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Tatort Altenheim - zunehmend werden die Pflegekräfte Opfer von Gewalt

Tatort Altenheim - zunehmend werden die Pflegekräfte Opfer von Gewalt

Wenn von Gewalt im Altenheim die Rede ist, steht die Rollenverteilung fest: Die Tat geht von Pflegern aus - und ihre Opfer sind gebrechliche oder behinderte Menschen.

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Befreiung aus einer Umklammerung: Hedda Kretsch und Michael Jung-Lübke demonstrieren bei einem Seminar in Dresden, wie sich Pfleger gegen Übergriffe wehren können.

Quelle: debski

Dass auch Pfleger attackiert werden, zählt zu den großen Tabuthemen, über die nur ungern gesprochen wird. Dabei sind Betreuer in Alten- und Behindertenheimen sowie in der ambulanten Pflege tagtäglich Angriffen ausgesetzt.

Schon die Anfahrt wird zur Tortur. Auf der Stirn von Kirsten Pauli* bilden sich feine Schweißtropfen, ihr Herz rast. Am letzten Treppenabsatz beginnt schließlich der Countdown. Sie zählt die Stufen bis zur zweiten Etage. Hier wohnt ihr Albtraum-Patient. Die zierliche Frau, Mutter von zwei kleinen Kindern, weiß genau, was sie in wenigen Sekunden erwartet: Ein nackter Mann, 89 Jahre - der danach giert, sie zu berühren. "Alle Gespräche drehen sich nur um Sex. Bevor ich eintreffe, hat er sich schon selbst erregt. Und wenn ich ihn dann waschen muss, sind seine Hände überall auf meinem Körper." Kirsten Pauli arbeitet im Raum Dresden als ambulante Altenpflegerin. Jeden Tag verbietet sie ihrem Albtraum-Patienten dieses Betatschen. Bislang ohne Erfolg.

Kirsten Pauli ist kein Einzelfall. Übergriffe auf Pfleger und Betreuer sind eher die Regel als eine Ausnahme, hat eine wissenschaftliche Studie im Auftrag der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) ergeben. Während landläufig angenommen wird, dass in der Psychiatrie das Gewaltpotenzial am größten ist, stellt die Studie fest: Die meisten Patientenübergriffe werden aus Behinderteneinrichtungen und Altenheimen gemeldet. Dagegen kommen Angriffe in der Jugendhilfe nur halb so oft wie in Behindertenheimen vor, am seltensten werden Probleme aus Krankenhäusern und der Psychiatrie angegeben. "Jede dritte befragte Pflege- und Betreuungskraft fühlt sich durch Gewalt und Aggressionen hoch belastet", zitiert BGW-Sprecher Michael Muth die schockierenden Ergebnisse. Die medizinischen Diagnosen lauten häufig: Depression, Burn out, Posttraumatisches Belastungssyndrom - und diese münden nicht selten in einem Attest zur Berufsunfähigkeit. Hinzu kommen immer mehr Meldungen bei der gesetzlichen Unfallversicherung, die auf Aggressionen der Betreuten zurückgehen.

Deshalb hat die BGW vor einiger Zeit begonnen, Pflegekräfte für den Ernstfall zu schulen: Im Jahr 2005 gab es die ersten vier Seminare zu "Gewalt in der Altenpflege". Die Nachfrage war und ist so groß, dass die Fortbildungskurse stets binnen kurzer Zeit ausgebucht sind. Allein die Piag-B, einer von bundesweit vier Seminar-Anbietern zu diesem Thema, hat im vergangenen 101 entsprechende Drei-Tages-Schulungen mit je 20 Teilnehmern absolviert. "Wir könnten noch viel mehr dieser Seminare abhalten, der Bedarf ist riesengroß - weil das Problem riesengroß ist", sagt Piag-B-Fachberaterin Hedda Kretsch. Die Sozialpädagogin und Sozialtherapeutin, auf Deeskalation spezialisiert, weiß aus eigener, fast drei Jahrzehnte langer Erfahrung: "Häufig werden solche Erlebnisse unter den Teppich gekehrt. Doch der erste Schritt zur Prävention ist, über das Erlebte zu reden, aus möglichen Fehlern zu lernen."

