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Terrorismus-Experte Tophoven: „Von einsamen Wölfen geht unberechenbare Gefahr aus“

Interview Terrorismus-Experte Tophoven: „Von einsamen Wölfen geht unberechenbare Gefahr aus“

Rolf Tophoven, Chef des Essener Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik, spricht im Interview mit der LVZ über die Festnahme des Syrers Dschaber al-Bakr, Pauschalurteile über Flüchtlinge und Islamisten in Deutschland.

Terrorismus-Experte Rolf Tophoven (Archivbild)

Quelle: Armin Kühne

Leipzig. Wie bewerten Sie die Festnahme des Syrers Dschaber al-Bakr, der offenbar seit einiger Zeit unter Beobachtung stand?

Rolf Tophoven: Es ist gut zu wissen, dass die Sicherheitsbehörden in Deutschland die islamistische Szene unter Beobachtung haben. Allerdings zeigt der Fall auch, dass wir in Deutschland mit spektakulären Aktionen rechnen müssen. Der militante Islamismus hat Deutschland zum Operationsfeld erklärt.

Was sind die Gründe dafür?

Das liegt an der veränderten Lage in Syrien. Je stärker der Islamische Staat dort zurückgedrängt wird, je mehr versucht er, terroristische Aktionen in die Länder Europas zu exportieren. Die verheerenden Anschläge in Paris und Brüssel sind Beispiele dafür, wozu der IS alles fähig ist.

Es heißt, dass ein Landsmann den Gesuchten der Polizei übergeben hat.

Das ist ein gutes Signal. Es zeigt einmal mehr, dass wir uns mit Pauschalurteilen über Flüchtlinge zurückhalten sollten. Die meisten von ihnen sind vor dem IS-Terror geflohen und sind bereit, sich an die Behörden zu wenden, wenn Hassprediger oder zu Anschlägen bereite Mitflüchtlinge ihre Wege in Deutschland kreuzen.

Wie bewerten Sie die Tatsache, dass der Gefasste als Flüchtling ins Land gekommen ist?

Es war naiv, zu glauben, der IS würde die Flüchtlingsströme nicht für seine Terrorstrategie nutzen. Die Blanko-Pässe, die der IS in syrischen und irakischen Städten erbeutet hat, nutzt er auch. Zudem versucht er in Flüchtlingsheimen, neue IS-Kämpfer zu gewinnen.

Von den rund 800 deutschen Islamisten, die sich in Syrien dem Islamischen Staat angeschlossen haben, sollen etwa 200 zurückgekommen sein – ist das realistisch?

Nicht alle, die zurückkommen, sind gefährlich. Viele sind traumatisiert von den Folterungen, Hinrichtungen und anderen Gräueltaten des IS. Es gibt allerdings Erkenntnisse, wonach etwa 70 von ihnen absolut gefährlich sind. Das sind tickende Zeitbomben. Die müssen streng unter Beobachtung.

Ist das überhaupt machbar?

Wachsamkeit ist jetzt das oberste Gebot. Unsere Terrorabwehr in Deutschland ist gut aufgestellt. Auch der Austausch sicherheitsrelevanter Daten mit dem Ausland klappt nach meinen Erkenntnissen ganz gut. Personell müssen die Behörden angesichts der veränderten Gefahrenlage weiter aufrüsten. Klar müssen wir uns aber auch darüber sein, dass es absolute Sicherheit nicht geben kann. Dank moderner Kommunikationsmöglichkeiten lassen sich Einzeltäter heute schnell und effektiv steuern. Der Islamische Staat hat schon seit längerem angebliche Kämpfer auch in Europa zu Einzelaktionen aufgerufen. Von diesen einsamen Wölfen geht eine unberechenbare Gefahr aus.

Interview: Andreas Dunte

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