich denke, in Bayern sind die Ansprüche und die Kaufkraft einfach höher, als bei uns. Aber das ist nur eine Spekulation, belastbare Untersuchungen gibt es nicht.
Heißt das, dass die Sachsen schlechter versorgt sind?

Nein. Das zeigt nur, dass es immer noch besser geht. Das ist wie mit einem Auto: Sie kommen sowohl mit einem VW Polo als auch einem Mercedes bequem und sicher von A nach B. Im Mercedes ist es nur etwas luxuriöser.

Dr. Thomas Breyer.

Dr. Thomas Breyer.

Quelle: Andreas Döring

Die Grenzen für Kassenleistungen sind eng gezogen. Gibt es auch bei Privatleistungen eine Grenze nach oben?

Alles, was über eine Regelversorgung hinausgeht, wird individuell zwischen Zahnarzt und Patient vereinbart. Die Preise sind in der Gebührenordnung der Zahnärzte – kurz GOZ – klar geregelt. Je nach Aufwand gibt es dann noch Steigerungssätze. Es gibt ja Zähne, die machen ganz viel Arbeit. Wenn man die erhalten will, dann kostet das Zeit, und es wird eben teurer. Oder man zieht sie – dann wird es sehr preiswert.

Und wo ist die Grenze?

Die gibt es faktisch nicht. Die höchste Rechnung, die ich gesehen habe, betrug um die 60 000 Euro. Wenn jemand eine keramische Krone mit einem Brillanten braucht und das nötige Geld hat – bitte schön. Aber auch Privatleistungen müssen medizinisch begründet sein, damit die Versicherung zahlt. Zurzeit gibt es eine heftige Diskussion, ob man Zähne beschleifen und überkronen darf, nur damit sie schön und gesund aussehen. In den USA ist das gang und gäbe, bei uns streiten sich die Juristen.

Was ist Ihre Meinung?

Für mich ist das Körperverletzung. Aber wie gesagt: Der Wunsch der Leute ist da.

Das Arzt-Patienten-Verhältnis hat viel mit Vertrauen zu tun. Wie finde ich den Zahnarzt meines Vertrauens?

Um einen guten Zahnarzt zu finden, sollten mehrere Punkte beachtet werden. Erstens die Mundpropaganda: Fragen Sie im Bekanntenkreis, ob jemand jemanden empfehlen kann. Zweitens: Prüfen Sie, ob sich der Zahnarzt Zeit für Sie nimmt. Erklärt er alles, und klärt er Sie über alles auf – über die Kosten, über Therapiealternativen? Gibt er Ihnen etwas Schriftliches in die Hand, und lässt er Ihnen Zeit zum Überlegen? Und selbst wenn es der perfekte Zahnarzt ist, muss es nicht der richtige für Sie sein. Auch die Chemie zwischen Arzt und Patient muss stimmen.

Angenommen, die Chemie stimmt, aber das Angebot ist mir einfach zu teuer. Darf man auch verhandeln?

Wenn man bei mir anfängt zu verhandeln, dann trennen sich unsere Wege. Das würde ja bedeuten, dass mein Heil- und Kostenplan nicht seriös kalkuliert ist. Wenn Ihnen ein Angebot zu teuer erscheint, dann holen Sie sich besser eine Zweitmeinung ein.

Stimmt wenigstens die Regel: Je teurer, desto besser?

Wenn es um die Qualität der Ausführung geht, ist eine hochwertige zuzahlungsfreie Totalprothese genauso gut wie ein teures Implantat – 90 Prozent der Prothesenträger sind damit völlig zufrieden. Teuer wird eine Versorgung vor allem durch teures Material, hohen Zeitaufwand und spezielle Technik. Und es ist auch ein Unterschied, ob Sie zum Zahnarzt in Köln, Berlin oder in Berggießhübel gehen. Denn auch der Aufwand für die Mitarbeiter und die Miete muss ja eingespielt werden.

Wer kontrolliert eigentlich die Qualität der sächsischen Zahnärzte?

Jede Praxis muss ein Qualitätsmanagement umsetzen. Arbeitsabläufe werden dokumentiert, die Verwendung von Materialien und Geräten, die Schulung von Mitarbeitern, die medizinischen Untersuchungen des Personals. Da ist nicht alles sinnvoll, die viele Bürokratie geht zulasten der Behandlungszeit. Der Patient wird als Objekt betrachtet, nicht als Subjekt.

Und wer kontrolliert, ob die Zahnärzte alles ordentlich machen?

Die Kassenzahnärztliche Vereinigung führt jährlich Stichprobenprüfungen zum Qualitätsmanagement durch. Außerdem gibt es die Wirtschaftlichkeitsprüfungen der Krankenkassen.

Und wenn sich Patienten beschweren?

Für Fehlbehandlungen haftet der Zahnarzt. Dafür hat er eine Haftpflichtversicherung. Wir versuchen, Streitigkeiten durch eine Schlichtung zu befrieden und einen Gang vor Gericht zu vermeiden. Das ist uns in den letzten Jahren auch immer gelungen.

Wie oft beschweren sich Patienten eigentlich – und worüber?

Unsere Beratungsstelle bearbeitet pro Jahr etwa 1700 Fragen von Patienten. Da geht es oft um Rechnungen oder um eine Zweitmeinung, es gibt aber auch Vorwürfe zu vermeintlich falschen Behandlungen. Bei den Gutachtern der Kassenzahnärztlichen Vereinigung werden vor allem Heil- und Kostenpläne unter die Lupe genommen. Hier geht die Zahl der Anfragen von Jahr zu Jahr zurück. 2015 waren es noch 5600 – bei 600 000 Behandlungen Das ist ein Rückgang von zehn Prozent, den wir als Lob empfinden. Und es könnten noch weniger sein, wenn die Kommunikation zwischen Arzt und Patient intensiver geführt würde.

Gibt es genug Zahnärzte in Sachsen?

Ja, alle Regionen sind sogar überversorgt.

Und wie steht es um den Nachwuchs?

Unsere Planung geht bis 2030 – Engpässe sind da nicht abzusehen. Wir beobachten lediglich, dass junge Leute lieber in Großstädten arbeiten wollen. Obwohl sie auf dem Land viel mehr Patienten betreuen könnten.

Interview: Steffen Klameth

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