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„Tage der Industriekultur“ - Pferderennen in Chemnitz-City

„Tage der Industriekultur“ - Pferderennen in Chemnitz-City

Dieses Mal hat es geklappt - nichts hielt die Pferde auf, die am Samstag in der Chemnitzer Innenstadt bei schönstem Sonnenwetter schwere Arbeit verrichten mussten.

Chemnitz. Zwölf Kaltblüter aus dem Erzgebirge hatten zusammen 23 Tonnen zu ziehen - so schwer waren der Tieflader und die Dampflok auf ihm zusammen. Der Loktransport galt als Höhepunkt der ersten Chemnitzer „Tage der Industriekultur“ am Wochenende. Beim Historischen Loktransport vor einem Jahr wog die Last noch sieben Tonnen schwerer, doch damals war es eben auch schief gegangen.

Mitten auf der Strecke war an jenem 22. August 2009 eine Deichsel gebrochen, so dass die damals 16 Pferde ausgespannt werden mussten und das Dampfross nur mit Laster zum Bahnhof kam - ausgerechnet im Jubiläumsjahr, zum 200. Geburtstag von „Sachsens Lokomotivkönig“ Richard Hartmann (1809-1878). Hartmann hatte beinahe 60 Jahre lang beim Transport seiner frisch gebauten Loks von der eigenen Fabrik bis zum Bahnhof auf Pferdestärken vertraut - und mit insgesamt rund 4000 Fuhren bis 1908 für eine echte Chemnitzer Besonderheit gesorgt.

Dreimal wurde diese Tradition inzwischen neu belebt: Im Jahr 2000 steuerten Pferde allerdings von vornherein nur den nahen Busbahnhof an, 2009 scheiterten sie nach drei Vierteln der Route mit der altehrwürdigen Dampflok „Hegel“. Am Samstag aber stimmte alles - wenn man mal von der rückwärts auf dem Tieflader stehenden Lok absieht, was Hobby-Fotografen ein bisschen Laune und Motiv verdarb.

Den Wallachen Manne und Cäsar aus Lengefeld im Erzgebirge war das egal - leichter wurde ihre Fuhre auch verkehrt herum nicht. Gemeinsam mit den ihnen im Geschirr nachfolgenden fünf Pferdepaaren brachten sie die Ladung unversehrt ins Ziel - und zwar ziemlich flott. Für die etwa anderthalb Kilometer lange Strecke brauchten sie nicht länger als eine halbe Stunde. Da kamen selbst ihre Pfleger ins Schwitzen, wie zum Beispiel Joachim Oelsner. Der 58-jährige Crottendorfer bekannte anschließend: „Das war ein Pferderennen und kein -ziehen.“

Tatsächlich hielten die Gäule das Tempo hoch. Dass die Zuschauer, die auf Augenhöhe bleiben wollten, dennoch normalen Schrittes hinterher kamen, lag an vier kurzen Pausen des spektakulären Gespanns. Das jeweils anschließende Wieder-Starten gelang nicht ohne aufgeregte Schreie und Peitschenhiebe der Pfleger - schließlich mussten die Tiere gemeinsam anziehen, wenn sie vorwärts kommen wollten.

Dass ihnen damit Unrecht geschah und das ganze Spektakel für sie nichts weiter als eine Qual war, befürchteten indes nicht etwa einmal die Tierschützer der Grünen, die zur selben Zeit des Loktransports zufällig ein paar 100 Meter weiter ihre Landesarbeitsgemeinschaft gründeten. „Kaltblüter sind das Ziehen ja gewöhnt“, sagt der Initiator der Gruppe, Manfred Hastedt.

Der Lengefelder Reiterhof-Chef Maik Reichel, der mit acht Pferden beim Loktransport dabei war, stellte seinen Tieren als Anerkennung „eine Schaufel Hafer mehr“ in Aussicht. Die meisten der Pferde, die im Alltag zu Holztransporten und Kremserfahrten eingesetzt werden, seien schon 2009 dabei gewesen, er würde auch gern wieder kommen, sagte Reichel. Ob und wann es einen Loktransport in Chemnitz wieder gibt, ist allerdings noch unklar.

Mit Blick auf den riesigen Aufwand kündigte Organisator Sven Leibold vom Sächsischen Eisenbahnmuseum an, dass es nächstes Jahr erst einmal keinen geben werde. Leibold brachte die Lok übrigens noch am frühen Nachmittag per Laster wieder ins Sächsische Eisenbahnmuseum Chemnitz-Hilbersdorf zurück. Die Pferde waren zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg zurück ins Erzgebirge - manche traten zu ihrer nächsten Schicht an. Bauer Oelsner jedenfalls, der mit Eddi, Perle, Liese und Lore in Chemnitz angetreten war, sagte: „Wir haben heute noch eine Kremserfahrt in Oberwiesenthal.“

Tino Moritz, dpa

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