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Späte Gerechtigkeit für Zwangsarbeiter im Weinbau - Ausstellung in Radebeul

Späte Gerechtigkeit für Zwangsarbeiter im Weinbau - Ausstellung in Radebeul

Bundesweit erstmals beleuchtet ein Museum den Weinbau im Nationalsozialismus. Mit der Sonderausstellung „Erinnerung und Verantwortung“ über die Zwangsarbeit in Deutschlands kleinstem Weinanbaugebiet schlägt das Sächsische Weinbaumuseum Hoflößnitz Radebeul am Dienstag (27. Juli) ein bisher verborgenes Kapitel der Agrargeschichte auf.

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Eine Ausstellung in Radebeul widmet sich nun dem bislang unerforschten Einsatz Kriegsgefangener in deutschen Weingütern.

Quelle: dpa

Radebeul. „Es ist historisch nicht aufgearbeitet“, sagt Museumsleiterin Bettina Giersberg. Während es zur Zwangsarbeit in der Industrie ganze Lehrstühle gebe, sei der Weinbau ein dunkler Fleck.

„Es ist ein Thema, das die Bevölkerung auch noch betrifft“, so die Historikerin. Nur in Verbindung mit Heimatgeschichte und Biografien könne Sensibilität für eine Auseinandersetzung erzeugt werden. „Die persönlichen Geschichten sprechen die Leute an.“ Die Schau solle zugleich auch Anstoß für das Deutsche Weinbaumuseum oder andere Weinregionen sein, sich mit dem Kapitel zu beschäftigen. „Zwangsarbeit im Weinbau gab es überall“, sagt die 42-Jährige.

Schon die Ankündigung der Exposition in Radebeul stieß auf große Resonanz. „Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die sich gut an die Zeit und die Zwangsarbeiter in den Weinbergen erinnern.“ Diese hätten teilweise erstmals darüber gesprochen. Im Museum und in Archiven fand Giersberg Dokumente, Zeitzeugen stellten Material zur Verfügung. Fotos zeugen von der schweren Arbeit, Gemälde von der Elblandschaft.

Die seit Ende des 19. Jahrhunderts brachliegenden Weinhänge im Elbtal waren von 1935 an wieder bepflanzt worden - zunächst mit Hilfe Arbeitsloser, später unter Einbeziehung des Reichsarbeitsdienstes. „Die Nazis sahen den Weinbau als identitätsstiftend an“, sagt Giersberg. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 fehlte es an Arbeitskräften, die Lücken wurden mit Zwangsarbeitern aufgefüllt. „Ihre genaue Zahl lässt sich nicht beziffern, da sie nicht extra ausgewiesen wurde.“ Nach Schätzungen Giersbergs wurden allein Hunderte im Elbtal und Tausende Zwangsarbeiter in den Weinbergen in ganz Nazideutschland eingesetzt.

„Sie bauten Mauern, schnitten Reben, halfen bei der Ernte.“ Neben sowjetischen Soldaten waren nachweisbar Polen, Belgier und Franzosen im Elbtal tätig. „Ihnen ging es zwar besser als Zwangsarbeitern in der Industrie, aber sie lebten auch ohne Arbeitsschutz und ärztliche Versorgung, bekamen nur geringen oder keinen Arbeitslohn und waren in umzäunten Barackenlagern untergebracht“, so die Historikerin. „Manche wohnten bei den Winzern, die die Angelernten so lange wie möglich behalten wollten.“

Von der Existenz gefangener Soldaten der Roten Armee zeugt auch eine Treppenstufe aus Sandstein mit eingeritzten Namen. „Die haben wir aus einem Weinberg geholt“, sagte Giersberg. Das Stück ist in der Ausstellung zu sehen. Zudem soll im Weinberg „Goldener Wagen“ künftig an einer Stufe der Spitzhaustreppe eine Gedenktafel an die 1940 bis 1945 zur Arbeit gezwungenen Europäer erinnern. „Ein Stück später Gerechtigkeit“, schrieb Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) in den Katalog.

Simona Block, dpa

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