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Tag der Deutschen Einheit: Die Rede von Sachsens Ministerpräsident Tillich im Wortlaut

Tag der Deutschen Einheit: Die Rede von Sachsens Ministerpräsident Tillich im Wortlaut

Der Landtag lädt traditionell zu einer Feierstunde ins Parlament - Abgeordnete, Mitglieder der Regierung, Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur sowie Bürger des Freistaates.

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Stanislaw Tillich (CDU) und Joachim Reinelt, früherer Bischof des Bistums Dresden-Meißen, bei der Feierstund am 3. Oktober im Landtag Dresden.

Quelle: dpa

Dresden. Die Festrede soll Altbischof Joachim Reinelt halten. Ministerpräsident Stanislaw Tillich spricht im Landtag über die Friedliche Revolution, Stolz auf die Aufbauleistung und Dankbarkeit für solidarische Hilfe. Die Herkunft "westdeutsch" oder "ostdeutsch" spiele immer weniger eine Rolle im geeinten Deutschland. Hier können SIe die Rede im Wortlaut nachlesen:

Rede von Ministerpräsident Stanislaw Tillich anlässlich der Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit im Sächsischen Landtag am 3. Oktober 2013:

„Jetzt ist eine Zeit zum Reden.“ – Ich möchte diesen Satz aus Ihrer Rede, verehrter Herr Landtagspräsident, gerne aufgreifen.

Wie Worte, wie Reden wirken können, diese Erfahrung kennen wir aus der Friedlichen Revolution von 1989. Aber wir wissen auch, dass Worte manchmal nichts mehr ausrichten können.

60 Jahre „17. Juni 1953“

Das lehrt uns die Geschichte des Volksaufstandes in der DDR vom 17 Juni 1953. Wir haben in diesem Sommer der Opfer gedacht, die vor 60 Jahren dafür auf die Straße gegangen sind, damit ihre Worte gehört werden. Sie wurden von Panzern und Gewehren übertönt. Eine Losung damals hieß: „Wir wollen freie Menschen sein!“ Gemeint war damit auch: Wir wollen nicht mehr schweigen in der Diktatur. Wir wollen das sagen können, was wir meinen – ohne Gefahr für Leib und Leben. Zurück blieben von Panzern niedergewalzte Hoffnungen. Angst und Terror hielten das Land für lange Zeit eisern im Griff. Und dieses dramatische, ja traumatische Ereignis brannte sich damals tief in die Köpfe und Herzen der Menschen ein. So schreibt eine Bürgerin aus Girbigsdorf bei Görlitz am Abend des 17. Juni 1953 in ihr Tagebuch: „Wir legen unser Schicksal in Gottes Hände.“

Friedliche Revolution

36 Jahre später kam die Zeit, in der die Menschen in der DDR ihr Schicksal in ihre eigenen Hände nehmen konnte. Es war eine Zeit, in der Worte wiedergefunden wurden, um die Sprachlosigkeit und die Angst von vier Jahrzehnten sozialistischer Diktatur zu überwinden.

Es war eine Zeit, um Mauern zu überwinden, um aufeinander zu zugehen. So sind im Herbst 1989 aufrechte Bürger den Weg in die Freiheit zu Ende gegangen, der 1953 jäh unterbrochen worden war. Der Juni-Aufstand von 1953 und die Friedliche Revolution 1989/90 stehen also in einem engen, inneren Zusammenhang.

Tag der Deutschen Einheit

Das gilt auch für den 3. Oktober, den Tag der Deutschen Einheit.  Die Hoffnungen von 1953 und 1989 fanden hier ihre Erfüllung:

„Einigkeit und Recht und Freiheit“ – das sind die Worte und Werte, nach denen vier Jahrzehnte lang nur in einem Teil unseres Vaterlandes gestrebt werden konnte. Erst mit dem 3. Oktober 1990 konnten alle drei Worte in ganz Deutschland gelebt werden. Und es passt sehr gut, dass der „3. Oktober“ seinen Namen – Tag der Deutschen Einheit – vom Gedenktag zum 17. Juni 1953 „geerbt“ hat.

Eigenes Erleben 3. Oktober 1990

Meine Damen und Herren, den 3. Oktober 1990 habe ich in Berlin erlebt. Hinter mir lagen arbeitsreiche Monate in der ersten und letzten frei gewählten Volkskammer der DDR. Wir alle, die damals wie in einer „Werkstatt der Geschichte“ ohne Blaupause und ohne Vorbild an der Einheit Deutschlands gearbeitet hatten, fühlten: In diesem Moment, als die deutsche Fahne vor dem Reichstag wehte, kam etwas zur Ruhe.

