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Strahlender Abfall wird Hausmüll - Deponien nehmen schwach radioaktives Material auf

Strahlender Abfall wird Hausmüll - Deponien nehmen schwach radioaktives Material auf

In Sachsen werden leicht strahlende Abfälle auf Mülldeponien abgelagert. Das sind zumeist Schlämme, die aus der Erdöl- und Erdgasförderung stammen. Wegen geringer Radioaktivität werden sie aus der Strahlenschutzverordnung entlassen und wie normaler Hausmüll behandelt.

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Die Mülldeponie Cröbern.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die Grenzwerte werden eingehalten. Ein Unbehagen bleibt.

Es ist eine sicher zufällig, aber doch skurrile Gleichzeitigkeit: Gerade wird bekannt, dass auf sächsischen Hausmülldeponien auch radioaktive Rückstände abgelagert werden, da spendiert Sachsens Umweltminister Frank Kupfer (CDU) einigen Schulen Experimentiersets für das Messen radioaktiver Strahlung. Er kommentiert die Schenkung mit den Worten: "Allein schon der Begriff Radioaktivität erzeugt bei vielen Menschen Unbehagen."

Genau aus diesem Grund wurde bisher um derartige Rückstände auf hiesigen Deponien nicht viel Aufhebens gemacht. Nachfragen dieser Zeitung ergeben indes, dass es sich um nicht unerhebliche Mengen handelt. Laut zuständiger Strahlenschutzbehörde, dem Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, liegen auf der Deponie in Seehausen insgesamt 139 Tonnen und auf der Zentraldeponie Cröbern 806,7 Tonnen Material, das aus der strahlenschutzrechtlichen Überwachung entlassen wurde. Insgesamt hat der Freistaat seit 2001 exakt 8476 Tonnen radioaktive Abfälle vom Strahlenschutz befreit. Sie wurden auch auf die Deponien in Zobes, Wetro und Grumbach gebracht. Dort werden sie so behandelt wie der Inhalt gewöhnlicher Hausmülleimer.

Das Material fällt beim Straßenbau, bei der Sanierung von Altlasten, der Metallrückgewinnung, vor allem aber bei der Gewinnung von Erdöl und Erdgas an. Bohrungen in große Erdtiefen fördern Schlämme zu Tage, die radioaktive Stoffe wie Radium 226 und Polonium 210 enthalten. Ein Zerfallsprodukt von Radium ist das radioaktive Gas Radon, das nach dem Rauchen der zweitschlimmste Verursacher von Lungenkrebs ist.

Deutschland ist zwar bekanntermaßen kein klassisches Erdölförderland. Doch wie der Neapelmüll bewies, werden Abfallstoffe jeglicher Art als gewöhnliches Handelsgut dorthin gebracht, wo sie kostengünstig endbehandelt werden. Somit gehören auch große Energiekonzerne wie Exxon Mobil, RWE und Wintershall zu den Lieferanten. Zudem entzieht eine Leipziger Firma radioaktiven Schlämmen das Quecksilber und lagert die Reste gleichfalls auf hiesigen Deponien ab.

Sachsens Behörden prüfen die beantragten Mengen. Die Landesdirektion Leipzig teilt mit, die Strahlung jeder einzelnen Anlieferung auf den Deponien zu messen. Die Feststellung der Gamma-Ortsdosisleistung erfolge über dem gelieferten Material mit einem Dosimeter. Der Grenzwert von einem Millisievert pro Jahr werde dabei weit unterschritten.

Strahlenexperten bescheinigen den Landesbehörden seriöse Arbeit. "Aus meiner Sicht besteht in Sachsen kein Grund zur Beunruhigung", sagt Wolfgang-Ulrich Müller, Strahlenbiologie des Uni-Klinikums Essen. Die Behörden würden ihre Aufgabe offensichtlich ernst nehmen und entsprechend den Vorschriften kontrollieren. Müller, der auch Mitglied der Strahlenschutzkommission ist, verweist auf die natürliche Hintergrundstrahlung: "Ein bisschen Radioaktivität steckt in jedem Material." Die meisten Stoffe hätten eine natürliche, geringe Radioaktivität, merkt er an und bringt ein Beispiel. Die Gesamtaktivität der auf der Kippe in Seehausen deponierten radioaktiven Reststoff wird von der Strahlenschutzbehörde mit 1536 Megabecquerel angegeben. Das entspräche der natürlichen Strahlung von etwa 4000 Tonnen Speisebohnen. Denn die enthalten das Element Kalium 40.

Auch der Arbeitsmediziner Klaus Schmid von der Uni Erlangen verweist auf die natürliche Strahlung, die auf jeden einwirke und die ungefährlich sei. Gleiches gelte für Abfall, der unter den bedenklichen Strahlungswerten bleibe. Schmid mahnt aber einen besseren Schutz der Deponiearbeiter an. Die Methode der Landesdirektion sei dafür nicht ausreichend. "Die Messung der Gamma-Ortsdosisleistung erfasst nicht die mögliche Aufnahme von Alphastrahlern, um die es sich bei Radium 226 und Polonium 210 handelt", erklärt Schmid. Vielmehr müsse abgeschätzt werden, wie hoch die tatsächliche Strahlenbelastung der Beschäftigten in den Deponieanlagen ist, wie viel von welchem radioaktiven Material die jeweilige Person über die Luft oder die Nahrung aufnehmen kann und welche Strahlenbelastung für die einzelnen Körperorgane damit verbunden ist. "Dies ist aufwendig und nicht durch einfache Messung der Ortsdosisleistung zu erreichen. Dazu braucht man einen erfahrenen Strahlenbiologen", mahnt Schmid.

Auch wenn die Grenzwerte unterschritten werden, bleibt ein Unbehagen. Zumal in Deutschland der industrielle Umgang mit den radioaktiven Schlämmen der Selbstkontrolle der Firmen unterliegt. Folglich gibt es auch warnende Stimmen. Etwa die des kanadischen Experten Tab Cuthill. Er setzt in der Fachzeitschrift Oilweek Magazine ein Alarmsignal: Das Problem mit radioaktiven Stoffen aus der Öl- und Gasförderung sei heute "vergleichbar mit der Asbest-Problematik vor 20 Jahren".

Andreas Friedrich

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