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Sonntagsfilm "Westflug" erzählt Entführungsgeschichte einer Dresdnerin

Sonntagsfilm "Westflug" erzählt Entführungsgeschichte einer Dresdnerin

Sie ist wohl eine der spektakulärsten Fluchtgeschichten des Kalten Krieges. Vor mehr als 30 Jahren kaperte ein DDR-Bürger ein polnisches Linienflugzeug und erzwang eine Landung in Westberlin.

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Constanze Schröder lebte vor ihrer nie geplanten Flucht in den Westen in Dresden. Heute leitet die 57-Jährige einen Pflegedienst in Mannheim.

Quelle: privat .

Dresden. 50 Passagiere aus der DDR müssen sich binnen weniger Minuten entscheiden: Bleiben sie im Westen oder kehren sie zurück in die DDR? Unter ihnen ist Constanze Schröder aus Dresden mit zwei kleinen Kindern und einem Mann, von dem sie sich demnächst scheiden lassen will. Das Drama an Bord der Tupolew war RTL einen eigenen Spielfilm wert, den der Kölner Privatsender an diesem Sonntag um 20.15 Uhr unter dem Titel „Westflug - Entführung aus Liebe" ausstrahlt.

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Sie gehört zu den spektakulärsten Fluchtgeschichten des Kalten Krieges. Vor mehr als 30 Jahren kaperte ein DDR-Bürger ein polnisches Linienflugzeug und erzwang die Landung in Westberlin. 50 Passagiere aus der DDR müssen sich entscheiden: Bleiben sie im Westen oder kehren sie zurück in die DDR? Unter ihnen ist Constanze Schröder aus Dresden.

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Constanze Schröder ist sich sicher, dass im August 1978 eine höhere Macht in ihrem Leben gewirkt hat. Wie sonst, sagt sie, seien die vielen Zufälle in diesem Monat zu erklären. Etwa der, dass die vierköpfige Familie von Dresden aus komplett in den Polenurlaub fuhr, obwohl Tochter Stephanie erst ein halbes Jahr und damit eigentlich zu klein für solch eine lange Reise war und nur mitkam, weil Oma und Opa nicht auf sie aufpassen konnten. Wie sei zu begreifen, dass die vier während des Urlaubs mit ihrem Trabant verunglücken, lediglich leicht verletzt werden, das Auto aber nicht mehr repariert kriegen und mit dem Flugzeug in die DDR zurückkehren müssen.

Wie sei zu verstehen, dass sich die Schröders entgegen der Gewohnheiten des Vaters, der ein notorischer Spätaufsteher ist, für eine Frühmaschine am 30. August 1978 nach Berlin-Schönefeld entscheiden, nur damit Mutter Constanze vor der geplanten Taufe von Stephanie noch mit ihr zu Hause zum Arzt gehen kann.

Das Flugzeug, eine Tupolew der polnischen Fluggesellschaft „LOT", hebt nach 8 Uhr in Danzig ab. An Bord: 50 DDR-Bürger. Nicht einmal zwei Stunden später muss Constanze Schröder innerhalb weniger Minuten die Entscheidung ihres Lebens treffen. Die Entscheidung, ob sie Freunde, Eltern und Verwandte hinter sich lässt und diese Liebe, diese Geborgenheit gegen ein Leben in Freiheit eintauscht. Denn das Flugzeug, in dem die damals 25 Jahre alte Frau mit ihrem Mann und ihren Kindern sitzt, wird in der Luft entführt und nach Westberlin zum Airport Tempelhof umgeleitet. Das Motiv dieser spektakulären Aktion: Liebe.

Unter den beiden Entführern ist eine junge ostdeutsche Kellnerin, Ingrid Ruske, die sich in einen Westdeutschen verliebt hat und zu ihm gelangen möchte. Ihre Flucht mit gefälschten Papieren über Polen missglückt aber. Der Geliebte wird von der Staatssicherheit festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Nun ändert sich der Plan. Ruskes Bekannter Detlev Thiede kauft auf einem Flohmarkt eine Spielzeugpistole, mit der er später den Piloten der polnischen Linienmaschine bedrohen und die Landung in Tempelhof erzwingen wird.

Constanze Schröder sitzt im Flugzeug mit ihrem Mann sowie den Kindern Stephanie und Michael nur wenige Plätze hinter Thiede. „Ich dachte bis zum Schluss nicht an eine Entführung", erzählt die 57-Jährige, „bemerkte nur, dass ein Mann während des Fluges mehrmals zum Cockpit ging, hinter einem Vorhang verschwand und sich ein Glas Wasser geben ließ. Außerdem sah ich Hände herumfuchteln und überlegte, ob der Herr vielleicht umgekippt ist." Constanze Schröder weiß nicht, was sie als Kinderkrankenschwester davon abhielt, nach vorn zu gehen und dem Mann zu helfen, wie es sonst ihre Art war. Stattdessen bleibt die junge Frau sitzen. Schaut immer wieder auf die Uhr, auf ihr Baby neben sich, auf die leuchtenden Anschnallzeichen. Vorboten die Landung in Ostberlin. Dachten zumindest die Passagiere. In Wirklichkeit dreht das Flugzeug eine Warteschleife nach der anderen über dem Westberliner Luftraum. Die Minuten verstreichen und Constanze Schröder wird langsam unruhig. Sie ist noch nie gern geflogen, will endlich raus aus dieser engen Maschine.