Die große Sehnsucht nach Freiheit und Einheit Deutschlands in Frieden, war nun erfüllt. Aber es war keineswegs das „Ende der Geschichte“, das ein amerikanischer Historiker an dieser Zeitenwende ausgerufen hatte. Denn seitdem sind viele neue Kapitel der Geschichte aufgeschlagen worden.

Solidarische Aufbauleistung

Blicken wir kurz in einige deutsche und europäische Kapitel:

Wir in Sachsen, in Ostdeutschland, können zurecht stolz sein auf die Aufbauleistung der letzten zwei Jahrzehnte. Gleichzeitig sind wir dankbar für die solidarische Hilfe, die wir bisher aus ganz Deutschland erfahren haben.

Meinem Empfinden nach spielt die Herkunft – „westdeutsch“ oder „ostdeutsch“ – immer weniger eine Rolle in Deutschland.

Vielmehr geht es darum, wie wir gemeinsam etwas erreichen, unser Land voran bringen können. Nicht zuletzt deshalb ist uns gelungen, gut durch die Wirtschafts- und Finanzkrise der letzten Jahre zu kommen.

Europa

Das führt mich zu den europäischen Kapiteln unserer Geschichte:

Für mich ist es bemerkenswert, wie Deutschland in Europa wahrgenommen wird. Insbesondere bei unseren direkten sächsischen Nachbarn, in Polen und Tschechien.

Natürlich gibt es kritische Stimmen, die vor einem allzu starken Deutschland warnen. Aber ich bin der festen Überzeugung: In Europa muss niemand mehr Angst haben vor einer deutschen Übermacht. Soweit ist das Vertrauen in insgesamt sechs Jahrzehnten europäischer Zusammenarbeit gewachsen.

Dieses Vertrauen über Grenzen hinweg, ist für mich ebenso ein Gewinn an Freiheit, wie es die Friedliche Revolution gewesen ist.

Auch wenn wir uns in Europa darüber streiten, wie Gelder verteilt werden sollen oder Gurken und Äpfel aussehen dürfen, wichtig ist doch, worüber wir uns nicht streiten: Über unsere errungene Freiheit, die wir in vielerlei Form auf diesem Kontinent erreicht haben. Ich nenne hier nur die Reisefreiheit oder die Meinungsfreiheit, die wir vom Nordkap bis Sizilien, vom Atlantik bis an die Ostsee genießen dürfen.

Sie ist uns so selbstverständlich geworden, dass wir kaum noch darüber nachdenken. Wenn Freiheit und Demokratie selbstverständlich sind, dann ist das wunderbar für eine Gesellschaft. Aber es ist wichtig, Freiheit und Demokratie immer wieder neu zu erringen, sie sich aktiv anzueignen und damit auseinanderzusetzen. Der ehemalige Verfassungsrichter Udo di Fabio hat das so ausgedrückt: „Erst wer befreit ist, trägt die Last der Freiheit.“ Und das gilt gerade für die Nachgeborenen, die Krieg und Diktatur in Europa nur noch aus dem Geschichtsbuch kennen.

Freiheit und Demokratie sind nur dann von Dauer und eine Selbstverständlichkeit, wenn wir ganz bewusst als freie Bürger denken, fühlen und handeln. Und diese Freiheit darf sich nicht auf die Freiheit des Besitzes beschränken. Der Mehrwert der Freiheit besteht ja nicht darin, dass ich das Auto fahren kann, das mir gefällt, oder in fremde Länder reisen kann, wie es mir gefällt.

Freiheit heißt auch Verantwortung. Wirklich frei können wir nur sein, wenn wir gemeinsam mit anderen das tun, was uns für das Gemeinwohl nützlich erscheint. Das ist es, was unsere Gesellschaft erhält und zusammenhält. Dass wir schauen, was zu unserer Linken und zu unserer Rechten passiert. Dass es mir nicht egal ist, wie es meinem Nachbarn geht. Dass wir Hand in Hand – wie die Demonstranten bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig und überall im Land – für unsere freie Gesellschaft eintreten. So entsteht aus Freiheit und Verantwortung – Solidarität. So schaffen wir es, dass dieser Dreiklang das Fundament einer guten Heimat ist:  hier im Freistaat Sachsen, in Deutschland und in Europa.

Und dieses Fundament müssen wir erhalten: Indem wir der bitteren, tragischen und traurigen Momente gedenken, wie zum Beispiel den Opfern des 17. Juni 1953. Indem wir die guten und schönen Momente feiern, wie den Tag der Deutschen Einheit.  Jedes hat seine Berechtigung und ist doch untrennbar miteinander verbunden.

Die Erinnerung daran wachzuhalten  und die Bedeutung dieser Momente für die Zukunft zu bewahren, das ist unser Auftrag. Und deshalb  – ich wiederhole es gerne noch einmal – ist auch jetzt und heute: „eine Zeit zum Reden.“

Quelle: Sächsische Staatskanzlei

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