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Stahlstadt Riesa: Anwohnerprotest befeuert Innovationen im Stahlwerk

Stahlstadt Riesa: Anwohnerprotest befeuert Innovationen im Stahlwerk

Schon lange bevor sie sich Sportstadt nannte, war Riesa Stahlstadt - seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Noch zu DDR-Zeiten arbeiteten im Stahl- und Walzwerk rund 9000 Menschen.

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Blick in die Ofenhalle der ESF Elbe-Stahlwerke Feralpi GmbH in Riesa

Quelle: dpa

Riesa. Dutzende Schornsteine ragten am Ufer der Elbe in die Höhe und bliesen Rauch und Abgase aus riesigen Siemens-Martin-Öfen in den Himmel. Dann kam die Wende und binnen kurzer Zeit brach alles zusammen. Seit 1994 fließt in der sächsischen Industriestadt wieder Stahl. Zwei Jahre zuvor hatte der italienische Feralpi-Konzern auf einem Teil des Geländes des früheren Staatsbetriebs die Elbe-Stahlwerke Feralpi GmbH (ESF) gegründet.

In einem Elektrolichtbogenofen wird dort jetzt aus Schrott Stahl für die Bauindustrie geschmolzen. In diesem Jahr sollen es 900 000 Tonnen werden, mit aktuell knapp 420 Mitarbeitern. Direktor Frank Jürgen Schaefer will das Werk zu einem der weltweit modernsten seiner Art machen, vor allem was Energieeffizienz und Umwelttechnik angeht. Und die Produktionskapazität soll um 40 Prozent steigen. Vor knapp einem Jahr kündigte ESF an, 31 Millionen Euro zu investieren, um bis zu 1,4 Millionen Tonnen Stahl im Jahr herstellen zu können - mehr als zu DDR-Zeiten. Doch passiert ist bislang nichts. „Die Genehmigung liegt noch nicht vor“, erklärt Schaefer. Einwände von Anwohnern hätten das Verfahren in die Länge gezogen. Der Antrag umfasst 17 Aktenordner. Seit März liegen den Behörden die Unterlagen nun in endgültiger Fassung vor. „Da wird jetzt nichts Spektakuläres mehr passieren“, zeigt sich Schaefer zuversichtlich. Noch im dritten Quartal des Jahres erwartet er grünes Licht.

Bei der Anwohner-Bürgerinitiative, die von der Umweltorganisation BUND unterstützt wird, sieht man das anders. Sie wirft der ESF vor, in Sicht- und Hörweite eines Wohngebiets Grenzwerte für Lärm- und Schadstoffemissionen nicht einzuhalten. Eine Genehmigung sei deshalb ausgeschlossen, konstatierte der sächsische BUND-Landesvorsitzende Felix Ekardt schon nach dem Erörterungstermin Anfang Dezember. „Und daran hat sich auch nichts geändert“, sagt er heute. Die Fronten scheinen unversöhnlich. Doch bei allem Ärger sieht Schaefer in dem Konflikt, der sich nun schon durch viele Jahre und Verfahren zieht, nicht nur Negatives. „Das hat auch immer positive Aspekte, weil man seine Organisation ständig auf den Prüfstand stellt. Und dadurch steigert sich die Effektivität.“ „Es gibt kein Stahlwerk in Deutschland, das diese Untersuchungstiefe erreicht hat“, sagt Mathias Schreiber, bei ESF zuständig für den Umweltschutz. Dies führe dazu, dass Techniken verfeinert und Ressourcen besser genutzt würden. Mittlerweile setze das Werk Standards. „Im Bref-Dokument „Eisen und Stahlerzeugung“ wird die ESF im Bereich Entstaubungstechnologie und Maßnahmen zur Dioxin-Minderung als Referenz genannt“, sagt er stolz.

Bref ist die Abkürzung für Best Available Techniques Reference. In den Bref-Dokumenten zeigt die EU-Kommission die jeweils beste verfügbare Technik zur Vermeidung und Verminderung von Umweltauswirkungen auf. „Das heißt, das ist der Maßstab für alle Elektrostahlwerke in Europa. Das ist positiv“, erklärt Schaefer. Nicht zuletzt die durch die Energiewende steigenden Strompreise führten dazu, eine ursprünglich im Rahmen der Werkserweiterung geplante Maßnahme vorzuziehen. Dabei handele es sich um eine neue Art der Abwärmenutzung im Abgaskanal des Lichtbogenofens. „Der wird jetzt nicht mehr mit Wasser gekühlt, sondern mit Dampf, der deutlich mehr Energie aufnehmen kann als Wasser in flüssiger Form“, erläutert Schaefer. Und dieser Dampf bringt und spart mittlerweile Geld. 30 Tonnen des sogenannten Sattdampfes fallen pro Stunde an. „Davon werden zehn Tonnen an die Stadtwerke verkauft. Die den Dampf noch ein bisschen aufbereiten und ihn dann an ein Reifenwerk weiterverkaufen. Zwei Drittel des Dampfes, also 20 Tonnen, verstromen wir.“ Dadurch würden fünf Prozent des benötigten Schmelzstroms erzeugt.

Für die Kooperation mit den Stadtwerken und dem Reifenwerk gab es im letzten Jahr den Sächsischen Umweltpreis. Mit 1,9 Millionen Euro fördert das Bundesumweltministerium eine weitere Maßnahme zur Energie- und Emissionseinsparung in Riesa. Dabei geht es um die effiziente Verknüpfung der Prozesse zwischen Stahl- und Walzwerk. 27 000 Tonnen Kohlendioxid und 2800 Tonnen Filterstaub könnten so pro Jahr eingespart werden. „Von 21 Stahlstandorten in Deutschland sind wir die Nummer zehn. Bei Betonstahl sind wir die Nummer drei von fünfen“, sagt Schaefer. Mit der geplanten Werkserweiterung schwimmt er gegen den Branchenstrom. „Zuletzt wurden in Deutschland durch Stilllegung nicht mehr wirtschaftlicher Anlagen eher Kapazitäten abgebaut“, berichtet eine Sprecherin der Wirtschaftsvereinigung Stahl in Düsseldorf.

Die Stadt ist sich der Bedeutung des Werks nicht nur aus historischer Sicht bewusst. „Es ist der größte Gewerbesteuerzahler, ein großer Arbeitgeber und außerdem tut Feralpi viel für das gesellschaftliche Leben“, lobt Stadtsprecher Uwe Päsler. „Die Riesaer wissen auch noch sehr gut, wie es hier mit der Luft vor 25 Jahren aussah. Deshalb hat die überwiegende Mehrheit auch kein Problem mit dem Stahlwerk.“

Von Martin Fischer, dpa

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