„Als das Flugzeug zur Landung ansetzte, wunderte ich mich noch über die Häuser, die so dicht am Rollfeld standen, ohne mir aber weitere Gedanken darüber zu machen", erzählt sie. Erst mein Mann sagte plötzlich ganz aufgeregt: „Constanze, das ist Tempelhof!" In diesem Moment blieb das Herz der Mutter von zwei Kindern für den Bruchteil einer Sekunde stehen. „Ich wollte nie aus der DDR flüchten, lebte gern in Dresden. Politik war in unserer Familie kein Thema und uns fehlte auch nie etwas", betont Schröder. „Mein Vater war Pfarrer und bekam von befreundeten Gemeinden in den alten Bundesländern immer Westpakete zugeschickt."

Ihr Mann denkt da anders. Er fühlt sich schon lange in der DDR unwohl, will endlich weg, würde sogar durch die Donau schwimmen, um das Unerreichbare möglich zu machen. Jetzt trennt ihn nur noch eine Flugzeugtür vom „Goldenen Westen". Detlev Thiede erklärt den Passagieren kurz, dass die Maschine entführt wurde und wer will, hier aussteigen könne. „Mein Mann drängte mich dazu, aber mir schossen tausende Gedanken auf einmal durch den Kopf", beschreibt Schröder. „Ich bin mittellos und kenne das westdeutsche System nicht. Was kommt auf mich zu? Werde ich hier mit zwei kleinen Kindern Fuß fassen können? Und darf ich meine Eltern, insbesondere meine Mutter, die ihre Enkel so liebt, einfach zurücklassen?"

Ein weiteres Problem ist, dass die Ehe von Constanze Schröder und ihrem Mann in Dresden eigentlich schon zu Ende war. Sie lebten getrennt und fuhren nur ein letztes Mal gemeinsam in den Urlaub nach Polen, weil er Freunden dort unbedingt seine Kinder zeigen wollte. „Wir haben die Scheidung beschlossen und jetzt soll ich mit diesem Mann in der BRD auf einmal ein neues Leben anfangen", überlegt sich Schröder. Sie zögert und setzt sich wieder hin, während es sich im Flugzeug zunehmend staut, weil immer mehr Menschen in den Gang strömen.

Dann steht Constanze Schröder doch auf und verlässt die Linienmaschine. Ein weiteres Ehepaar folgt ihr. „Ich wusste, wie sehr mein Mann seine Kinder liebt und vertraute ihm in diesem Moment. Wenn die kleine Stephanie nicht dabei gewesen wäre, wäre ich natürlich ohne eine Sekunde zu überlegen in die DDR zurückgereist. Aber so war es etwas anderes, wir waren eine Familie. Und ließen eine Menge Probleme hinter uns, wie die Schwiegereltern, die mich nie leiden konnten."

In Tempelhof kümmern sich zunächst amerikanische Soldaten um die Schröders, später werden sie ins Notaufnahmelager Marienfelde gebracht und ziehen schließlich nach Mannheim, wo Constanze heute einen Ambulanten Pflegedienst leitet. Die Ehe der beiden hielt am Ende länger als gedacht, bis 1999. „Ich bin mir sicher, meine Kinder hätten sich zu anderen Persönlichkeiten entwickelt, wenn wir in der DDR geblieben wären. Ihr Vater konnte ihnen so sehr viel mitgeben und darüber bin ich froh", meint Constanze Schröder.

„Aus heutiger Sicht war der 30. August 1978 der glücklichste Tag in meinem Leben. Erst spät habe ich begriffen, dass nur ich allein mein Leben gestalten kann. Dass ich nur das Werkzeug bekomme, etwas aus mir zu machen oder unterzugehen."

Auch nach der Flucht in den Westen sah Schröder ihre Eltern in größeren Abständen, denn als Altersrentner durften diese in die BRD reisen. Bereut hat die 57-Jährige den wohl größten Schritt in ihrem Leben nur ein einziges Mal: Bei einem Klassentreffen nach der Wende in Pirna. „Dieser Tag hat mir so viel gegeben wie kaum ein anderer, aber mir wurde schlagartig bewusst, wie solche Freundschaften auseinander gegangen sind."

Vor dem Verhalten der Entführer hat Constanze Schröder großen Respekt. „Sie taten etwas, was wir anderen uns nicht getraut haben. Mein Mann wollte auch flüchten, aber er hat dieses Flugzeug im Gegensatz zu den beiden nicht umgeleitet."

Christoph Stephan

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