Das Reden fällt den meisten Betroffenen allerdings schwer. Häufig aus Scham, manchmal auch aufgrund von Selbstzweifeln. Denn das Thema, das die Betreuer derart bewegt, wird in der Öffentlichkeit totgeschwiegen - weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Wird die steigende Zahl von Übergriffen in Pflegeeinrichtungen öffentlich thematisiert, sind die Rollen klar verteilt: Die Opfer sind Alte oder Behinderte, die Täter kommen stets aus den Reihen des Personals. Doch der umgekehrte Fall kommt viel häufiger vor: Patienten oder Heimbewohner greifen das Personal an. Entweder verbal oder aber mit Händen, Füßen, Zähnen, Gegenständen. Hinzu kommen sexuelle Übergriffe, wie im Fall von Kirsten Pauli. Erst kürzlich versuchte sich eine Pflegerin im schwäbischen Neu-Ulm gegen solche Attacken per Gerichtsbeschluss zu wehren. Das Ergebnis war: Sie wurde selbst zur öffentlich Angeklagten, sie wurde aufgrund ihrer Aussagen angefeindet. Denn das Problem ist, dass bei solchen Vorfällen keine herkömmlichen Opfer-Täter-Rollen greifen. Die Folge ist ein immenses Unverständnis. Auf allen Seiten.

"Man muss sich doch mal deutlich machen, was diese betreuenden Menschen aushalten müssen. Beißen, kratzen, treten, spucken - das ist an der Tagesordnung", sagt Ernst Engelke. Der Professor für Soziale Arbeit, bis 2007 an der Fachhochschule Würzburg tätig, berät und schult Pflegekräfte sowie Ärzte seit einigen Jahren, damit sie mit solchen Gewalterfahrungen besser umgehen können. Auch die Sozialtherapeutin Hedda Kretsch, die eben solche Kurse unter anderem in Dresden gibt, stellt klar: "Die meisten Betreuer gehen mit Empathie an ihren Beruf und sind dann mit der aggressiven Situation überfordert. Das Schweigen wird nicht selten als Selbstschutz verstanden. Man darf aber auch nicht vergessen: Viele haben Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie über die Probleme reden."

Heimleitungen und Pflegedienste haben das Problem jahrelang ignoriert. Manche versuchen das auch heute noch. Allerdings denken immer mehr um. So erklärt ein privater Anbieter, der nicht genannt werden möchte: "Wir schicken unsere Mitarbeiter regelmäßig zu solchen Schulungen. Würden wir das öffentlich kommunizieren, hätten wir vielleicht das Stigma eines gewalttätigen Hauses. Viele Angehörige würden kein Verständnis für die Probleme haben, die ihre kranken Verwandten unseren Mitarbeitern bereiten." Denn letztlich geht es auch im sozialen Bereich ums Geld - um Geld, das nur durch eine hohe Auslastung verdient werden kann.

Der Markanteil der Pflegebranche ist bereits jetzt hoch; die Zahl der Hilfsbedürftigen steigt genauso wie die Zahl der im sozialen Bereich Beschäftigten stetig. Ein Gutachten der TU Dresden, das die Liga der Freien Wohlfahrtsverbände in Auftrag gegeben hatte, stellt fest: Im sozialen Bereich arbeiten momentan fast 200 000 Menschen allein in Sachsen, das sind mehr als in Bau- und Gastgewerbe zusammen. Gegenwärtig verdient bereits jeder zehnte Sachse sein Geld im Sozialwesen.

Kirsten Pauli ist eine von ihnen - und eine von 20 Kursteilnehmern, die sich in einem Wochenend-Seminar von Hedda Kretsch und deren Kollegen Michael Jung-Lübke in Dresden auf künftige Übergriffe vorbereiten lassen. 17 Frauen und drei Männer sitzen im Kreis um die beiden Sozialpädagogen. Jeder von ihnen kann von ähnlichen Situationen berichten, wie sie Kirsten Pauli tagtäglich erleben muss. Doch auch Bedrohungen mit Spiegelscherben oder eine Geiselnahme mit vorgehaltener Schreckschuss-Pistole gehören dazu. "Ihr müsst klare Grenzen setzen, ihr müsst nicht alles aushalten, ihr seid kein Freiwild", redet Hedda Kretsch den Pflegekräften immer wieder ins schlechte Gewissen, "das Maß ist, was man in der Öffentlichkeit aushalten würde." Kirsten Pauli sagt zum Abschied, dass sie ihren Arbeitsgeber gleich am Montag informieren will. Egal, was danach passiert.

 

 

* Name auf Wunsch geändert

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.01.2014

Andreas Debski

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